Jubiläum

«Die Soziologie ist erwachsen geworden»

Das Soziologische Institut der UZH feiert am Freitag mit einem Festakt sein 50-jähriges Bestehen. Im Interview blickt Institutsdirektor Jörg Rössel auf die Geschichte des Fachs. Er stellt fest: Die Soziologie hat ihre ideologische Prägung und den Methodenstreit weitgehend hinter sich gelassen.

Adrian Ritter

Jörg Rössel
Jörg Rössel
«Die Soziologie ist als Abbild unserer Gesellschaft ebenfalls heterogener geworden»: Jörg Rössel, Direktor des Soziologischen Instituts der UZH. (Bild: zVg)

Das Soziologische Institut an der UZH besteht seit 50 Jahren. Was kann am  Festakt am 28. Oktober gefeiert werden?

Jörg Rössel: Wir feiern eine erfreuliche Entwicklung, die sich daran zeigt, dass die Zahl der Studierenden seit der Gründung 1966 bis etwa 2010 kontinuierlich gestiegen ist und derzeit auf hohem Niveau konstant bleibt – wir haben fast 700 Studierende. In derselben Zeit wuchs das Institut von einem auf sechs Professuren. Zu den Schwerpunkten unserer Forschung gehören unter anderem die Wirtschafts- und Konsumsoziologie sowie der Wandel der Lebensläufe und Lebensformen. Dies wollen wir in Zukunft auch in der Lehre noch besser abbilden und planen entsprechende Schwerpunkte innerhalb des Masterstudiums. Gemeinsam mit UZH-Forschenden aus der Betriebswirtschaftslehre, der Rechtswissenschaft und weiteren Sozialwissenschaften haben wir soeben einen Vorschlag für einen Nationalen Forschungsschwerpunkt (NCCR) entwickelt. Wir wollen untersuchen, wie sich die Veränderung von Märkten – etwa durch die Digitalisierung – auf die Gesellschaft auswirkt: Nehmen Ungleichheiten zu oder ab? Sind Privatleben und Autonomie in Gefahr? Führen veränderte Marktstrukturen zu mehr Effizienz? Wir feiern also heute ein arriviertes, dynamisches Fach.

Das Soziologische Institut begeht das 50-jährige Jubiläum. Wie alt ist die Soziologie an sich?

Die Soziologie versteht sich vor allem als Reflexionswissenschaft der Gesellschaft. Dieses Nachdenken über das Zusammenleben der Menschen geht bis in die Antike zurück. Als akademisches Fach begann sich die Soziologie ab der Mitte des 19. Jahrhundert zu etablieren, zuerst in den USA. Im Vordergrund stand damals das Interesse am gesellschaftlichen Wandel, der sich durch die Industrialisierung ergab und sich etwa an der Verstädterung oder der zunehmenden Arbeitsmigration zeigte.

Wie hat sich das Fach weiter entwickelt?

Die Soziologie hat die Themen ihrer Forschung immer wieder der gesellschaftlichen Entwicklung angepasst. In den 1950er-Jahren stand die Frage im Zentrum, ob das Ende der Klassengesellschaft und der Ideologien bevorsteht und sich eine so genannte nivellierte Mittelstandsgesellschaft herausbilden wird. Die 1960er-Jahre zeigten mit den Studentenunruhen und den neuen politischen Bewegungen ein ganz anderes Bild. Es war eine Zeit, in der auch die Soziologie stark politisiert war und die westliche Gesellschaft primär als kapitalistisches und imperialistisches Gebilde analysierte. Später dominierte die Frage, ob eine Abkehr von der industriellen Moderne stattfindet – Stichwort Postmoderne und Wertewandel. Seit den 1990er-Jahren stehen unter anderem Aspekte der Globalisierung, Migrationsprozesse und die Herausbildung gesellschaftlicher Netzwerkstrukturen vermehrt im Zentrum des soziologischen Interesses.

Welches wissenschaftliche Selbstverständnis prägt die heutige Soziologie?

Das Fach steht von den verwendeten Methoden her zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Sie verwendet einerseits quantitative Methoden zur Verarbeitung grosser Datenmengen etwa aus Umfragen und Statistiken. Auch experimentelle Methoden haben sich in der Soziologie etabliert. Andererseits fragt sie immer auch nach der Bedeutung der gesellschaftlichen Phänomene und danach, welche Bedeutung die Menschen diesen Phänomenen zuschreiben. Insofern ist die Soziologie immer auch eine verstehende, deutende Wissenschaft. Die Soziologie ist sicher ein heterogeneres Fach als viele andere Wissenschaften. Es existieren zahlreiche Methoden und Theorien parallel nebeneinander.

