Zmittagslabor

Vom Bild und Spiegelbild

Die erste Ausgabe des «Zmittagslabor» im Cabaret Voltaire war ein Erfolg. Gerd Folkers, der Leiter des Collegium Helveticum, erklärte vor vollen Rängen, wie die Menschen und die Physik mit Problemen umgehen, die durch die Unterscheidung von rechts und links entstehen. 

Rebecca Wyss

Ging der Frage nach, ob Bild und Spiegelbild identisch seien: der Leiter des Collegium Helveticum, Gerd Folkers. (Bild: Rebecca Wyss)

«Würdest du gerne im Spiegelhaus wohnen, Miez? Wer weiss, ob man dir dort Milch geben würde! Vielleicht ist Spiegelmilch nicht gut zum Trinken», fragt Alice aus «Alice im Wunderland» ihre Katze, bevor sie durch den Spiegel ins Wunderland gehen. Mit diesem Zitat startete am vergangenen Donnerstag Gerd Folkers, Leiter des Collegium Helveticum, seinen Vortrag. Dabei stellte er die Frage in den Raum: Sind Bild und Spiegelbild immer identisch?

Es war das erste Mal, dass der Think Tank W.I.R.E, die Veranstaltungs-Plattform Kion und das Collegium Helveticum zum «Zmittagslabor» an den «Stammtisch für Wissenshungrige» luden. Der Name ist Programm: Gemäss den Veranstaltern soll mit dem Lunch-Angebot die Neugier aller geweckt und das Nachdenken über zentrale Themen des Alltags gefördert werden, die nicht im Fokus der Medien stehen.

Was ist links und was rechts?

Wie gehen die Menschen mit Spiegelbildern im täglichen Leben um, und was hält die Natur «links» und «rechts» für Überraschungen bereit? Diesen Fragen ging Folkers in seinem Vortrag nach. Dabei wurde rasch klar: Ohne die Begriffe von links und rechts kämen wir im Alltag kaum zurecht. Wer sich schon einmal hoffnungslos in einer fremden Stadt verlaufen hat und nur dank der Hilfe von Passanten wieder auf den richtigen Weg gekommen ist, weiss das. Oder man stelle sich das Chaos auf der Strasse vor, wenn es kein links und rechts gäbe.

Fest steht: Die ganze Welt lässt sich in diese beiden Orientierungsbegriffe einteilen. In allen westlichen Kulturen ist links links und rechts rechts. Alles klar, denkt man sich – und liegt damit falsch. «Wir gehen davon aus, dass das Gegenüber schon weiss, was mit links und rechts gemeint ist. Dem ist aber nicht so», betonte Folkers und schaffte mit einem Beispiel Klarheit.

Der Renaissance-Maler Albrecht Dürer entdeckte eines Morgens einen gelben Fleck an seinem Bauch. Besorgt nahm er ein Blatt Papier und malte ein Selbstporträt, auf dem er die Entdeckung links auf dem Körper einzeichnete und seinem Arzt schickte. Dieser sass schliesslich ratlos vor dem Selbstbildnis. Musste er sich jetzt umdrehen und Dürers Position einnehmen oder hatte der Maler die Spiegelung bereits mitgedacht, so dass der linke Fleck auch aus dessen Sicht links war? Laut Folkers stossen wir immer wieder auf das Problem, dass «meine linke Seite für das Gegenüber rechts ist».

Spiegelungen treten überall auf

Nicht anders verhält es sich mit Spiegelbildern. Wenn in der Physik Bild und Spiegelbild einander gegenüber gestellt sind, ist die Rede von Chiralität – eine zentrale Eigenschaft von Molekülen. In ihrer physikalischen Eigenschaft unterscheiden sich Bild und Spiegelbild laut Folkers nicht. Der Unterschied entsteht erst, wenn links und rechts in ein Bezugssystem gesetzt werden – wenn sie in das Fassbare der Menschen übertragen werden.

Beispiel Würfel: Stellt man zwei Würfel spiegelverkehrt einander gegenüber, weisen ihre Moleküle die gleichen physikalischen Eigenschaften auf. Dass die beiden Würfel in die gegengesetzte Richtung nummeriert sind, bemerkt erst, wer sie vor sich auf dem Tisch einander gegenüber stellt.

Bislang ist «Zmittagslabor» ein Pilot-Projekt. Nach der ersten Ausgabe dürfte sich dies jedoch ändern. Dem Ruf ins Cabaret Voltaire folgten zahlreiche Wissenshungrige. Sogar Stehplätze wurden fast zur Mangelware.

Rebecca Wyss ist Journalistin.

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