Reproduktionsmedizin

Warten auf das Wunschkind

Was tun, wenn der Kinderwunsch unerfüllt bleibt? Brigitte Leeners, leitende Ärztin am Universitätsspital Zürich, zeigte in einem Referat die Möglichkeiten und Grenzen der modernen Reproduktionsmedizin auf.

Helen Aumayer

Säugling
Säugling beim Schwimmen: Viele wünschen sich ein Kind, doch nicht jeder Kinderwunsch kann erfüllt werden. (Bild: MasterFinally, Wikipedia)

Die Zeugung eines Kindes ist keine Selbstverständlichkeit: Ein gesundes Paar im Alter von 25 Jahren hat eine Wahrscheinlichkeit von nur 20 Prozent, innerhalb eines Zyklus ein Kind zu zeugen. Falls sich der Kinderwunsch nach zwei Jahren nicht erfüllt hat, spricht man aus medizinischer Sicht von Zeugungsunfähigkeit oder Sterilität, je nach Alter der Frau sind Abklärungen jedoch bereits nach 1 Jahr oder sogar 6 Monaten sinnvoll.

Betroffenen Paaren steht eine Reihe von Behandlungen zur Wahl, sagte Brigitte Leeners, Reproduktionsmedizinerin am Universitätsspital Zürich, in ihrem Referat, das sie im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Wissen-schaf(f)t Wissen» hielt. Bei der Insemination werden Spermien des Mannes direkt in die Gebärmutter gegeben – nah an die Eizellen. Ist die Qualität oder Zahl der Spermien nicht ausreichend, kommt die sogenannte Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) infrage. Bei anderen Störungen wie etwa beim Verschluss der Eileiter kann eine In-vitro-Fertilisation (IVF) zur Anwendung kommen. Dabei werden Eizellen entnommen, befruchtet und der Embryo anschliessend in die Gebärmutter eingepflanzt.

Der gesamte Behandlungszyklus ist aufwändig: Hormonspritzen und häufige Kontrollen folgen auf diese Behandlungen. In ihrer Beratungssprechstunde legt Brigitte Leeners grossen Wert darauf, diese Folgen transparent aufzuzeigen und darüber zu informieren, dass bei der Empfängnis auf natürlichem Wege wie auch mit medizinischer Unterstützung das Alter ein entscheidender Faktor ist. Zwischen 35 und 40 Jahren sinkt die Fruchtbarkeit auf ca. 20 Prozent des Wertes einer 25-jährigen. Je älter die Frau und damit ihre Eizellen, desto grösser das Risiko einer Fehlgeburt oder einer ausbleibenden Schwangerschaft. «Diese altersbedingten körperlichen Veränderungen können derzeit auch durch die moderne Reproduktionsmedizin nicht korrigiert werden», betonte Leeners.

Brigitte Leeners
Brigitte Leeners
«Die Reproduktionsmedizin bietet heute sehr gute Chancen, einen Kinderwunsch zu realisieren. Beim «Social freezing» sollten Aufwand und Nutzen sorgfältig abgewogen werden»: Brigitte Leeners, leitende Ärztin am Universitätsspital Zürich. (Bild: zVg)

Den Alterungsprozess einfrieren

Das gilt auch für das «Social Freezing», das bei jungen Frauen an Akzeptanz und Popularität gewinnt. Dabei lässt sich eine Frau im jüngeren Alter Eizellen entnehmen und einfrieren (kryokonservieren), um später darauf zurückgreifen zu können. Das Verfahren wurde ursprünglich vor allem für Krebspatientinnen entwickelt, um die bei einer Chemotherapie geschädigten Eizellen zu ersetzen. Beim «Social Freezing» entscheiden sich Frauen nicht aufgrund einer Krankheit für diese Methode, sondern aus persönlichen Gründen – etwa wenn der passende Partner fehlt oder wichtige Karriereschritte anstehen.

Vielen Frauen mit dem Wunsch nach «Social Freezing» sei nicht bewusst, dass häufig zwei bis drei Behandlungen nötig sind, um einen genügenden Vorrat an gefrorenen Eizellen für eine realistische Chance auf die gewünschten Kinder anzulegen, so Leeners. «Man muss mit der Frau gemeinsam prüfen, welcher Aufwand und welche Kosten bei welcher Chance gerechtfertigt sind», fügte Leeners hinzu. Und auch hier gilt: je jünger desto besser. Die Erfolgsraten nach erfolgter Kryokonservierung, dem Einfrieren der Zellen, sind insgesamt gut. Doch viele Faktoren – der wichtigste ist auch hier das Alter der Frau bei der Entnahme der Eizellen – machen den Erfolg aus. Von einer Schwangerschaft nach der Menopause ist nach Leeners Einschätzung abzuraten, das Risiko von Komplikationen sowohl für das Kind als auch für die Mutter sei zu hoch.

Kinderfreundliche Umgebung schaffen

Die Paare müssten sich darüber im Klaren sein, dass der Weg zum Kind mittels Reproduktionsmedizin nicht einfach ist. «Er kann teuer, aufwändig und körperlich belastend sein. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht», bilanzierte Leeners.

Was also tun, um die Jahre der biologischen Fruchtbarkeit optimal zu nutzen? Brigitte Leeners betonte, dass den Paaren nicht nur technische Möglichkeiten geboten werden sollten. Vielmehr sei es wichtig, auch gesellschaftliche und politische Anreize zu schaffen. Dies könnten einerseits verbesserte Strukturen für Kinderbetreuung sein, oder ein grösseres Angebot von Teilzeitstellen und Job-Sharing-Angebote auch in Führungspositionen. Zudem sei eine entsprechende Aufklärung bereits bei Jugendlichen vonnöten. Neben wichtigen Themen wie Verhütung und Geschlechtskrankheiten sollte im Schulunterricht auch Familienplanung und die im Alter sinkende Fruchtbarkeit Thema sein. Medienberichte über prominente ältere Mütter, die sich den Kinderwunsch auch noch mit 50 Jahren scheinbar problemlos erfüllten, könnten in diesem Zusammenhang relativiert werden.

Brigitte Leeners ist Professorin an der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie. Sie referierte im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Wissen-schaf(f)t Wissen» des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie (ZIHP). Das ZIHP ist ein Kompetenzzentrum der UZH. Brigitte Leeners ist eines von mehr als 100 Mitgliedern des ZIHP.

Ihr Fachwissen lässt Brigitte Leeners auch in die Entwicklung des Ovulations-Armbandes Ava https://www.avawomen.com/ einfliessen. Dieses ist mit Sensoren ausgestattet und zeigt den Trägerinnen ihre Fruchtbarkeit im Laufe ihres Zyklus an. Seit diesem Sommer ist das Armband in den USA erhältlich. Der Markteintritt in Europa erfolgt in den kommenden Monaten.

Helen Aumayer ist wissenschaftliche Koordinatorin am Zentrum für Integrative Humanphysiologie (ZIHP)

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