Reformationsgeschichte

Vom rechten Mass

Ein wissenschaftliches Jahrhundertprojekt – das unter der Ägide des UZH-Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte (IRG) steht – ist abgeschlossen: Die letzten sieben Bände der edierten Werke Zwinglis sind nun erschienen. Kürzlich wurden sie an der Jahresversammlung des Zwinglivereins vorgestellt.  

Marita Fuchs

Daniel Bolliger edierte die letzten sieben Bände der Exegetica. (Bild: Marita Fuchs)

Zürich, in den 1520er Jahren. Die Stadtkirchen, allen voran Huldrych Zwingli, nutzen freiwerdende zeitliche und finanzielle Ressourcen für das publizistisch-pädagogische Hauptziel der Reformation: Die Bibel soll möglichst allen zugänglich gemacht werden. Drei Zielgruppen haben die Reformatoren dabei im Auge: künftige Pfarrer, Predigthörer und interessierte Einzelpersonen.

Der Zürcher Reformator Zwingli will es den interessierten Geistlichen und Gelehrten «leichter» machen: Er lanciert ein Team, das biblische Bücher sprachlich und inhaltlich erklärt; später hält er darüber auch Predigten. Dieser mehrteilige Auslegungsprozess wird von einzelnen Anwesenden zusammenfassend notiert.

Ermahnungen an Frauen, Männer und die Jugend

Heute, nach etwa 500 Jahren, liegen all diese Quellen nun vollständig ediert in den so genannten «Zwinglii Exegetica» vor. Um nur ein Beispiel für die Breite der Publikation zu geben: Der Stil changiert oft zwischen volkstümlich und gelehrt; die Sprachen Latein und Deutsch wechseln; der Inhalt variiert von präzisen philologischen Erläuterungen zu humorvollen bis schroffen Ermahnungen an den Rat, an verschiedene Handwerks- und Berufszweige, an die Frauen, an die Männer, an die Jugend und an weitere Gruppen.

Vermutlich liegen darin die Äusserungen mehrerer Ausleger vor, deren Arbeitskreis sich wenig später zur ersten höheren Schule Zürichs erweiterte, die wiederum eine der Kernzellen der Universität wurde. Aus der vergleichenden Textanalyse gehe jedoch hervor, dass es eindeutig Zwinglis Stimme sei, die in den Mitschriften zum Ausdruck komme, sagt der Kirchenhistoriker Daniel Bolliger. Das werde dank der neuen Edition in nie dagewesener Weise klar. Bolliger edierte die letzten sieben Bände der Exegetica im Auftrag des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte (IRG). Sie waren hauptsächlich – teils durch den SNF gefördert, teils ehrenamtlich – vom Altphilologen Dr. Max Lienhard (1924-1999) erstellt worden.

Christlicher Lebensstil betont

Fragt man Bolliger nach zwei wichtigen Themenfeldern, die sich durch Zwinglis Werke ziehen, so nennt er zum einen die Kritik am Rat der Stadt. Zwingli nutzte eine für Kleriker damals seltene Freiheit, denn der Rat der Stadt Zürich hatte keine unmittelbare Aufsicht auf die Auslegungsprozesse der Bibel.

Zum andern beschäftigte sich Zwingli immer wieder mit der Thematik der Lebensführung und Ethik. «Auffallend oft wird das Prinzip des rechten Masses auf die Lebensführung angewandt», sagt Bolliger. «Zwingli propagiert – so konkret wie sonst selten – einen Lebensstil, der sich am Schöpfer als alleinigem und rechtem Mass alles Schöpferischen ausrichten soll». Diese zwei – und etliche weitere – Themenfelder erscheinen freilich zerstreut, immer einmal wieder, wo eben der Bibeltext es gerade anregt oder erlaubt, sagt Bolliger resümierend.

108 oder sogar 179 Jahre bis zum letzten Band Daniel Bolliger hat kürzlich auf der Jahresversammlung des Zwinglivereins ein Kurzreferat  zum vorläufigen Abschluss der Werke Zwinglis gehalten. Deren erster Band erschien im Jahre 1905. Hundertacht Jahre danach wurde 2013 mit dem letzten Band die gesamte Edition vervollständigt. Die Werke Zwinglis sind der dritte Teil eines noch viel grösseren Editionsprojektes, des Corpus Reformatorum, das 1834 begann und bis 1900 die Werke der Reformatoren Melanchthon und Calvin bündelte. Nur ein Teil der Randbemerkungen Zwinglis in den von ihm gelesenen Büchern fehlt nun noch. Dem Zwingliverein obliegt – als institutionellem Herausgeber – die Veröffentlichung des hinterlassenen Datenbestandes, was in Kooperation mit dem Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich geschieht.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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