China

Weshalb die Chinesen Konfuzius auferstehen lassen

China rehabilitiert viele seiner lange geächteten kulturellen Traditionen. Welches Kalkül dahinter steckt, war Thema eines Workshops des Universitären Forschungsschwerpunkts (UFSP) Asien und Europa und des Asien-Orient-Instituts. 

Roman Benz

Rückbesinnung auf alte Werte: China zwischen Partei, Mao und Konfuzius. (Illustration: zVg.)

Die chinesische Kulturrevolution (1966–1976) brachte einen radikalen Bruch mit den bisherigen Traditionen. Die Religionsausübung  war faktisch nur noch im Geheimen möglich, und die philosophischen Lehren des Konfuzius, die eine wesentliche Grundlage der kaiserlichen Beamtenausbildung waren, wurden als Verkörperung einer überwundenen feudalen Gesellschaftsordnung geächtet.

In den letzten Jahren lässt sich in China jedoch ein Erstarken der ehemals bekämpften Traditionen beobachten. Inzwischen sind fünf Religionsgemeinschaften – Taoismus, Buddhismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus – in staatlich organisierten und strikt kontrollierten Vereinigungen offiziell anerkannt. Die Lehren des Konfuzius sind rehabilitiert, die feudale Kaiserzeit wird in Historienfilmen und neu gegründeten historischen Museen gefeiert.

Angesichts der allumfassenden Macht der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) könnte diese Rückbesinnung auf alte Traditionen nicht ohne ihre Zustimmung stattfinden. Im Rahmen des Workshops «Die Kommunistische Partei Chinas und die Politisierung von Traditionen»  vom 6. bis 8. Juni an der UZH gingen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und Disziplinen der Frage nach, was sich die KPCh davon verspricht, wenn sie Traditionen wieder eine grössere Bedeutung zugesteht und sie in ihre politische Agenda einzubinden versucht. Stellvertretend für die zahlreichen Vorträge werden im Folgenden drei ausgewählte Positionen vorgestellt.

«Der Hinweis auf die jahrtausendealte Geschichte lassen die Menschenrechtsverletzungen nicht vergessen», Gery Rawnsley, Professor für Internationale Kommunikation an der University of Leeds. (Bild: Roman Benz)

Traditionen und Soft-Power-Strategie

Gery Rawnsley, Professor für Internationale Kommunikation an der University of Leeds, wies auf die Bedeutung der Traditionen für die Selbstdarstellung der Volksrepublik im Ausland hin. In der Soft-Power-Strategie der Regierung, das heisst im Bemühen, andere Länder nicht durch militärische oder wirtschaftliche, sondern vornehmlich durch eine ideelle Überlegenheit zu beeinflussen, spielen die jahrtausendealte Geschichte und Kultur eine wichtige Rolle. Rawnsley bezweifelt jedoch den Erfolg dieser Strategie. Menschenrechtsverletzungen, fehlende demokratische Institutionen, nationalistische Tendenzen und das Verhältnis zu Taiwan und Tibet lassen sich nicht einfach mit einem Hinweis auf das historische China vergessen machen.

Ein anderes wesentliches Element der Soft-Power-Strategie, nämlich der Verweis auf die erfolgreiche Modernisierung des Landes, birgt die Gefahr innenpolitischer Spannungen. Im Gegensatz zu einem ausländischen Publikum sind vielen Chinesinnen und Chinesen die Schattenseiten dieser kapitalistischen Veränderungen bewusst, die unter anderem extreme Armut, hohe Arbeitslosigkeit sowie ein Heer von entwurzelten Wanderarbeitern mit sich bringen. Für Rawnsley stellt sich die Frage, ob es der KPCh gelingen wird, die eigene Bevölkerung auch weiterhin vom Nutzen dieses Modernisierungsprogramms zu überzeugen. 

