Kinderzeichnungen

Von Kopffüsslern und Menschen

Kinderzeichnungen sind Ausdruck von Fantasie und Fingerfertigkeit. Letztere wird aber oft zu wenig beachtet, wenn Fachleute Kinder auf Grund ihrer Bilder beurteilen – das kann zu Fehlschlüssen führen.

Roger Nickl

Fröhlicher Tanz um den Regenbogen: Menschen gehören zu den beliebtesten Zeichnungsmotiven von Kindern.

Die Sonne scheint. In der Höhe sind einige dicke Regentropfen zu sehen. Darunter spannt sich ein Regenbogen über das Blatt. Auf einer Wiese werfen ein kleinerer und zwei grössere Menschen fröhlich die Arme in die Luft. Sie scheinen zu tanzen. Diese neueste Zeichnung aus der unermüdlichen Produktion unserer kleinen Tochter nehme ich mit, als ich mich zum Interviewtermin mit Oskar Jenni aufmache. Jenni ist Leiter der Abteilung für Entwicklungspädiatrie am Zürcher Kinderspital und mittlerweile auch ein Experte in Sachen Kinderzeichnungen. Denn für eine Studie haben er und seine Mitarbeiter Hunderte von Zeichnungen von Zürcher Kindern analysiert. Ihre Erkenntnisse werden die Forscher im Juni in der Fachzeitschrift «Pädiatrie up2date» publizieren.

In seinem Büro am Kinderspital betrachtet Jenni mit Kennerblick die Menschen, die meine Tochter gezeichnet hat. «Zöpfe, Kleidung, physiologische Armstellung», zählt der Kinderarzt auf, schliesst, «ihre Tochter dürfte etwa sechs sein» und landet damit einen Volltreffer.

Faszinierende Kinderwelten

Vor allem kleinere Kinder zeichnen oft und leidenschaftlich gern. Dies machen sich die Entwicklungspädiater an der Zürcher Universitätskinderklinik zunutze. Rund 1700 Mädchen und Buben mit einer auffälligen oder gestörten Entwicklung klären die Ärzte jedes Jahr ab. Zu Beginn einer Sprechstunde lassen sie Kinder im Vor- und Primarschulalter oft zeichnen. Das Reden über eine Zeichnung ermöglicht es den Ärzten, eine Beziehung aufzubauen und das Vertrauen der Kinder für die folgenden Tests zu Sprache, Kognition und Motorik zu gewinnen.

Die Zeichnungen können den Pädiatern aber auch erste Hinweise auf den Entwicklungsstand und allfällig bestehende Störungen geben. Um dieses Zeichnungswissen für die Praxis noch weiter zu vertiefen, haben sie die aktuelle Studie in Angriff genommen. Sie konnten dabei auf einen Fundus von Tausenden von Zeichnungen zurückgreifen, die im Rahmen der Zürcher Longitudinalstudien gesammelt wurden – ein Schatz, der bisher noch nicht gehoben wurde. In den Longitudinalstudien erforschen Wissenschaftler am Kinderspital seit 1954 die kindliche Entwicklung von der Geburt bis zum Erwachsenenalter über mehrere Generationen hinweg. Die Zeichnungen lagerten zwar schon lange in Oskar Jennis Büro, das er von seinem bekannten Vorgänger Remo Largo übernommen hat, ausgewertet wurden sie bislang aber noch nicht.

Als Vater von vier Buben hat Oskar Jenni nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein ganz persönliches Interesse am Thema Kinderzeichnungen. «Wie viele Eltern faszinieren und berühren mich die Zeichnungen meiner Kinder sehr stark», sagt er, «dies war sicher auch ein Antrieb, mich als Forscher damit zu befassen.» Mit seiner Faszination ist Jenni aber auch unter Wissenschaftlern nicht allein: Vor ihm haben sich schon unzählige Forscherinnen und Forscher mit von Pinsel und Farbstift gestalteten Kinderwelten auseinandergesetzt. Besonders mit psychologischen Untersuchungen zum Thema liessen sich ganze Bücherwände füllen. Kinderzeichnungen werden in diesen Studien meist als Ausdruck des Denkens und der Gefühle gelesen.

