Scientifica zum Thema «Risiko»

Stressfreie Hochseilakte

Die diesjährigen Zürcher Wissenschaftstage waren ein grosser Erfolg. Über 20‘000 grosse und kleine Besucherinnen und Besucher strömten an die UZH und die ETH, um Einblicke in die Wissenschaft zu gewinnen. Einer der Höhepunkte des umfangreichen Programms war der Science Talk am Sonntagmorgen. Hochseilartist Freddy Nock und die Psychologin Ulrike Ehlert gingen darin der Frage nach, warum Menschen immer wieder Grenzerfahrungen suchen.

Marita Fuchs

Erfolgreiche Scientifica 2013: An einem der über 40 Ausstellungsstände an UZH und ETHZ konnte mitverfolgt werden, wie sich Schadstoffe in Gewässern verhalten.   (Bild: Frank Brüderli)

An der diesjährigen Scientifica zum Thema Risiko war eine Schweizer Ikone des Wagemuts zu Gast: Freddy Nock, Extremsportler und «Dare Devil». Das Schweizer Ausnahmetalent balanciert ungesichert auf dem Hochseil, dreht sich im Todesrad oder auf schwankenden Masten und kann beim Tellschuss mit seiner Armbrust aus 20 Metern Entfernung einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schiessen. Für seine Erfolge erhielt er mehrere Einträge ins Guinness Buch der Rekorde.

Nock hatte sich als wissenschaftliche Gesprächspartnerin die Stressforscherin und Psychologin Ulrike Ehlert gewünscht, das wohl auch deshalb, weil der Hochseilartist auch die andere Seite des Wagemuts kennt: die Angst. Sobald er sein Leben in die Hände anderer legen müsse, erfasse ihn Angst, erzählte Nock. Seine Flugangst sei etwas besser geworden, nachdem er eine Flugangstherapie gemacht habe und ein Pilot ihm genau erklärt habe, worauf es beim Fliegen ankomme und wo die Risiken seien. Doch auch im Wasser habe er Angst - überhaupt bei allem, was er nicht selbst kontrollieren könne.

Geniesst es, in der frischen Luft über ein Drahtseil zu laufen: Artist Freddy Nock (rechts) im Gespräch mit Psychologieprofessorin Ulrike Ehlert. Das Gespräch moderierte Rolf Probala. (Bild: Marita Fuchs)

Stets die Kontrolle behalten

Anders auf dem Hochseil, wo er die Kontrolle habe und es geniesse, oben in der frischen Luft über ein Drahseil zu laufen, wie er es 2008 auf der Luftseilbahn Adliswil-Felsenegg getan habe. Dass er für dieses extreme Verhalten auch eine Gabe mitbringe, sei ihm klar. Ulrike Ehlert erklärte, dass diese Gabe in der Wissenschaft unter den Begriff der Epigenetik erfasst werde. Heute sehe man die Fähigkeiten der Menschen in einer Mischung aus genetischer Dispostion und langer Erfahrung. Freddy Nock entstamme ja einer alteingesessenen und über mehrere Generationen gehenden Zirkusfamilie, das sei die genetische Seite. Diese Gene wären bei Nock bereits früh angeregt worden, denn er habe ja sicher schon als kleines Kind auf dem Seil geübt.

Nock bestätigte, dass er von Kindesbeinen an sehr diszipliniert gearbeitet habe und gelernt habe, mit dem Risiko umzugehen. Mit 23 Jahren sei er einmal acht Meter in die Tiefe gestürzt. Zum Glück habe er sich nur den Arm gebrochen, doch damals habe er es als Zeichen verstanden, dann aufzuhören, wenn das Risiko zu gross wird. So habe er Drahseilakte auch schon mal abgebrochen, wenn er das Gefühl der Kontrolle verloren habe.   

Immer mit Schutzengel

Gleichzeitig suche Nock jedoch auch immer wieder neue Herausforderungen, gab Ehlert zu bedenken. Der Kick des Riskanten treibe ihn an. Das sei wohl auch so, weil er sehr viele männliche Eigenschaften in sich vereine und sein Testosterinspiegel recht hoch sei. Diese männlichen Hormone stünden bei Nock im Gleichgewicht mit dem Cortisol, dem Stresshormon. Wäre das nicht so, könnte der Artist seine Drahseilakte nicht mit Freude und Genuss angehen. Auch die Suche nach dem Kick, dem Risiko gehöre dazu.

Stress entstehe nämlich erst dann, so Ehlert, wenn eine Aufgabe als nicht mehr zu bewältigen erlebt werde und man die Kontrolle über etwas verliere. Dann komme es schnell zu einer Überforderung. Es sei wichtig, die eigenen Grenzen einschätzen zu können. Sie habe das Gefühl, dass Freddy Nock hier ein gutes Gleichgewicht gefunden habe und mit einer stabilen Grundpersönlichkeit ausgerüstet sei.

Freddy Nock betonte jedoch, dass er trotz aller wissenschaftlicher Erklärungen für sein Verhalten fest an einen Schutzengel glaube, der ihm beistehe und ihn bei grosser Gefahr rechtzeitig warne.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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