Zum Tod von Kurt Imhof

«Sein Enthusiasmus war ansteckend»

Der Mediensoziologe Kurt Imhof ist am Sonntagmorgen 59-jährig nach kurzer Krankheit verstorben. Die UZH hat mit ihm einen «kraftvollen, engagierten Intellektuellen von Rang» verloren, sagt Prorektor Otfried Jarren.

David Werner3 Kommentare

War unermüdlich im Bestreben, durch wissenschaftliche Erkenntnisse etwas in der Gesellschaft zu bewegen: Kurt Imhof (1956–2015). (Bild: fög)

«Kurt Imhof war ein hellwacher Zeitgenosse, ein scharfer, kritischer Beobachter der Gesellschaft und der Medien», sagt Otfried Jarren, Prorektor Geistes- und Sozialwissenschaften der UZH. «Kurt Imhofs Analysen zum Strukturwandel der Medien und zum sich verändernden Verhältnis der Medien zur Politik fanden im gesamten deutschsprachigen Raum Beachtung und sind in verschiedener Hinsicht wissenschaftlich wegweisend.»

Verdienstvoll, so Jarren, sei auch Kurt Imhofs gesellschaftliches Engagement gewesen: «Er hat sich mit Leidenschaft in öffentliche Debatten eingemischt. Damit hat er sich nicht nur Freunde gemacht, er hat damit aber Wissenschaft und die öffentliche Diskussion enorm belebt: Kurt Imhof zwang andere, zu argumentieren, und es machte ihm Freude, seine eigenen Argumente an anderen zu testen. Dass es ihm dabei immer um die Sache, nie um persönliches Prestige ging, war immer spürbar und zeichnete ihn aus. Die Universität Zürich hat mit Kurt Imhof einen kraftvollen, engagierten Intellektuellen von Rang verloren.»

Eigenwilliger Denker

Werner Wirth, Leiter des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ), charakterisiert Kurt Imhof als einen «mutigen, mitreissenden Wissenschaftler und Lehrer» und als einen «humorvollen, liebenswerten Kollegen und Freund». «Kurt Imhof hatte Visionen und verstand es, Leute hinter sich zu scharen. Gleichzeitig war er ein guter und neugieriger Zuhörer. Wie wenige hat er es verstanden, die Fachwelt durch sein eigenwilliges Denken herauszufordern.»

Kurt Imhof habe als Mediensoziologe innerhalb der Forschungsgemeinschaft grosses  Ansehen und Respekt genossen, seiner Stimme sei im ganzen deutschsprachigen Raum Gewicht beigemessen worden. «Seine Forschung», sagt Werner Wirth, «hat viel zum internationalen Leistungsausweis des IMPZ beigetragen.»

Aufklärerische Mission

Mario Schranz beschreibt Kurt Imhof als «eine inspierende, kompromisslos für die eigenen Überzeugungen einstehende Persönlichkeit». Mario Schranz hat vor zwanzig Jahren als Student erstmals an Forschungsprojekten von Kurt Imhof mitgearbeitet, heute ist er Co-Institutsleiter des fög (Forschungsinstitut für Öffentlichkeit und Gesellschaft). «Kurt Imhof verstand sich als ein moderner Aufklärer, und er hat mit dieser Haltung auch seine Mitarbeitenden geprägt», sagt Schranz. «Hierarchien interessierten ihn als Chef nicht, ihm ging es ausschliesslich um die sachliche Auseinandersetzung, um das richtige Argument.»

1997 gründete Kurt Imhof das fög mit acht Mitarbeitenden, 2013 wurde es zu einem assoziierten Institut der UZH, heute zählt es rund 35 Mitarbeitende. «Von Anfang an ging es Kurt Imhof nie nur um wissenschaftliche Akzeptanz, sondern immer auch um gesellschaftliche Wirkung. Daran hat sich all die Jahre nichts geändert. Kurt Imhof hat mit nicht nachlassendem Enthusiasmus versucht, durch wissenschaftliche Erkenntnisse in der Gesellschaft und vor allem in der Medienwelt etwas zu bewegen. Dieser Enthusiasmus war ansteckend», sagt Mario Schranz.