Menschen zeichnen

Und immer wieder werden sie als Gradmesser für die Intelligenz eines Kindes herangezogen. Gerade in dieser Beziehung hegt Oskar Jenni jedoch Zweifel: «Die Verbindung vom Zeichnen zum Intelligenzquotienten ist relativ schwach», sagt er, «Zeichnungen entstehen nicht allein auf dem Hintergrund von Denken und Gefühl.» Wichtig sind etwa auch die Fingerfertigkeiten, die es für eine detaillierte und differenzierte Darstellung braucht. Mit diesen motorischen Aspekten des Zeichnens hat sich die Wissenschaft bislang kaum auseinandergesetzt. Jenni und seine Mitarbeiter haben nun in ihrer Studie ein besonderes Augenmerk auf diesen Punkt gelegt. Speziell interessiert haben sich Oskar Jenni und sein Mitarbeiter Ronen Teplitz dafür, wie Kinder Menschen zeichnen und wie sich diese Menschenzeichnungen mit zunehmendem Alter verändern.

Menschliche Figuren sind eines der beliebtesten Zeichnungsmotive von Kindern. Deshalb eignen sie sich besonders, will man die zeichnerische Entwicklung untersuchen. Im Alter von zwei bis vier Jahren bringen Kinder erste geometrische Formen aufs Papier: Kreise, Drei- und Vierecke. Sie sind die Basis für die ersten Kopffüssler – skurrile Wesen bestehend aus einem Kopf und oft tentakellangen Beinen. «Bald danach kommen Augen, Nase, Mund, aber auch Arme und Beine», sagt Oskar Jenni, «der Detailreichtum nimmt im Alter von viereinhalb bis sechs Jahren stark zu.» Aus den fabelhaften Kopffüsslern mit ihrer eigenwilligen Anatomie werden allmählich menschliche Figuren mit wohlproportionierten Gliedmassen. Interessanterweise haben Kinder schon viel früher ausgeprägte Vorstellungen des menschlichen Körpers und können Körperteile klar erkennen. Diese zeichnerisch umzusetzen, gelingt ihnen allerdings erst mit einer Verzögerung von rund zwei Jahren.

Einen Punkt für Augen, Nase und Mund

Die Entwicklungspädiater vom Kinderspital haben nun anhand von gegen 800 Bildern von Vier- bis Achtjährigen, die aus den frühen 1980er- Jahren und von 2009 stammen, untersucht, wie sich das Zeichnen von Menschen entwickelt. Auf Grund dieser Analysen haben sie ein rein quantitatives Bewertungssystem für die Praxis entwickelt, das auch die Erkenntnisse anderer, bereits bestehender Systeme mit einbezieht. Die Wissenschaftler haben einen Katalog mit 35 Merkmalen zusammengestellt, anhand derer sich der zeichnerische Entwicklungsstand eines Kindes – die Forscher sprechen vom Zeichnungsalter – festlegen lässt.

So gibt es etwa je einen Punkt, wenn Augen, Nase und Mund auf einem Bild zu sehen sind. Weitere Punkte werden für detailliertere Darstellungen vergeben: etwa Augenbrauen, Pupillen oder Nasenlöcher. Neben den Merkmalsbereichen «Kopf und Hals» finden sich in der Checkliste auch die Rubriken «Rumpf, Arme und Beine», «Kleidung» und «Sonstiges». Unter letztere fallen bespielsweise Accessoires wie Handtasche, Uhr oder Handy. Ist eine Zeichnung auf alle diese Merkmale hin geprüft worden, lässt sich eine Gesamtpunktzahl bestimmen. Diese wiederum ergibt in eine Perzentilenkurve übergetragen einen Vergleich zum zeichnerischen Entwicklungsstand von Gleichaltrigen. So kommt beispielsweise ein fünfjähriger Knabe im Durchschnitt auf 11 Punkte, ein gleichaltriges Mädchen auf 13 Punkte. «Das heisst aber nicht, dass Buben generell schlechter zeichnen können als Mädchen», relativiert Oskar Jenni diesen Befund, «in einem grossen Bereich überschneiden sich die Fähigkeiten von gleichaltrigen Buben und Mädchen.»

