Jugendkriminalität

Die Kurve kriegen

Der Soziologe Daniel Seddig wollte wissen, warum bestimmte Jugendliche delinquent werden und andere nicht. Das Ergebnis seiner Studie zeigt: Entscheidend ist der Umgang mit Gleichaltrigen, aber auch Lehrerinnen und Lehrer haben einen Einfluss.

Marita Fuchs

Jugendliche: Die Gruppe ist entscheidend. (Bild iStockphoto)

Wenn Soziologen über Jugendkriminalität nachdenken, gehen sie in der Regel von der «Age-Crime-Curve» aus. Gemeint ist eine bekannte Tatsache: Alltagskriminalität wird laut Statistik zu einem grossen Teil von Jugendlichen begangen. Delinquenz ist also hauptsächlich ein Phänomen der Jugend. Nach der Schule, in der Ausbildung oder im Beruf, nimmt die Kurve wieder ab, nicht selten auch ohne Eingriff von Justiz und Polizei. Dieses «Herauswachsen» aus der Kriminalität lässt sich für den europäischen und den angloamerikanischen Raum belegen.

Daniel Seddig, Soziologe und Oberassistent am Soziologischen Institut der UZH, hat eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Längsschnittstudie in der Ruhrgebietsstadt Duisburg zu delinquentem Verhalten von Jugendlichen ausgewertet. Befragt wurden 3500 Jugendliche, Jungen und Mädchen, vom 13. Lebensjahr an bis in die dritte Lebensdekade hinein. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden nach ihrer Beteiligung an verschiedenen Delikten wie zum Beispiel Vandalismus, Eigentums- und Gewaltdelikten befragt. Für seine Analysen im Rahmen der Studie erhielt Seddig kürzlich den «ESC Young Criminologist Award». Seddig hat zum einen untersucht, wie Jugendliche in gewalttätige Gruppen geraten, und zum anderen idealtypische Verläufe nachgezeichnet.

So zeigt sich, dass junge Leute, die sogenannte traditionelle Werte anerkennen und sich an ihnen orientieren, vergleichsweise selten delinquent werden. Ein etwas höheres Delinquenzrisiko gilt jedoch für diejenigen, die hedonistische Werte haben, sprich: Jugendliche, die konsumorientiert sind, Spass haben wollen und Bedürfnisbefriedigung nicht gern hintanstellen.

«Klatschen» am Wochenende

Kommt es zu Straftaten, werden sie in der Regel in Gruppen begangen. So zum Beispiel Körperverletzungsdelikte, bei denen auch Alkohol eine Rolle spielt: wenn Gruppen aufeinander treffen, um sich mit anderen zu prügeln. Will ein Jugendlicher zur Gruppe gehören, muss er zeigen, dass er das sogenannte «Klatschen» und die mit der Gewalt verbundenen Normen akzeptiert. Also nimmt er am Geschehen teil und lernt in der Gruppe, «wie es geht». Dieser Prozess sei ein Lern- bzw. Sozialisationsprozess, meint Seddig.

Es gibt aber auf der anderen Seite Jugendliche, die sich eine Peer-Group bewusst nach bestimmten Kriterien auswählen. «Hat ein Jugendlicher bereits früh Gewalt erfahren oder steht er Gewalt nicht abgeneigt gegenüber, so kann es sein, dass er sich gezielt einer Gruppe anschliesst, die sich Gewalt durch Schlagen zu eigen gemacht hat und in der Normen gelten, die Gewalt fördern», sagt Seddig. Dieser Prozess sei ein Selektions- bzw. Kontrollprozess. In seiner Analyse von Längsschnittdaten konnte Seddig beide Verhaltensweisen – das Erlernen und das gezielte Suchen von Gewalt – bei 14- bis 17-jährigen Jugendlichen statistisch zeigen.

«Fast die Hälfte derjenigen Jugendlichen, die früh delinquent werden, hören auch früh wieder auf»: Daniel Seddig, Oberassistent am Soziologischen Institut der UZH. (Bild: Marita Fuchs)

Kein gravierender Geschlechterunterschied

Der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen ist dabei nicht so gross wie allgemein vermutet. Zwar unterscheiden sie sich hinsichtlich der Intensität – Jungen sind häufiger und schwerer auffällig. Die Mechanismen und Verlaufsmuster des Verhaltens gelten – in abgeschwächter Form – allerdings auch für die Mädchen, stellt Seddig fest. Als sehr unauffällig und am wenigsten delinquent erwiesen sich übrigens türkische Mädchen. Überhaupt stellt sich der Migrationshintergrund nur als geringfügiger Erklärungsfaktor heraus, wie Ergebnisse weiterer Forscher im Rahmen der Duisburger Untersuchung ergaben. So wird vermutet, dass die Gruppe türkischer Migranten in Duisburg durch hohe Bildungsbeteiligung (Abiturientenquote) sowie eine gruppeninterne soziale Kontrolle nicht deutlich stärker in Delinquenz verwickelt ist als Personen ohne Migrationshintergrund.

Früher Einstieg, lange Karriere?

In weiteren Auswertungen konnten mehrere idealtypische Verläufe herausgeschält werden: Ein grosser Anteil der Jugendlichen wurde nicht delinquent (ca. 45 Prozent). Gering war der Anteil derjenigen, die sehr häufig und dauerhaft Straftaten begingen (8 Prozent). Hinzu kam eine weitere Gruppe, die Seddig die «späten Starter» bezeichnet, Jugendliche, die erst am Ende der Adoleszenz straffällig werden (6 Prozent).

Überraschend: Ein relativ grosser Anteil derjenigen (fast die Hälfte), die früh delinquent werden, hören auch früh wieder auf. «Die landläufige Meinung, dass ein früher Einstieg mit grosser Sicherheit auf eine spätere Karriere als Krimineller hindeutet, ist nicht haltbar», sagt Seddig. Warum gewisse Jugendliche sich früh von der Delinquenz wieder abwenden, müssten allerdings weitere Analysen zeigen.

Ein Grund könnte der Einfluss von Lehrern und Lehrerinnen oder Sozialarbeitern sein, die die Jugendlichen in dieser kritischen Phase beobachten und begleiten. Auch der erfolgreiche Einstieg in eine Berufsausbildung oder eine feste Partnerschaft können eine Rolle spielen. «Der Einfluss von (erwachsenen) Bezugspersonen ausserhalb der Familie nimmt in diesem Alter zu, jener der Eltern nimmt ab», sagt Seddig. Die andere Hälfte der langandauernd Auffälligen ist allerdings problematisch und muss hinsichtlich der weiteren Entwicklung genau beobachtet werden.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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