Zur Person

Kurt Imhof leitete seit 2000 die Abteilung «Öffentlichkeit & Gesellschaft»am IPMZ sowie das gleichnamige Forschungsinstitut fög. Er promovierte in Soziologie an der Universität Zürich, und wurde 1996 ebenda zum Privatdozent für Soziologie und Sozialgeschichte ernannt. 1998 wurde er zum Assistenzprofessor für Soziologie ernannt, 2000 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl Publizistikwissenschaft und Soziologie. Er hatte mehrere Gastprofessuren inne, unter anderem an den Universitäten Freiburg, Bremen und Florenz. Er war Mitglied beim «Ludwig Boltzmann Institute for European History and Public Spheres» und Projektleiter beim «National Center of Competence in Research (NCCR Democracy): Challenges to Democracy in the 21st Century». Seine Forschungsinteressen galten vor allem dem langfristigen sozialen Wandel vor dem Hintergrund des Strukturwandels der Öffentlichkeit. Er war Herausgeber des auch in der Öffentlichkeit stark beachteten Jahrbuchs der Medien, in dem er immer wieder eindringlich vor dem Rückgang der Qualität in den Medien warnte. Er forschte zudem zu Sozialtheorie, zur Soziologie der Minderheiten sowie zur Religionssoziologie.

3 Leserkommentare

Gülistan Irmak schrieb am Prof. Dr. Kurt Imhof: Hervorragender Wissenschaftler und Kritiker mit scharfem Verstand Der Tod von Kurt Imhof kam viel zu früh und unerwartet. Die Wissenschaft, die Öffentlichkeit und Gesellschaft, seine Mitarbeitenden und Studierenden haben einen hervorragenden Wissenschaftler, Forscher, Kritiker, Lehrer, Freund und Förderer verloren. Als Studentin erlebte ich einen Mann voller Herzlichkeit, Feingefühl, Respekt, Humor, Unterstützung, wissenschaftlicher Begeisterung und scharfem Verstand. Nachdem ich ihm das Manuskript meiner Dissertation im September vergangenen Jahres vorgelegt hatte, wartete ich gespannt und mit großer Neugier auf seine hilfreichen Kommentare und unsere aufschlussreichen Diskussionen. Nun ist er gestorben, ohne sich darüber äußern zu können. Seine scharfen Analysen und weiterführenden Kritiken werden mir sehr fehlen. Zuletzt erlebte ich ihn an einem Vortrag Mitte November 2014. Von seiner Krankheit erfuhr ich erst vor wenigen Wochen. Sein plötzlicher Tod macht mich sehr betroffen. In tiefer Trauer und in bestem Andenken an einen so wertvollen Menschen.
Ali Demir schrieb am Schonungsloses Hinsehen Ende 1996 kam ich als Flüchtling in die Schweiz. Als ich 1998 an einem Vortrag von Kurt Imhof teilnahm, hatte ich mit einem ganz schnell denkenden, sprechendenden, gestikulierenden Mann zu tun, der mich angesichts meiner mangelnden Sprachkenntnisse nur noch überforderte. Doch sein Enthusiasmus blieb in meinem Gedächtnis. Im letzten Herbst habe ich meine Dissertation bei ihm vorgestellt. An seinem Sinn für genaues, schonungsloses und lautstarkes Hinsehen hatte sich nichts geändert. Mein tiefes Beileid gilt all jenen, die mit ihm debattiert, von ihm und mit ihm gelernt haben. Die Gesellschaft hat eine streitbare Persönlichkeit verloren. Sein Tod ist leider auch ein grosser Verlust der öffentlichen Artikulation der Werte deren, die weder die notwendigen Mittel noch die erforderlichen Kompetenzen haben. Wir haben einen Anwalt verloren.
Raffael Tondeur (lic.phil./MA) schrieb am Kurt Imhof - Geist, Wort und spitze Feder! Mit dem so unvermittelten Tod von Kurt Imhof, den ich persönlich gekannt und geschätzt hatte während meinem Studium, hat die Zürcher Soziologie eine ganz zentrale Persönlichkeit verloren. Ich bin sehr traurig. Kurt war einer der ganz wenigen Soziologen am SI, die es gewagt hatten, Wirklichkeitsdeutungen ohne ideologische Deutungsraster vorzunehmen und Interdisziplinarität nicht nur theoretisch zu fordern. Denken und Sprache bildeten bei Kurt eine seltene Einheit, die zu messerscharfen Analysen führte, die trotzdem verständlich blieben. Dies, weil sie auch materiell etwas aussagen wollten. Ja, sein Enthusiasmus war in der Tat ansteckend und hat die Soziologie in Zürich regelrecht beflügelt! Selber hoffe ich, dass sein mutiger und kluger Geist weiterhin wirken wird, auch und gerade nach seinem viel zu frühen Tod am vergangenen Sonntag.

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