Zu hohe Erwartungen vermeiden

Relevant sind die geschlechtsspezifisch en Differenzen im Zeichnen für den Kinderarzt aber dennoch, denn es leiden deutlich mehr Knaben als Mädchen an einer Schwäche im Zeichnen und besonders im Schreiben, was den Schulerfolg und so auch das Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen kann. Neben den geschlechtsspezifischen Unterschieden, die die Forscher bei der Analyse ausgemacht haben, lässt sich aber auch feststellen, dass die zeichnerischen Fähigkeiten von gleichaltrigen Kindern ganz allgemein sehr stark variieren.

Deshalb warnt Oskar Jenni auch vor zu grossen Normerwartungen: «Wenn wir beim Zeichnen mit bestimmten Erwartungen an ein Kind treten, laufen wir Gefahr, es in einem Bereich zu frustrieren, den es von sich aus gerne macht», sagt der Experte. Wenn ein Kind von sich sage, es zeichne nicht gerne, sei es wahrscheinlich zu oft mit solch überhöhten Vorstellungen konfrontiert worden, ist Oskar Jenni überzeugt.

Intellektuell stark, motorisch schwach

Für den Pädiater sind Zeichnungen ein Abbild der Gesamtentwicklung eines Kindes, die emotionale, kognitive und motorische Fähigkeiten mit einschliesst. Auch in den Tests, die er zur Abklärung des Entwicklungstands am Kinderspital macht, geht es darum, sich ein möglichst differenziertes und umfassendes Bild der Stärken und Schwächen eines Kindes zu machen. Die mit dem Zürcher Bewertungssystem analysierten Zeichnungen können dabei helfen, bestimmte Testresultate zu untermauern oder zu relativieren. Umgekehrt werfen die Tests auch ein neues Licht auf das Zeichnen selbst: So kann eine Abklärung beispielsweise ergeben, dass ein Sechsjähriger, der weit unter dem Durchschnitt zeichnet, sich in Tests zur Intelligenz, aber auch zur visuellen Wahrnehmung und zur sprachlichen Entwicklung als völlig normal erweist.

«Wir erleben in der Praxis immer wieder Kinder mit so genannten dissoziierten Entwicklungsprofilen», sagt Oskar Jenni, «etwa ein Bub, der intellektuell sehr stark, motorisch aber schwach ist.» Diese Schwäche spiegelt sich in wenig differenzierten Zeichnungen. Von diesen aber auf eine rückständige kognitive Entwicklung des Knaben zu schliessen, ist problematisch. Denn einer Kinderzeichnung sieht man nicht unbedingt an, ob sie auf Grund mentaler oder motorischer Schwächen nicht der Altersnorm entspricht.

Zurückhaltend beurteilen

Es ist also heikel, eine Zeichnung als Ausdruck des kognitiven Entwicklungsstands eines Kindes zu lesen. Fachleute würden dies aber oft unbewusst tun, vermutet Oskar Jenni und fordert: «In der Praxis sollte man sehr zurückhaltend sein bei der Beurteilung der Entwicklung eines Kindes allein auf Grund von Zeichnungen.» Dies ist eine der Kernbotschaften von Jennis Studie, die sich neben Ärzten auch an Therapeutinnen, Lehrer und andere Fachpersonen wendet.  

Literatur: Oskar Jenni: Wie die Kinder die Welt abbilden – was man daraus folgern kann, Pädiatrie up2date, erscheint im September 2013.

Roger Nickl, Redaktor des «magazins» UZH.

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