Lehrpreis 2016

Der Herzblutprofessor

Der diesjährige Lehrpreis der Universität Zürich geht an den Accounting-Experten Conrad Meyer. Der emeritierte Professor ist für die besondere Leistung geehrt worden, Studierende optimal auf den obligatorischen Leistungsnachweis vorzubereiten.

Alice Werner

Conrad Meyer
Lehrmeister, Mentor und Dozent: Conrad Meyer, emeritierter BWL-Professor, unterrichtet mit Leib und Seele. (Bild: Frank Brüderli)

Für fiese Fragen hat er kein Talent, absichtlich irreführende Prüfungsaufgaben sind nicht sein Stil. Beides würde auch kaum zum seriösen Auftritt passen, zu seiner sympathischen, einnehmenden Art und dem Anspruch an sich selbst, den Studierenden ein Vorbild zu sein ‒ «als integrer Mensch, glaubwürdige Persönlichkeit und Engagierter in der Sache».

Conrad Meyer, 66 Jahre, Anzug, weisses Hemd, Krawatte, perfekt gestutzter Schnauzer, ist emeritierter Professor für Rechnungswesen und Dozent am Institut für Betriebswirtschaftslehre. «Neutral, gerecht und anständig» zu prüfen, ist eins seiner obersten Gebote. Fairness bedeutet für ihn vor allem, dass der Leistungsnachweis auf den Unterricht und die kommunizierten Lernziele abgestimmt ist und den Studierenden ein klares Feedback zu ihrer Leistung gibt. Daher bestehen seine Prüfungen zu je einem Drittel aus Lernwissen, vertiefenden Verständnisfragen und Aufgaben für Champions. «Wer sich anstrengt», sagt Meyer, «soll die Prüfung bestehen können.»

Massgeschneiderter Rundumservice

Damit möglichst viele der rund 1200 angehenden Betriebswirte, die im Rahmen der Assessment-Stufe seinen Einführungskurs zum Rechnungswesen besuchen, die Materie verstehen, tut der Professor einiges. «Ich möchte ihnen etwas bieten», sagt er. Tatsächlich erhalten die Studierenden vom Accounting-Experten eine Art Rundumservice: ein gut strukturiertes, massgeschneidertes «Package» aus Lehrbuch, Vorlesung, begleitender Übung und Repetitionsmöglichkeit in einem internetbasierten und von Assistierenden betreuten Lernforum.

Meyers Veranstaltung ist auf sein selbstverfasstes und über die Jahre mehrmals überarbeitetes Lehrbuch «Finanzielles Rechnungswesen – Einführung mit Beispielen und Aufgaben» zugeschnitten, das die Studierenden eigenständig durcharbeiten sollen. Vor jeder Stunde fasst der Professor das vorbereitete Kapitel zusammen, um anschliessend einzelne Inhalte zu vertiefen und Schwerpunkte zu setzen.

Bestimmte Themen illustriert er anhand aktueller Fallbeispiele oder Pressemeldungen, um einen lebendigen Bezug zwischen dem Lehrbuchwissen und der realen Praxis in der Unternehmenswelt zu schaffen. Weder klickt sich Conrad Meyer während seines Vortrags durch vorbereitete Power-Point-Folien, noch liest er ein ausgearbeitetes Skript ab. Er stellt keine Präsentationen zum Download, geschweige denn Videocasts zur Verfügung. Ihn gibt es nur live.

Handschriftliches Manual

Das Besondere an seinem Unterrichtsstil ist das Manual, das in der Vorlesung entsteht. «Jede Unterrichtsstunde fügt sich zwar strikt in einen organisierten Lehrplan ein, aber die Art und Weise, wie ich die Inhalte an die Studierenden herantrage, ist frei – und jedes Mal ein bisschen anders.» Den Stoff entwickelt Meyer, indem er auf Overhead-Folien und dem Bildschirm seines Laptops Gedankengänge Schritt für Schritt handschriftlich notiert, erläuternde Skizzen anfertigt, die wichtigsten Aspekte stichwortartig festhält.

«Denken, sprechen und gleichzeitig schreiben», sagt der Professor mit einem Augenzwinkern, «das ist ganz schön stressig.» Man könnte auch sagen: ganz schön aktivierend. Vor allem für die Studierenden, die beim Akt des Mitschreibens automatisch zum Mitdenken gezwungen werden. Zudem gilt – auch in unseren digitalen Zeiten – noch immer die alte Weisheit: Niederschreiben ist die beste Form der Vertiefung.

Für den Betriebswissenschaftler, der die Chancen der Technik durchaus zu schätzen und nutzen weiss, liegt der Vorteil eines «selbstverfassten, persönlich gefärbten Summarys» auf der Hand: Was man zu Papier gebracht und mit eigenen Notizen und Anmerkungen versehen hat, folgt der eigenen Logik und bleibt daher besser im Gedächtnis hängen.

Wenn trotz seiner klaren und verständlichen Unterrichtsweise, die Studierende ihm immer wieder attestieren, Ratlosigkeit oder Unruhe entsteht, spürt der erfahrene Professor das sofort, «egal, ob 20 oder 400 Teilnehmende im Raum sitzen». Dann gönnt Conrad Meyer allen eine Verschnaufpause – und wirft selbst die Fragen auf, die sich Erstsemestrige nicht zu stellen trauen, «ich weiss ja, wo die heiklen Knackpunkte liegen». Ein kurzes «Brush-up», eine Wiederholung oder eine Übung, erst dann geht es weiter im Konzept.

Unterrichten ist für den Emeritus seit je ein Geben und Nehmen, ein dynamischer Prozess, eine «Kultur des gegenseitigen Erlebens und Respektierens». Ängste sollen in seinen Vorlesungen keinen Platz finden. Im Gegenteil: Der Professor sorgt – mit Humor und guter Laune – aktiv für eine regelrechte Wohlfühlatmosphäre.

Lehre als positive Herausforderung

Seit über 40 Jahren steht Conrad Meyer, der nach diesem Frühlingssemester seine Lehrtätigkeit im Rahmen grosser Vorlesungen beenden wird, als Dozierender im Rampenlicht, und dennoch sagt er: «Ich empfinde das Unterrichten nicht als Repetition.» Die Motivation und den Spass an der Wissensvermittlung hat er sich nach eigener Auskunft mühelos erhalten – «weil ich die Studierenden immer wieder aufs Neue als positive Herausforderung betrachte».

Dass sie jemand ernst nimmt, auch in ihren Bedürfnissen und Sorgen, wissen die Angesprochenen zu schätzen – weshalb sie den Herzblutprofessor schon sechs Mal zum Preisträger des Goldenen Schwamms erkoren haben: eine vom Fachverein Ökonomie vergebene Auszeichnung für den besten Dozierenden des jeweiligen Semesters.

Zum krönenden Abschluss seiner Laufbahn als «Lehrmeister», Mentor und Dozent ist Conrad Meyer Ende April mit einem weiteren Best-Teaching-Award geehrt worden: Wir gratulieren herzlich zum diesjährigen Lehrpreis der Universität Zürich!

Dieser Beitrag von Alice Werner ist im UZH Journal 3/16 erschienen.

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