200 Jahre Wiener Kongress

Tanzen und verhandeln

Vor 200 Jahren begann der Wiener Kongress, der Europa nach Revolution und Kriegen neu ordnen sollte. Ein Kolloquium an der UZH verortete die Leistungen des Wiener Kongresses und bewertete die Rolle der Schweiz.

Marita Fuchs

Der Kongress tanzt: Zeitgenössische Karikatur von 1815. In der Mitte die drei Monarchen von Österreich, Preussen und Russland.

Der Wiener Kongress war ein diplomatisches Grossereignis, das sich hinzog. Die Verhandlungen dauerten von September 1814 bis Juni 1815. Bälle und andere Festlichkeiten sowie der Pomp und Glamour rund um erlauchte Staatsgäste und Persönlichkeiten, allen voran Österreichs Staatskanzler und Aussenminister Fürst Metternich, prägen bis heute das Bild des Wiener Kongresses.

In Zürich wurden die Tänze und Bälle in Wien skeptisch betrachtet. Dabei sei der Tanz, die Theaterbesuche, das Flirten mit den Damen, diese Hahnenkämpfe im Wiener Rotlichtmilieu das Drehmoment der multilateralen Diplomatie gewesen, sagte der Historiker Jakob Tanner an einem Kolloquium, das am Freitag an der UZH stattfand. Spiel und Diplomatie hätten zum Erfolg des Kongresses beigetragen. Auf dem so genannten «tanzenden Kongress» wurde jedoch durchaus auch emsig gearbeitet, Europa wurde neu geordnet. Für die Schweiz war der Wiener Kongress prägend: Am 20. März 1815 wurde die immerwährende Neutralität beschlossen.

Doch wie kam es dazu und wie sind die Beschlüsse des Wiener Kongresses heute zu bewerten? An einem Kolloquium versuchten die Historiker Julia Angster, Jakob Tanner und Markus Brühlmeier mit dem Rechtswissenschaftler Andreas Kley und Alt-Botschafter Paul Widmer die Leistungen des Wiener Kongresses zu verorten. Sachkundig aus der jeweiligen Fachperspektive heraus rückten sie dabei so manch schiefes oder heroisches Bild ins rechte Licht.

Gastgeber der Veranstaltung waren der Regierungsrat und das Staatsarchiv des Kantons Zürich und das Historische Seminar der UZH. Im Anschluss an das Kolloquium hielt Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger eine Festrede.

Rühmte an dem 1814/15 wiederhergestellten alten Europa die Fähigkeit zum Frieden: Julia Angster. Rechts im Bild der Historiker Markus Brühlmeier. (Bild: Marita Fuchs)

Gesamteuropäisches Mächtekonzert

Die Historikerin Julia Angster, Professorin an der Universität Mannheim, bewertete den Wiener Kongress insgesamt als positiv. Damals hätten die Teilnehmer vor einer Herkulesaufgabe gestanden: Eine internationale Ordnung und stabile Verhältnisse sollten geschaffen werden. Krieg wurde nicht mehr als legitim erachtet. Andere Instrumente, wie etwa der Versöhnungsfrieden mit Frankreich und der Umgang mit territorialen Verschiebungen liefen darauf hinaus, keine Hegemonialmächte zu bilden, sagte Angster.

«Auf dem Wiener Kongress wurden neue Konfliktverriegelungsmechanismen geschaffen und zwar durch ein Netzwerk von Verträgen, in die alle Staaten eingebunden wurden.» Dieses gesamteuropäische Mächtekonzert habe lange Zeit Revolution und Kriege verhindert, bilanzierte Angster. Dies auch, weil das Prinzip der Legitimität hochgehalten worden sei.

Sternstunde in der Geschichte der Schweiz

«Der Wiener Kongress war ein Zufallsprodukt», konstatierte Paul Widmer, Alt-Botschafter der Schweiz. Metternich hätte eigentlich alles in einem Monat erledigen wollen, doch dann dauerte der Kongress etwa ein Jahr. Die eigentliche Knochenarbeit wurde in den Kommissionen geleistet, sagte Widmer. In der Kommission für Schweizer Angelegenheiten wurde die Schweizer Neutralität anerkannt. Und das sei ausserordentlich erstaunlich, da es ja eigentlich darum ging, die europäische Geschichte gemeinsam zu gestalten.

Die Anerkennung der Neutralität ging aber in die andere Richtung: «Man erlaubte einem Land damit die Nicht-Teilnahme.» Zum ersten Mal wurde die Neutralität als Grundsatz völkerrechtlich anerkannt und es wurde dadurch eine Sicherheitsarchitektur geschaffen, die auf drei Säulen fusste: Vertragswerke, die Heilige Allianz, die heute vergleichbar sei mit den Menschenrechten der Vereinten Nationen, und die Schaffung von Beratungs- und Beschlussfassungsorganen. «Der Wiener Kongress war eine Sternstunde in der Geschichte der Schweiz», bilanzierte Widmer.