Ist das ein Nachteil?

Ich denke nicht. Es ist schlicht ein Abbild unserer Gesellschaft, die heterogener und ausdifferenzierter ist als früher. Entsprechend beschreiben die Soziologinnen und Soziologen die Gesellschaft aus zunehmend unterschiedlichen Perspektiven. Die einen charakterisieren sie hauptsächlich als Erlebnisgesellschaft, andere beispielsweise als Mediengesellschaft. Daneben gibt es Wissenschaftler, die an übergeordneten Gesellschaftstheorien arbeiten. Aber es gibt nicht die eine, allseits akzeptierte Theorie. Die Soziologie mag heterogen sein, dadurch ist sie aber auch offener gegenüber neuen und alternativen Theorien und Methoden. Das ist eine Stärke.

Der Graben zwischen Vertreterinnen und Vertretern quantitativer einerseits und qualitativer Methoden andererseits besteht nicht mehr?

Er ist zum Glück kleiner geworden. Man nimmt die Forschung gegenseitig zu Kenntnis, bezieht sich in den Studien aufeinander. Es gibt Soziologen, die beide Arten von Methoden anwenden und es gibt Forschungsgruppen, die beiderlei Kompetenzen in sich vereinen. Zudem haben sich `mixed methods` entwickelt, die quantitative und qualitative Ansätze verbinden. Rein zahlenmässig gibt es an den Universitäten sicher mehr quantitativ arbeitende Soziologinnen und Soziologen. Es ist aber nicht so, dass die qualitative Sozialforschung marginalisiert ist. Neben den etablierten Zeitschriften, die in stärkerem Masse quantativ orientierte Aufsätze publizieren, gibt es eine wachsende Vielfalt von Fachzeitschriften, die für einen Theorie- und Methodenpluralismus in der Soziologie stehen.

Wie positioniert sich die Soziologie an der Universität Zürich diesbezüglich?

Die Soziologie an der UZH war von Anfang an stark empirisch-quantitativ ausgerichtet. Unser Schwerpunkt wird sicherlich auch in Zukunft in der Entwicklung und Anwendung fortgeschrittener quantitativer Methoden liegen. In Zusammenarbeit mit anderen sozialwissenschaftlichen Fächern wollen wir aber unseren Studierenden auch ein regelmässiges Angebot mit Veranstaltungen zur qualitativen Sozialforschung anbieten. Am Soziologischen Institut ist der Gegensatz von quantitativen und qualitativen Methoden heute deutlich schwächer ausgeprägt als in der Vergangenheit. Zudem lassen sich diese Methoden wie gesagt auch gut kombinieren. Wir haben zum Beispiel im Auftrag der Kunstbiennale Manifesta 11 die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung befragt. Dabei bildete eine quantitative Umfrage die Basis für anschliessende vertiefende, qualitative Gruppengespräche.

In den 1970er-Jahren war Soziologie ein Modestudium. Soziologisches Denken stiess in der Gesellschaft auf grosse Resonanz, bisweilen war gar von der Soziologie als Leitwissenschaft die Rede. Wie sieht das heute aus?

Die Soziologie hatte in den 1970er-Jahren zweifellos eine engere Verbindung zu den gesellschaftlichen Diskussionen. Gleichzeitig war das Fach stark ideologisch geprägt. Das ist heute deutlich weniger der Fall. Meiner Ansicht nach hat da eine gesunde Entwicklung stattgefunden. Man könnte sagen, die Soziologie ist erwachsen geworden. Wenn diese Distanz zu den politischen Debatten auch bedeutet, dass das Fach das gesellschaftliche Denken weniger in einem politischen Sinne prägt, ist das meiner Meinung nach kein Nachteil. 

Wie steht es denn um die öffentliche Wahrnehmung der Soziologie?

Wir haben durchaus Resonanz mit unserer Arbeit, etwa in den Medien. Ausserdem flossen soziologische Konzepte schon immer in andere Wissenschaften ein. In der modernen Ökonomie zum Beispiel wurde das Konzept des „homo oeconomicus“ durch soziologische Handlungsmodelle ergänzt. Auch die heutigen Management- und Organisationstheorien sind stark von der Soziologie inspiriert. Eine eigentliche Leitwissenschaft aber braucht unsere Gesellschaft meiner Ansicht nach nicht. Es ist nur natürlich und sinnvoll, dass es verschiedene Stimmen gibt – in der Wissenschaft wie in der Gesellschaft. Diese widerspiegeln auch die Ausdifferenzierung unserer heutigen Gesellschaft.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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