Ethnographie

«Schaut, ich war da!»

Praktisch jeder Teenager hat heute sein Smartphone, und somit ist auch die Handykamera stets griffbereit. Wie Jugendliche sich und ihre Umgebung damit inszenieren, untersucht ein ethnographisches Forschungsprojekt.

Katja Rauch

Sich kreativ in Szene setzen: Ethnograph Thomas Hengartner (hinten) erforscht, wie Jugendliche Handyfilme nutzen. (Bild: Stefan Walter)

Als wir Erwachsene in der Zeitung lesen konnten, was es mit diesem Mädchen und der Eisteeflasche auf sich hatte, war das Thema bei den Jugendlichen schon längst durch. Das Sexfilmchen hatte sich von Handy zu Handy schneller als ein Lauffeuer verbreitet – 98,5 Prozent der Teenager in der Schweiz besitzen heute ein Smartphone, und wer keines hat, schaute auf dem Display des Kollegen oder der Kollegin mit.

«Klar, alle haben das gesehen», bestätigt mir meine Tochter. Der Ethnograph Thomas Hengartner hat einen Trost parat für all die ohnmächtigen Eltern, die ihre Kinder bereits von Pornografie überflutet sehen: «Unter den vielen Handyfilmen von Jugendlichen sind pornografische Darstellungen marginal.»

Sexuelle Inhalte würden auf dem Handy eigentlich nur konsumiert, wenn innerhalb des Gruppenchats auf Whatsapp besonders komische oder schräge Filme kursierten. Auf solche Dinge, sagen die von Hengartner und seinen Mitarbeitenden befragten Jugendlichen, stürze sich dann die Presse und übertreibe alles ein bisschen. 

Happy Slapping ist out 

Auch das so genannte Happy Slapping ist gemäss Thomas Hengartner «out». Dass Jugendliche Gewalt anzettelten, um diese mit ihrem Handy zu filmen, hatte in der Schweiz seit 2005 mit dem ersten hier publik gewordenen Fall für Schlagzeilen gesorgt. Inzwischen interessiert die Jugendlichen aber etwas ganz anderes, erklärt der Ethnograph – der pure Alltag: «Sich selber zu dokumentieren und auszudrücken, ist viel spannender als all das Sensationelle, Versteckte, Verbotene.»

Die Grundlage für diese Erkenntnis bilden unzählige Handyfilme von Jugendlichen im Alter von 14 bis 20 Jahren, die Mitarbeitende des Instituts für Populäre Kulturen der Universität Zürich gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste gesammelt haben. Manche der angesprochenen Jugendlichen stellten spontan ihr ganzes Archiv zur Verfügung, anderen waren gewisse Filme doch zu privat.

Thomas Hengartner lässt einen Zusammenschnitt von typischen Beispielen laufen, wie sie die Forscherinnen und Forscher immer wieder auf den Mobiltelefonen gefunden haben: Zwei Jungs auf einem Töff, wie sie langsam an der Kamera vorbeifahren, anhalten und zurückschauen … Der Mitschnitt eines Konzerts – ganz ohne hochgereckte Feuerzeuge, dafür mit Tausenden von Mobiles über den Köpfen des Publikums, die alle dasselbe aufnehmen … Ein schlafender Teenager, der geneckt wird, bis er aufwacht und verwirrt in die Kamera lacht … Ein spielender kleiner Hund auf dem Rasen … Und – wieder und wieder – der Song «Nossa nossa».

Kopieren, parodieren, Spass haben

«Auf der ganzen Welt haben Jugendliche den brasilianischen Hit nachgetanzt und das mit ihren Kameras dokumentiert», sagt Hengartner. Rund um den Globus also millionenfach diese unverkennbaren lasziven Bewegungen – für Kulturpessimisten wohl der Film gewordene Beweis für die totale Kolonisierung von Kultur. Für den Leiter des Instituts für Populäre Kulturen hingegen etwas durchaus Positives: «Die Jugendlichen vollziehen hier eine Aneignung, indem sie selber etwas damit machen.» Sie kopieren, parodieren, und haben ganz offensichtlich eine Menge Spass dabei.

