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Tagungs-Vorschau

Unbehagen in der Wissenschaft

Nachwuchsforscher stehen unter hohem Druck: Gefragt sind Publikationen und Mobilität, Freiräume dagegen sind rar. Die Akademien der Wissenschaften der Schweiz machen die schwierige Situation zum Thema einer Tagung an der Universität Zürich.
Stefan Stöcklin

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«Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ist in Gefahr»: Thierry Courvoisier, Astronom und Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz. (Bild: Metas)

Thierry Courvoisier, Professor für Astronomie und Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz, konstatiert ein wachsendes Unbehagen in der Forschergemeinde. «Der Publikationsdruck bedroht die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft», sagt der Astronom von der Universität Genf. Zwar galt schon immer die Losung «publish or perish» (publiziere oder verschwinde), aber das Publikationssystem sei heute an einem Punkt angelangt, wo die Qualität auf der Strecke zu bleiben droht. Beispiel gefällig? Im März dieses Jahres sorgten die Forscher von «Bicep2» mit der Ankündigung für Schlagzeilen, sie hätten urzeitliche Gravitationswellen nachweisen können.

Vorschnelle Publikation

Die bereits von Albert Einstein prognostizierten Wellen wären ein Beweis für die Inflationstheorie des Universums, das sich nach dem Urknall explosionsartig ausgedehnt hat. Die Meldung löste weltweit Applaus und Anerkennung aus. Nun haben die Forscher ihre Daten veröffentlicht, und plötzlich ist nicht mehr klar, ob die vermeintlichen Gravitationswellen nicht doch ein Artefakt der Messdaten sind. «Die Daten wurden zu schnell publiziert», sagt Courvoisier.

Die vermeintliche Sensation wirft ein Schlaglicht auf die Tagung «Braucht es eine neue Wissenschaftskultur?», die am 7. Juli an der Universität Zürich stattfinden wird. Ein Thema ist der Publikationsdruck, der vor allem auf Nachwuchsforschenden lastet. Wer eine akademische Karriere und einen universitären Lehrstuhl anvisiert, braucht möglichst viele Publikationen in prestigeträchtigen Zeitschriften, die einen hohen Impact-Faktor aufweisen. Das verleitet zu gewagten und schlagzeilenträchtigen Hypothesen und Experimenten, die von den Journalen mit Vorliebe publiziert werden, denn auch sie buhlen um Aufmerksamkeit. Dabei bleibt die Qualitätssicherung auf der Strecke, wie das Beispiel der Gravitationswellen zeigt.

Wiederholung bringt keine Lorbeeren

Dass nun selbst die Astronomie, ein sonst eher entrücktes Forschungsgebiet, von dieser Entwicklung betroffen ist, wertet Thierry Courvoisier als bedenkliches Zeichen. Bisher sorgten vor allem zweideutige Resultate aus den Biowissenschaften (aktuell im Stammzellen-Bereich, Rückzug des Nature-Papers von Obokata/Vacanti) für negative Schlagzeilen. Unterdessen scheint der Trend alle Fachbereiche zu tangieren.

«Wir müssen uns mit dieser Fehlentwicklung befassen», sagt Thierry Courvoisier im Vorfeld der Tagung. Das Problem ist umso drängender, als mit dem steigenden Konkurrenzdruck auch die Anreize fehlen, Resultate unabhängig zu überprüfen. Die Wiederholung von Experimenten bringt keine wissenschaftlichen Lorbeeren und prestigeträchtige Veröffentlichungen. Gerade diese Validierung aber würde Fehlergebnisse verhindern.  «Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ist ein hohes Gut, die man nicht aufs Spiel setzen sollte», mahnt der Präsident der Schweizerischen Akademien. 

Verfrühte Publikation: Das Teleskop am Südpol der Bicep2-Arbeitsgruppe, das Graviationswellen aufgespürt haben soll. (Bild NSF)

Eine Frage des Geschlechts

Kritik aus einer anderen Richtung formuliert Brigitte von Rechenberg, Professorin für experimentelle Veterinärchirurgie an der Universität Zürich. Aus ihrer Sicht krankt der Wissenschaftsbetrieb am «patriarchalisch geprägten Alltag, der damit einhergehenden Einstellung zur erfolgreichen Forschung und nicht zuletzt am männlichen Wettbewerbsdruck».

Die arrivierte Veterinärmedizinerin hat ihre Laufbahn in einer «Männergesellschaft» durchgezogen, in der sie sich als Frau oft nicht verstanden und vor allem übergangen fühlte: «Frauen denken und argumentieren anders als Männer. Es findet eine subtile psychologische Diskriminierung statt», sagt sie.

Um das männliche Dominanzgehabe zu durchbrechen, braucht es aus ihrer Sicht nicht nur frauengerechte Strukturen, das heisst Krippen und Tagesschulen. Nötig sei auch ein Kulturwandel hin zur Akzeptanz von weiblichen Qualitäten und Denkweisen. «Männer haben nur die Karriere im Kopf, Frauen das ganze Leben», sagt die Professorin.

Lebensqualität leidet

Inwieweit sich der heutige Wissenschaftsbetrieb und Lebensqualität vereinbaren lassen, ist das Thema von Marcel Weber, Wissenschaftsphilosoph von der Universität Genf. Der Basler hat internationale Forschungserfahrung und besetzt einen Lehrstuhl in der französischen Schweiz. Was die viel zitierte Mobilität bedeutet und wie sie die Lebensqualität einschränken kann, weiss der Molekularbiologe und Philosoph aus eigener Erfahrung. «Es ist für Wissenschaftler schwierig, Familienleben und Forschung zu vereinbaren», sagt Marcel Weber.

Gleichzeitig ist die Internationalität und Grenzenlosigkeit der Wissenschaft eine ihrer grössten Qualitäten. Das zeigt ein Blick auf die Herkunftsländer von Forschern an Schweizer Hochschulen ebenso wie der internationale Austausch von Forschungsdaten. Wie wichtig die globale Vernetzung ist, erfährt die Schweiz gerade schmerzlich durch den Ausschluss von Forschungsinitiativen der EU. Ein internationales Forschungsstipendium des ERC (European Research Council) ersetzt ein nationales Stipendium nie, selbst wenn die Summe gleich hoch ist.

Welche Wissenschaft wollen wir?

«Wir müssen darüber diskutieren, ob das die Wissenschaft ist, die wir wollen», sagt Marcel Weber selbstkritisch. Allerdings sieht er keine Alternative zum bestehenden System: «Forschende  müssen sich dem internationalen Wettbewerb aussetzen, wenn die Besten gefragt sind.» Nötig wären dagegen Massnahmen, um die Vereinbarkeit von Forschung und Familie zu verbessern. Dazu müssten an den Universitäten endlich mehr unbefristete Stellen sowie Projektstellen mit längeren Laufzeiten, als es heute üblich ist, geschaffen werden. An der Tagung nehmen Persönlichkeiten des Schweizerischen Nationalfonds sowie der Akademien aus Deutschland und Österreich Stellung.