Ökonom Dan Ariely an der UZH

«Selbst Gott schwindelt»

Der renommierte Verhaltensökonom Dan Ariely von der Duke University hat untersucht, warum Menschen lügen und schwindeln. Am Mittwoch sprach er auf Einladung von Ernst Fehr an der Universität Zürich zu diesem Thema.  

Marita Fuchs2 Kommentare

Gekreuzte Finger hinter dem Rücken: Lügen und Schwindeln gehören zum Alltag. (Bild: Marita Fuchs)

Dan Ariely ist einer der erfolgreichsten und kreativsten Verhaltensökonomen der Welt und bekannt für seinen unkomplizierten und humorvollen Vortragsstil. Am Mittwoch konnte er seine Rhetorik in der Aula der Universität voll zur Geltung bringen und erfüllte damit alle Erwartungen des zahlreich erschienenen Publikums. Der umtriebige Ökonom sprach auf Einladung des «Excellence Foundation Zurich». Er mied das Vortragspult, ging vor dem Publikum auf und ab und stellte zwischendurch Fragen an die Zuhörerinnen und Zuhörer. Wie sich auf seine Anfrage hin herausstellte, sassen im Publikum massenweise Lügner und Schwindler.

«Doch Sie befinden sich in bester Gesellschaft», beruhigte Ariely, «denn selbst Gott ist ein Lügner.» Dazu erzählte Ariely eine Geschichte aus dem alten Testament: Als Gott Sarah verkündete, dass sie einen Sohn gebären werde, wunderte sie sich, dass das möglich sei mit ihrem doch so alten Mann. Als dann Gott zu Abraham ging und ihm verkündete, er werde einen Stammhalter bekommen, fragte Abraham, ob Gott es Sarah schon gesagt und wie sie reagiert habe. Gott log und sagte: Sarah habe sich gewundert, dass sie als alte Frau noch ein Kind bekommen könne.

Lügen und Schwindeln gehören zum Alltag, sagte Ariely. In Studien konnte er nachweisen, dass bereits in einem zehnminütigen Gespräch zwischen zwei Personen mindestens zwei bis drei Mal gelogen wird.

Gestenreich und humorvoll: Verhaltensökonom Dan Ariely in der Aula der Universität Zürich. (Bild: Marita Fuchs)

Die Selbstachtung nicht verlieren

Lügen wir, was das Zeug hält? Um das herauszufinden, liess Ariely Studierende Mathematiktests mit zwanzig Aufgaben in kurzer Zeit lösen und bezahlte ihnen für jede richtig gelöste Aufgabe bis zu sechs Dollar. Doch anstatt die Aufgaben abzugeben, durften die Probanden die Aufgabenblätter schreddern und danach selbst angeben, wie viele Aufgaben sie gelöst hatten.

Wären die Probanden allesamt kühl kalkulierende Schummler, hätte jeder von ihnen die maximale Anzahl von gelösten Aufgaben angegeben und wäre mit vollem Geldsack aus dem fünfminütigen Experiment marschiert. Die Wahrscheinlichkeit, beim Betrügen ertappt zu werden, war schliesslich gleich null. Statt der gesamten Aufgabenzahl gaben die meisten Teilnehmer an, sechs Aufgaben gelöst zu haben, auch wenn sie nur eine gelöst hatten. Nur wenige der Probanden gaben eine höhere Zahl an als sechs.

Wir sähen zwar den Vorteil des Betrügens, interpretierte Ariely dieses Verhalten, doch auch beim Lügen wolle niemand die Selbstachtung verlieren. Wer Bleistifte aus der Firma mitgehen lasse, fühle sich nicht als schlechter Mensch. Wenn er jedoch Geld im selben Wert wie die Stifte aus der Gemeinschaftskasse nehme, spiele das Gewissen nicht mehr mit. Beim Lügen sei nicht die Gefahr, ertappt zu werden, das Entscheidende, sondern sich selbst nicht beim Lügen zu erwischen. Das habe sich auch in Experimenten mit Ex-Strafgefangenen gezeigt, sagte Ariely. Auch diese Gruppe will offenbar an das Gute in sich glauben.

Keine Unterschiede zwischen den Kulturen

Natürlich seien wir unehrlich, weil wir aus Lügen einen Vorteil ziehen wollen, sagte der Verhaltensökonom. Aber der Mensch und die Welt seien viel komplexer. Wir könnten auch aus altruistischen Motiven lügen. Zusammenfassend gebe es drei Dinge, die Menschen zum Schwindeln bringen: Interessenkonflikte, unscharfe Regeln und der Hang des Menschen, seine Handlungen zu rationalisieren und die Welt und sich so zu sehen, wie er sie gern sehen möchte.

Auf die Frage des Publikums, ob es beim Lügen einen Unterschied zwischen Kulturen und Ländern gebe – etwa zwischen Schweizern und Amerikanern –, meinte Ariely, dass nach seinen Tests die Unterschiede so gering seien, dass man sie vernachlässigen könne. Es gebe jedoch unter den Berufsgruppen einen grossen Unterschied: Banker würden doppelt so oft lügen wie Politiker.

Die nächste Veranstaltung der Vorlesungsreihe des «UBS International Center of Economics in Society» findet am Dienstag, 16. April 2013, 18:30 Uhr bis 19:45 Uhr an der UZH statt. Es spricht der Nobelpreisträger Prof. Daniel Kahneman über: «Thinking, Fast and Slow».

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News

2 Leserkommentare

sabine lack schrieb am Was für ein Lügner Dass Zürich – und im allgemeinen auch die Schweiz – immer säkulärer wird ist ja nicht neu, aber dass ein Vortrag unterstützt wird an einer Schweizer Universität, in dem der Referent sagt, dass Gott lüge, ist schlicht empörend. Solche Gotteslästerung an einer Bildungsstätte ist inakzeptabel! So jemand sollte nicht mehr eingeladen werden, das geht nun wirklich nicht! Lesen Sie mal bitte noch einmal den Text. Sie werden feststellen, dass Gott im Beispiel gar nicht mal log, sondern wortgenau wiederholte, was Sarah gesagt hatte! Das ist einfach unglaublich. Ein Mensch könnte sich über diese Verleumdung beschweren. Nun, vielleicht hat Gott auch noch seinen Pfeil im Köcher für dieses sauberen Herrn Ariely, ich hoffe es. Mit respektvolleren Grüssen, als Ihre Referenten ihn besitzen, Sabine Lack Gerber, Frümsen SG
Harald Kraus schrieb am Gott würfelt nicht Die Zitatekenner unter ihnen wissen, von wem die Überschrift stammt. Auch in so degenerierten Zeiten wie diesen, in denen selbst Gott, falls es ihn wirklich geben sollte, herhalten muss, um all die Lügen unserer Zeit zu rechtfertigen, gefällt es mir persönlich besser, Gott doch vorwiegend positive Attribute zu unterstellen. Die Gründe, aus denen heraus nach Ariely Menschen lügen, leuchten mir jedoch ein. Auch die Tatsache, dass Banker scheinbar doppelt so häufig wie Politiker lügen, die ja schon per se nicht als ehrlich gelten.

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