Bezeichnet das Verhältnis der KPCh zur Religion als utilitaristisch, André Laliberté, Professor für Politikwissenschaft an der University of Ottawa. (Bild: Roman Benz)

Religion als Mittel gegen soziale Spannungen

Mit der Frage nach den Vorteilen, die sich die chinesische Führung von einer grösseren Toleranz gegenüber den anerkannten Religionsgemeinschaften erhofft, beschäftigt sich André Laliberté, Professor für Politikwissenschaft an der University of Ottawa. Er bezeichnete das Verhältnis der KPCh zur Religion als utilitaristisch. Die Religion soll dazu beitragen, die sozialen Gegensätze abzumildern, die im Zuge des ökonomischen Wachstums entstanden sind. Während es Religionsgemeinschaften lange Zeit untersagt war, philanthropisch tätig zu sein, nutzt der Staat heute deren ökonomische und personelle Ressourcen, um sich finanziell zu entlasten. So gibt es inzwischen zum Beispiel Krankenhäuser und Altersheime mit religiösen Trägerschaften.

Die weitere Entwicklung der Religionsgemeinschaften wird in China nicht dem Zufall überlassen, sondern durch das «Staatliche Amt für religiöse Angelegenheiten» auf allen Ebenen der Verwaltung überwacht. Beunruhigt über das rasche Wachstum der protestantischen Kirchen, hat die chinesische Regierung beispielsweise die Unterstützung für den Buddhismus verstärkt.

Massives Vorgehen gegen Falun Gong

Insbesondere lehnt die KPCh eine Selbstorganisation der Religionsgemeinschaften ab, da sie unkontrollierbare Verhältnisse fürchtet. Das massive Vorgehen der Behörden gegen «Falun Gong» seit 1999 erfolgt hauptsächlich wegen der staatskritischen Tendenzen innerhalb dieser religiösen Bewegung. Falun Gong ist eine aus China stammende neue religiöse Bewegung auf der Basis von Qi Gong.

Auch in die Angelegenheiten des tibetischen Buddhismus greift die Obrigkeit massiv ein, indem sie beispielsweise geistige Führer mit einer prochinesischen Haltung an die Spitze dieser Religionsgemeinschaft setzt. «Die Entwicklung der Religionen erfolgt innerhalb klar festgelegter Grenzen», fasst Laliberté die Politik der KPCh zusammen.

Warnt davor die Bedeutung der Religion für die KPCh zu überschätzen, Benjamin Lim, Beijing-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters. (Bild: Roman Benz)

Zwischen Buddhismus und Marxismus

Der Workshop endet mit einem Vortrag von Benjamin Lim, der als Peking-Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters die KPCh aus der Nähe beobachtet. Er sprach sich ebenfalls dafür aus, die Bedeutung der Religion für die Partei nicht zu überschätzen. So hat der damalige chinesische Präsident Hu Jintao das erste World Buddhist Forum unterstützt, das 2006 in Hangzhou stattfand. Ungefähr zur gleichen Zeit förderte er massiv die Marxismus-Forschung, indem er der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften 100 Millionen Yuan zusprach und das «Marx-Institut» in den Rang eines Vizeministeriums erhob. Er festigte seinen Ruf als Marxist, um sich damit gegen eine Kritik an seinem Engagement für den Buddhismus zu wappnen.

Buddhismus bevorzugt

Wie Laliberté erkennt auch Lim eine gewisse Vorzugsbehandlung des Buddhismus in China. Seines Erachtens dient er der KPCh als praktisches Werkzeug, da er einerseits ein bestehendes ideologisches Vakuum zu füllen vermag, andererseits die Autorität des Staates nicht untergräbt. «Im Buddhismus wird die Regierung nicht kritisiert», sagt Lim und sieht darin einen wesentlichen Unterschied zu christlichen Religionen und zum Islam.

Ob der neue Staatspräsident Xi Jinping eine Verständigung mit dem geistigen Führer des tibetischen Buddhismus, dem Dalai Lama, anstreben wird, ist für Lim ungewiss. Dessen Vater Xi Zhongxun war zwar mit dem Dalai Lama befreundet, aber innerhalb der Bürokratie bestehen grosse Widerstände gegen eine Annäherung: «Mehr als zehn Institutionen auf ministerialer oder vizeministerialer Ebene haben sich zusammengetan, um sich gegen eine Versöhnung mit dem Dalai Lama zu wehren.» Denn sie würden ihren politischen Einfluss bis zu einem gewissen Grad diesem Antagonismus verdanken.

Roman Benz, Öffentlichkeitsarbeit UFSP Asien und Europa

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