So banal die Motive oft sind: Alle diese Filme dienen als «soziales Schmiermittel». Sie werden gemeinsam hergestellt oder mindestens gemeinsam angeschaut und kitten so die Gruppe zusammen. Oft kommt dabei auch eine erhebliche Kreativität zum Ausdruck. So inszenieren drei Mädchen ein Interview in einem S-Bahn-Abteil – einer beliebten und immer wiederkehrenden Kulisse für jugendliches Filmschaffen übrigens.

In diesem Interview mimen die Mädchen ein fiktives Ehepaar, das zu seiner Lebenssituation befragt wird. Der «Ehemann» heisst Sputim, wie die Figur des Albaners Sputim in der bei Jugendlichen populären Miniserie namens «Fantastic Kleshtrimania» auf Youtube. Die Mädchen sprechen als Stilmittel denn auch Deutsch im «Balkan-Slang».

Identität entwerfen

Die Handykamera ist hier ein wunderbares Mittel, um eine spontane Idee in der Gruppe ad hoc umzusetzen, betonen Ute Holfelder vom Institut für Populäre Kulturen und Christian Ritter von der Zürcher Hochschule der Künste. Experimentierend gestalten die Mädchen ein aus den Medien bekanntes Motiv um. «Bei solchen Experimenten », so Holfelder und Ritter, «erleben die Jugendlichen einen Erfahrungsraum, in dem kreative Identitätsentwürfe möglich sind.»

Vielfach geht es in den Handyfilmen aber auch einfach darum, den speziellen Moment und die tolle Atmosphäre festzuhalten, wie etwa bei Konzertmitschnitten. «Als Erinnerung», wie die Jugendlichen vordergründig sagen. Also ganz so, wie ihre Eltern mit Videokameras Hochzeiten und Familienfeste für immer ins Bild gebannt haben? Dazu passt nicht, dass die Jugendlichen ihre Handyfilme kaum je auf andere Speichermedien überspielen. Geht das Smartphone verloren oder kaputt oder wird es ganz einfach durch ein neues ersetzt, sind die Filme verloren. Allzu schlimm scheint das in der Regel nicht zu sein, von der inflationären Produktion wird sowieso das wenigste später je wieder geschaut.

Zeigen statt erinnern

Die Ethnographinnen und Ethnographen glauben deshalb, dass es gar nicht so sehr ums Erinnern geht, sondern vielmehr ums Zeigen: Am Tag nach dem Konzert soll der Film den Kolleginnen und Kollegen dokumentieren: «Schaut, ich war dabei!» Der Konzertmitschnitt soll dem Filmer oder der Filmerin die soziale Anerkennung in der Peergroup sichern – der Handyfilm als Statussymbol für Jugendliche.

Während die älteren Generationen ihre Super-8- und später ihre Videokameras immer sehr bewusst und organisiert an spezielle Anlässe mitnehmen mussten, sind die Handykameras für die heutigen Jugendlichen omnipräsent und komplett alltäglich geworden. Da ist es nur logisch, dass auch in den Motiven der Alltag die Hauptrolle spielt.

«Dass die Massenmedien auf die Handyfilme dennoch unter dem Aspekt von ‹Sex and Crime› fokussieren», so die Forschenden, «legt die Vermutung nahe, dass wir uns in einer Umbruchphase befinden, in der die neue Technik ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat.»

Unterschiedliche Zugänge

Das Forschungsprojekt über jugendliche Handyfilme sollte eigentlich als eng verzahnte Kooperation zwischen Wissenschaft und Kunst vonstatten gehen. «Doch der künstlerische und der ethnographische Zugang sind so verschieden, dass beide Forschungspartner zunächst glaubten, ihren Ansatz entweder hart verteidigen oder aufgeben zu müssen», erklärt Thomas Hengartner.

«Wir mussten erst lernen, diese Spannungen stehen zu lassen und fruchtbar zu machen. So sind als Zwischenergebnis zwei separate ‹Werkgruppen› entstanden: Assoziationsreiche, ästhetisch komponierte Installationen als Beitrag der künstlerisch Forschenden, lebens- und medienweltlich dichte Beschreibungen als Beitrag der ethnographisch Forschenden.» Imagination und Phantasie haben damit ihren gleichberechtigten Platz neben Empirie und Theorie.

Katja Rauch ist freischaffende Journalistin.

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