Jakob Tanner bedauerte, dass Metternich und seine Kollegen keinen Sinn für demokratisches Gedankengut gehabt hätten. Rechts im Bild Andreas Kley. (Bild: Marita Fuchs)

Modern und restaurativ

Jakob Tanner, Geschichtsprofessor an der UZH, zeigte eine andere Sicht auf. Der Wiener Kongress fusse auf restaurativem Gedankengut, gegen liberale aufklärerische Ideen. «Das war eine Heilige Allianz nicht nur für den Frieden, sondern auch gegen die Revolution», konterte Tanner. «Alles, was mit liberalem Geist zu tun hatte, wurde bekämpft.» Obwohl der Wiener Kongress der Abschied vom Gottesgnadentum bedeutete und die Förderung der Menschenrechte, vor allem durch die Abschaffung des Sklavenhandels, lanciert worden sei, so müsse er doch Abstriche machen. Die Idee Kants, Kriege nur verhindern zu können, wenn von unten her demokratische Gemeinwesen zusammenwirkten, sei am Wiener Kongress gar nicht erst erwogen worden.

Spielräume der Demokratie

Tanner betonte, dass die Neutralität nicht von den Schweizern errungen worden sei: «Die Grossmächte am Wiener Kongress wollten einen Pufferstaat einrichten.» In der Schweiz herrschte zur Zeit des Wiener Kongresses Uneinigkeit. Die Kantone betrachteten sich als souveräne Staaten und bekämpften einander.

Das zeige auch die Gesandtschaft der Schweiz, die aus den drei konservativen Politikern Hans von Reinhard, Johann Heinrich Wieland und Johann von Montenach bestand. Sie traten nicht als Einheit auf, sondern widersprachen einander. «Die Schweiz war Konglomerat widerstreitender Interessen», sagte Tanner. Hans von Reinhard forderte sogar in Wien ein Eingreifen der Mächte, weil die Schweiz sonst in einen Bürgerkrieg schlittere. «Er wollte Intervention von aussen, um innere Probleme zu regeln», sagte Tanner. Deshalb kam das Pufferstaatenkonzept der Schweiz entgegen. Zudem hatte die Schweiz im russischen Kaiser Alexander einen Verbündeten, der sich für die Neutralität stark machte.

Doch etwas werde oft vergessen, erläuterte Tanner. «In den Kantonen gab es Spielräume für demokratische Ideen. Sie waren ein Labor für demokratische Ausmarkungen». Metternich habe mit Demokratie Chaos, Anarchie und moralische Fäulnis verbunden. «Er konnte sich ein demokratisches Gemeinwesen gar nicht vorstellen», sagte Tanner.

Betonte den Fortschritt durch Professionalisierung der Diplomatie: Alt-Botschafter Paul Widmer. (Bild: Marita Fuchs)

Sagenhafte Zerrissenheit

Auch der Rechtswissenschaftler Andreas Kley rückte einige falsche Vorstellungen von heute ins rechte Licht. Die Grossmächte am Wiener Kongress nahmen die Schweiz als Ganzes wahr und wollten nicht auf der Ebene der Kantone verhandeln. Wäre es nach den konservativen Kantonen wie Bern und den Innerschweizer Kantonen gegangen, würde die Schweiz, wie sie heute ist, nicht existieren, sagte Andres Kley. «Die Zerrissenheit unter den Kantonen war sagenhaft.» Heute werde oft ein ganz anderes Bild vermittelt.

So auch bezüglich der Menschenrechte. Die Schweiz begreife sich heute gern als Hort der Menschenrechte, sagte Kley. Doch historisch gesehen müsse man das relativieren. Die Grossmächte hätten der Schweiz damals ein zentrales Grundrecht aufgezwungen, nämlich die Rechtsgleichheit und das Verbot der Untertanenverhältnisse. Der Widerstand der Schweizer gegen die Rechtsgleichheit war ein wesentlicher Grund, weshalb das Veltlin verloren ging, sagte Kley. Graubünden war damals nur bereit, das Veltlin aufzunehmen, wenn die Untertanenverhältnisse aufrecht erhalten geblieben wären.

Zudem werde die Rolle des russischen Kaisers Alexander bis heute unterschätzt. Durch seine Fürsprache sei die Neutralität der Schweiz erst möglich geworden. Alexander wollte die Schweiz vor dem Zugriff der Nachbarn bewahren, sagte Kley. Und schlug augenzwinkernd vor, ihm auf dem Bundesplatz in Bern ein Denkmal zu errichten. Die wichtige Rolle Russlands für die Entwicklung der Schweiz im 19. Jahrhundert würde damit augenscheinlich.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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