Spracherwerbsforschung

Wie das Kind zur Sprache kommt

Die Psycholinguistin Sabine Stoll erforscht, wie Kinder aus unterschiedlichen Kulturen ihre Muttersprache erlernen. Derzeit arbeitet sie an einer besonders komplexen, vom Aussterben bedrohten Sprache, dem Chintang.  

Regula Pfeifer

Lernt bis zu 1800 Formen pro Verb: Kleinkind mit seiner Mutter im nepalesischen Dorf Chintang. (Bild: Tyko Dirksmeyer)

Nur wenige Male konnte Sabine Stoll in ihr Forschungsgebiet in Ostnepal reisen, denn im Distrikt Dhankuta, im Vorgebirge des Himalaja, wo die Menschen in Lehmhäusern an terrassierten Abhängen leben, herrschte Bürgerkrieg. Während ihres ersten Aufenthaltes besetzten maoistische Truppen das ostnepalesische Dorf Chintang, und die Forschungsgruppe musste alle Diplomatie anwenden, um den Goodwill der Besetzer zu erreichen. Von da an arbeiteten nur noch einheimische Linguisten der Forschungsgruppe vor Ort.

In Chintang sprechen rund 6000 Menschen die gleichnamige, vom Aussterben bedrohte Sprache, die zur sino-tibetischen Sprachfamilie gehört. Gleichzeitig beherrschen sie Nepali, die Nationalsprache Nepals. Chintang ist grammatisch äusserst komplex.  Eine besondere Herausforderung für die Kinder, die diese Sprache erlernen. Wie sie das meistern, interessierte Sabine Stoll. Die Linguistin leitet an der Universität Zürich die Arbeitsstelle für Psycholinguistik und erforscht, wie Kinder ihre Muttersprache erlernen. Sie will herausfinden, ob der Spracherwerb von der Grammatik der jeweiligen Sprache oder vom kulturellen Kontext abhängt, in dem die Kinder aufwachsen.

Umfangreiches Projekt

Entsprechende Studien zum Russischen, Deutschen und Englischen hatte die Sprachwissenschaftlerin bereits durchgeführt. Eine komplett andere Sprache sollte den Blick nun erweitern. Darum wandte sich Sabine Stoll vor zehn Jahren dem Chintang zu und lancierte gemeinsam mit Linguisten und Ethnologen ein umfangreiches Projekt – mit zeitweise bis zu dreissig Mitarbeitenden.

Linguistikstudierende filmten sechs Kinder, die anfänglich sechs Monate, zwei und drei Jahre alt waren, einmal pro Monat über 18 Monate hinweg. Es entstanden Videos, die zeigen, wie die Kinder mit ihren Eltern, Erwachsenen und anderen Kindern kommunizieren. Diese Videos übersetzten Studierende vor Ort ins Nepalesische und Englische.  In Leipzig und Zürich wurden dann grammatische Annotationen durchgeführt, das sind Beschreibungen der syntaktischen Struktur.

Geht der Frage nach, wie Kinder ihre Muttersprache erlernen: Psycholinguistin Sabine Stoll. (Bild: Regula Pfeifer)

Es entstand eine schriftliche Datenbasis, die Sabine Stoll und ihr Team nun analysiert. Sie will herausfinden, welche Prozesse beim Spracherwerb ablaufen, wie Kinder den Einstieg in ihre Muttersprache finden und wann sie anstelle der auswendig gelernten Konstruktionen neue entwickeln, etwa indem sie grammatische Regeln anzuwenden beginnen.

Was kommt zuerst: Substantiv oder Verb?

Bereits die Frage, welche Wortklassen Kinder zuerst erwerben, ist umstritten. Nach Untersuchungen einer Reihe von Sprachen aus verschiedenen Sprachfamilien schien es, als ob Kinder Substantiven gegenüber Verben den Vorzug gäben. Das schien logisch, da Substantive häufig auf individualisierbare Dinge angewandt werden, was für den frühen Spracherwerb besonders relevant ist. Auf die von Stoll später erforschten Sprachen Chinesisch und Koreanisch traf diese Regel aber nicht zu. In diesen Sprachen werden zuerst Verben erlernt oder Verben und Substantive zeitgleich.

Sabine Stoll stellte sich die Frage, welche Präferenzen Kinder im Chintang zeigen, einer Sprache mit extremer grammatischer Komplexität. Die Sprache ist mit dem Chinesischen verwandt, und  wie auch im Chinesischen herrschen in der Erwachsenensprache des Chintang Verben vor. Substantive werden weit weniger häufig verwendet als etwa im Deutschen.  

Über 1800 Verbformen pro Verb

Also würde man erwarten, dass Kinder von Anfang an mehr Verben verwenden.  Allerdings sind Verben im Chintang extrem komplex. Es gibt Unmengen verschiedener Verbformen – über 1800 pro Verb. Das Deutsche hingegen weist rund zwanzig und das Englische nur drei Verbformen auf. Ausserdem werden ganze Sätze in Verben erzählt. So heisst «nakhutticaihattibiri» auf Deutsch: «Sie könnte dir alles wegstehlen und es aufessen.»  Und – wie Linguistik-Kollege Balthasar Bickel während des Chintang-Projekts entdeckte – Präfixe können bei Verben an unterschiedliche Positionen gesetzt werden, ohne dass sich der Sinn veränderte. Ins Deutsche übersetzt würde das heissen: «Be-auf-trag-en», «auf-be-trag-en» und «be-trag-auf-en» bedeuten alle dasselbe.

Gerade weil die Verben so extrem komplex sind, erlernen die Kinder im Chintang zuerst die Substantive, die weit weniger komplex sind. Ihre Sprache unterscheidet sich von jener der Erwachsenen, wie Stoll herausfand. Im verwandten Mandarin ziehen Kinder Verben vor, weil sie einfacher sind, kaum Endungen oder Flexionen enthalten. So können sie sich schneller an die Erwachsenensprache anpassen.  

Die Sprachanalysen sind noch nicht abgeschlossen. Weitere Fragen wollen geklärt sein, etwa: Wie beeinflusst der Input, den die Kinder von Erwachsenen und anderen Kindern erhalten, ihre sprachliche Entwicklung? Dazu wertet Sabine Stoll Videos statistisch aus.

Für die Zukunft plant Sabine Stoll ein gross angelegtes, fünf Sprachgruppen umfassendes Forschungsvorhaben, das die wirklichen Lernprozesse, die hinter dem Spracherwerb stecken, aufdecken will – und damit universal gültige Mechanismen des Spracherwerbs.

Das Chintang-Projektwar Teil der Förderinitiative «Dokumentation bedrohter Sprachen» der Volkswagenstiftung in Hannover. Seit 1999 hat diese 28 Millionen Euro in 103 Projekte investiert.

Regula Pfeifer ist freie Journalistin.

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