Hedi Fritz-Niggli-Gastprofessur

Mit Verve, Elan und Leidenschaft

Die Medizinerin Kathleen B. Digre hat als erste Hedi-Fritz-Niggli-Gastprofessorin ein Semester an der UZH verbracht. Die engagierte Augen-Spezialistin und Gleichstellungsexpertin lebt vor, wie man Forschung, Lehre, Klinik und Familie zusammenbringen kann.  

Marita Fuchs1 Kommentar

Optimistischer Blick in die Zukunft: Neuroophthalmologin Kathleen B. Digre, erste Hedi-Fritz-Niggli-Gastprofessorin an der UZH. (Bild: Marita Fuchs)

Im Aufenthaltsraum der Augenklinik: Kathleen B. Digre im weissen Kittel kommt gerade aus dem Labor, setzt sich an den Kaffeetisch, lacht freundlich und zugewandt. Die Augenärztin ist ganz Ohr. Auf die Frage, ob sie den Lift vom Labor hierher genommen habe, schüttelt sie den Kopf, zieht verschmitzt ihr Handy aus ihrem Arztkittel und öffnet eine App. Dieser Schrittzähler begleite sie schon seit Jahren. Möglichst 10'000 Schritte will sie am Tag zurücklegen. «Jeder Schritt zählt», sagt sie und lacht, denn das könnte gleichzeitig auch das Motto für ihr Engagement in der Gleichstellung sein.

Kathleen B. Digre ist Neuroophthalmologin und Professorin an der University of Utah, Direktorin des Utah Center of Excellence in Women's Health und Trägerin verschiedener Gleichstellungspreise. Die 63-Jährige mit norwegischen Wurzeln ist Spezialistin für Frauengesundheit und sie engagiert sich für Frauen in der medizinischen Wissenschaft.

Die ideale Kandidatin also für die neu an der UZH geschaffene «Hedi Fritz-Niggli Gastprofessur», deren Namensgeberin die erste ordentliche Professorin an der Medizinischen Fakultät war. Die Gastprofessur ist jeweils auf ein Semester ausgelegt und wird reihum an den verschiedenen Fakultäten angesiedelt. Die Professorinnen sollen Rollenmodell für Nachwuchswissenschaftlerinnen sein. Den Anfang machte Kathleen B. Digre in der medizinischen Fakultät. Sie kannte die Schweiz vor ihrer Gastprofessur kaum. Doch wie in Utah kann sie hier in der Freizeit die Berge erklimmen: Bis jetzt standen der Pilatus, die Rigi und andere auf dem Programm. Die sportliche Augenärztin achtet darauf, dass sie trotz ihres hohen Arbeitspensums körperlich fit bleibt.

Stolperstein Kinderbetreuung

Kathleen B. Digre hat sich in ihrer Zeit als Gastprofessorin, die Ende Juli endet, in der Augenklinik engagiert und sich gleichzeitig für Gleichstellungsbelange der Fakultät eingesetzt. Und sie wollte jungen Medizinerinnen und Mediziner zeigen, wie man Forschung und Klinik unter einen Hut bringen kann. Beide Bereiche zu verknüpfen ist nicht immer einfach, sind die Arbeitstage von Medizinerinnen doch sehr lang. Kommen Kinder und Familie dazu, wird es häufig schwierig, neben der klinischen Arbeit auch Forschung zu betreiben, wie Kathleen B. Digre aus eigener Erfahrung weiss.

Nach der Geburt ihrer ersten Tochter habe sie nur drei Wochen zu Hause bleiben können, erzählt sie. «Man muss als Wissenschaftlerin mit der Fremdbetreuung der Kinder einverstanden sein und sie akzeptieren.» Wenn man aber mit den Kindern zusammen sei, solle man auch ganz für sie da zu sein – die Qualität der Beziehung spiele eine grosse Rolle. Ihren zwei Töchtern habe die Betreuung ausser Haus nicht geschadet. Sie habe hier in der Schweiz oft beobachtet, dass junge Mütter mit der Fremdbetreuung hadern. Frauen dürften sich jedoch in ihrer Mutterrolle nicht ständig hinterfragen, das sei kontraproduktiv. Deshalb müsse die Universität Frauen und Männer, die forschten, klinisch arbeiteten und zugleich eine Familie mit Kinder hätten, auf ihrem Weg unterstützen. Vorbildlich seien Programme, wie «Filling the gap» der medizinischen Fakultät, das junge Nachwuchsforschende aktiv und individuell unter die Arme greife.

