Wiederherstellungschirurgie

Das zurückgewonnene Lächeln

Gesichtslähmungen verursachen viel Leid. Pietro Giovanoli, Professor für Wiederherstellungschirurgie, erläuterte in der Veranstaltungsreihe «Wissen-schaf(f)t Wissen», wie er durch die Transplantation von Nerven und Muskeln seinen Patienten das Lächeln und die Lebensfreude neu schenkt.

Cristina Frey

Pietro Giovanoli hilft Menschen, die an Gesichtslähmungen leiden. (Bild:UZH)

Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln – so lautet ein chinesisches Sprichwort. Was aber, wenn man durch eine Gesichtslähmung nicht mehr lächeln kann? Die Fazialisparese oder Gesichtslähmung kann unterschiedliche Ursachen haben: Sie kann durch Unfälle, eine angeborene Fehlbildung, einen viralen Infekt oder durch die Entfernung eines Tumors ausgelöst werden, wenn dabei der Gesichtsnerv beschädigt wird. Häufig klinge eine Gesichtslähmung von alleine wieder ab, sagte Pietro Giovanoli, ordentlicher Professor für Wiederherstellungschirurgie an der UZH, im Rahmen der Vortragsreihe «Wissen-schaf(f)t Wissen» des Zürcher Zentrums für Integrative Humanphysiologie .

Das passende Gewebe transplantieren

Heilt die Gesichtslähmung jedoch nicht von selbst, führt  der Facharzt mikrochirurgische Nerven- und Muskeltransplantationen durch, um wieder Leben und Bewegung in gelähmte Gesichter zurückzubringen. Bei halbseitigen Gesichtslähmungen etwa transplantiert er einen Nerv von der gesunden auf die gelähmte Gesichtshälfte. Dabei zieht er das Nerventransplantat unter der Haut so durch, dass es auf die kranke Gesichtshälfte hinüber wächst. «Das dauert acht bis zehn Monate. Erst dann kann auch Muskelgewebe transplantiert werden», so Giovanoli. Cross-face Nerventransplantation nennt sich diese Methode. «Schliesst ein Auge nicht mehr richtig, transponieren wir in der Regel gleichzeitig einen Teil des Schläfenmuskels zur Wiederherstellung eines Lidschlusses.»

Danach wird Muskelgewebe zum Mund transplantiert. «Der Entscheid, welchem Körperteil wir Gewebe entnehmen, ist zentral und wir versuchen, möglichst Gleiches mit Gleichem zu rekonstruieren», sagte Giovanoli­ – ganz nach dem Prinzip «form follows function». Denn letztlich muss der transplantierte Muskel das Gewünschte auch tatsächlich leisten können, was gerade im Gesicht, wo viele kleinste Muskeln in verschiedene Richtungen ziehen müssen, ausgesprochen anspruchsvoll ist. Ziel ist, dass das rekonstruierte Lächeln möglichst natürlich wirkt. «Wir transplantieren in der Regel einen Teil des dünnen Muskels vom Oberschenkel. Ein solches Transplantat bringt die richtige Kraft auf, um einen Mundwinkel im angebrachten Mass zu heben», so Giovanoli.

Alles eine Frage des Masses

Tatsächlich bedeute ein normales Lächeln keine Maximalleistung. Im Gegenteil – eine übertriebene Muskelkraft würde ein unnatürliches Lächeln hervorbringen.

Entsprechend langwierig und komplex sind die Behandlungen. «Je nach Schweregrad der Lähmung kann eine Reanimation des Gesichtes bis zu drei Jahre dauern.»

Zusammen mit Biomechanikern der ETH hat Giovanoli eine Messapparatur entwickelt, die mit Hilfe mehrfacher Spiegelung ein dreidimensionales Bild des Gesichts darstellt. So kann der Chirurg ganz genau aufzeichnen, wie weit sich beispielsweise beim Lächeln der Mundwinkel Richtung Ohr bewegt. Dabei markiert der Mediziner ganz bestimmte Punkte im Gesicht, deren Bewegungsexkursionen zueinander er misst.

Menschen mit einer Gesichtslähmung leiden sehr. In der Hoffnung, dass ihre Lähmung weniger auffällt, lächeln sie bewusst nicht. «Viele trauen sich nicht, unter Menschen zu gehen und vereinsamen», weiss Giovanoli aus seiner bald 20-jährigen Praxiserfahrung. «Diesen Menschen zu helfen, ist unsere Aufgabe», sagte er. Ganz zum Schluss seines Vortrages zeigte er das Bild einer jungen Frau, die ihr Lächeln zurück gewonnen hat.

Cristina Frey ist Koordinatorin am Zürcher Zentrum für Integrative Humanphysiologie (ZIHP) der Universität Zürich.

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