Verhandlungstaktiken vermitteln

Trotz der hohen Arbeitsbelastung, sei es wichtig, darauf hinzuweisen, wie beglückend es sein kann, einer Passion zu folgen. Digre betont, dass sie sich – trotz Arbeitswochen von über 70 Stunden – stets privilegiert gefühlt habe, als Augenärztin Patienten zu behandeln und zu forschen. Sie habe aber auch immer darauf geachtet, die Work-Life-Balance im Auge zu behalten. So rechnet sie jeden Tag 20 bis 30 Minuten für Sport ein, sie pflegt die Beziehung zu ihrer Familie und zu Freunden und vergisst ihre Hobbys nicht. Jeden Tag ruft sie ihre 90jährige Mutter an, um sich kurz zu melden und zu hören, wie es ihr geht. Seit dreissig Jahren – so lange, wie sie forscht und lehrt – nimmt sie regelmässig an einem Lesezirkel teil. Die Zeit, um sich in Romane und Biografien zu vertiefen, nimmt sie sich, trotz Zeitdruck.

Work-Life-Balance war auch der Titel eines Kurses den Kathleen B. Digre für Nachwuchsforschende im Rahmen ihrer Gastprofessur gehalten hat. Dabei ging es darum, Arbeit und Freizeit nicht künstlich zu trennen, aber immer auf Ausgeglichenheit zu achten. Sie  bot zudem Kurse zu den Themen Karriereplanung und Verhandlungstaktik an. Beim Verhandeln komme es darauf an, sich zunächst klar zu machen, was man wolle, um es dann durchzusetzen, sagt sie. Ein weiterer Kurs hatte die Leidenschaft und die Passion des Forschens zum Thema – und den richtigen Umgang damit. «Passion ist schön, aber man darf sich nicht von ihr auffressen lassen», so ihr Motto.

Grosses Privileg

Auch an der Augenklinik gab sie verschiedene Vorlesungen und Fortbildungen. Ihre Fachgebiete sind Kopfschmerz und Migräne, auch im Zusammenhang mit Bluthochdruck und Krankheiten des Sehnervs. Sie ist Spezialistin für Patienten, die gegenüber Licht sehr empfindlich sind. Darüber hinaus untersucht sie Gender-Differenzen bei neuro-ophthalmologischen Beschwerden.

Sie liebe ihren Beruf sehr, sagt Digre am Ende des Gesprächs, und sie empfinde es als grosses Privileg, als Augenärztin zu arbeiten. Nach einem Semester in Zürich kehrt sie nun in die USA zurück. Sie hofft, in ihrer Zeit in Zürich so manche Nachwuchsforscherin angespornt zu haben, mit Leidenschaft und Verve die Zukunft anzupacken. Mit im Gepäck hat sie die Ideen des Aktionsplans Chancengleichheit der UZH, den sie bemerkenswert findet. Teile davon möchte sie auch an der University of Utah etablieren.

Was ist die Hedi-Fritz-Niggli-Gastprofessur? Die Universität Zürich hat im Verhaltenskodex Gender Policy festgelegt, die ausgewogene Vertretung beider Geschlechter in allen universitären Funktionen und Gremien weiter zu fördern und insbesondere den Professorinnenanteil massgeblich zu erhöhen. 
So sollen Professorinnen als Role Models für Nachwuchswissenschaftlerinnen stärker sichtbar gemacht werden. Ein wirksames Instrument dafür ist die vermehrte Berufung hervorragender Gastprofessorinnen an die UZH. Die Gastprofessorinnen werden für jeweils ein Semester an die UZH eingeladen und sind in ein Rahmenprogramm eingebunden, welches die Abteilung Gleichstellungin Absprache mit der Fakultät, der Gleichstellungskommission und der Gastprofessorin organisiert.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

1 Leserkommentar

Birte Lembke-Ibold schrieb am Superwoman? Ich möchte auf einen lesenswerten Artikel von Anne-Marie Slaughter, ehem. Director of Policy Planning im amerikanischen Aussenministerium, hinweisen, der die Situation von berufstätigen Müttern in Spitzenpositionen etwas differenzierter darstellt: http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2012/07/why-women-still-cant-have-it-all/309020 Sie schreibt dort: "To be sure, the women who do make it to the top are highly committed to their profession. On closer examination, however, it turns out that most of them have something else in common: they are genuine superwomen.(...)These women cannot possibly be the standard against which even very talented professional women should measure themselves. Such a standard sets up most women for a sense of failure. What’s more, among those who have made it to the top, a balanced life still is more elusive for women than it is for men. A simple measure is how many women in top positions have children compared with their male colleagues."

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