Sprachenzentrum UZH/ETHZ

Mehr als Deutsch und Englisch

Welche Sprachkompetenzen brauchen Zürcher Studierende in der Zukunft? Dieser Frage ging eine Tagung des Sprachenzentrums von UZH und ETHZ nach. Fazit: Deutsch und Englisch sind für Studium und Stellensuche unerlässlich. Zusätzliche Sprachkenntnisse bereichern den Lebenslauf und erweitern den Horizont.

Adrian Ritter

Vielfalt: Mit jeder Sprache in eine eigene Welt eintauchen. (Bild: iStockphoto)

Es kann ein böses Erwachen sein. Ausländische Doktorierende finden trotz erfolgreicher Promotion an der Universität Zürich oder ETH bisweilen keine Arbeit in der Schweiz. Plötzlich realisieren sie: Englisch mag in gewissen Fächern reichen, um Forschung zu betreiben und mit der Peer-Gruppe zu kommunizieren, bei der Stellensuche aber sind auch Deutschkenntnisse gefragt. «Auch global tätige Schweizer Grossunternehmen verlangen in der Regel Deutschkenntnisse», berichtete Natalie Breitenstein an der Tagung des Sprachenzentrums von den Erfahrungen der Career Services der UZH.

An der Tagung «Welche Sprachkompetenzen brauchen unsere Studierenden in der Zukunft?» vom vergangenen Freitag nahmen insbesondere Dozierende des Sprachenzentrums sowie Studierende und Mitarbeitende von UZH und ETHZ teil. Die Diskussionen an der Tagung sollten dem Sprachenzentrum Anregungen geben für die zukünftige Ausrichtung des Kursangebotes.

Deutsch ist wichtig im KMU-Land

Die Teilnehmenden waren sich einig, dass ausländischen Doktorierenden schon zu Beginn ihres Aufenthaltes klar kommuniziert werden muss: Wer nach Abschluss der Promotion in der Schweiz Arbeit finden will, muss Deutsch lernen. Dies gelte erst recht, wenn man bedenke, dass die Schweiz nicht nur aus international tätigen Unternehmen besteht, sondern in erster Linie ein «typisches KMU-Land» sei, so die Rückmeldung einer Diskussionsgruppe der Tagung.

Deutschkenntnisse verbessern aber nicht nur die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt, sondern helfen auch, sich am Arbeitsplatz und privat zu integrieren. Entsprechend sollte nicht nur die akademische Sprachkompetenz, sondern etwa auch Alltagsdeutsch und Business-Englisch geübt werden, empfahl Rahel Chopathar vom Career Center der ETH Zürich.

Wollte mit der Tagung Anregungen sammeln für das zukünftige Angebot des Sprachenzentrums: Direktorin Sabina Schaffner. (Bild: Adrian Ritter)

Kursangebot ausbauen

Deutsch und Englisch symbolisieren lokale Verankerung und globale Ausrichtung und sind die beiden wichtigsten Sprachen auf dem Hochschulplatz Zürich, so die einhellige Meinung an der Tagung. Dies widerspiegelt sich an den Teilnehmerzahlen am Sprachenzentrum, wo Kurse in Englisch und «Deutsch als Fremdsprache» auf das grösste Interesse stossen. 399 Kurse für 8500 Teilnehmende hat das Sprachenzentrum 2012 angeboten – davon 141 Deutsch- und 88 Englischkurse.

Kurse in Deutsch und Englisch sind so gefragt, dass Ausbaubedarf besteht, wie eine Bedarfserhebung des Sprachenzentrums ergeben hat.

Den grössten Weiterbildungsbedarf äusserten die Studierenden, Doktorierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitenden der beiden Hochschulen in der Umfrage bezüglich des wissenschaftlichen Schreibens und – im Falle der Doktorierenden – des Präsentierens in englischer Sprache. In der Mathematisch-naturwissenschaftlichen und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der UZH hat das Englische erwartungsgemäss einen besonders hohen Stellenwert, zeigte Sabina Schaffner, Direktorin des Sprachenzentrums, auf.

Daneben bleiben Französisch und Italienisch für eine Berufstätigkeit in der Schweiz wichtige Sprachen. Je nach Fachrichtung sind diese beiden romanischen Sprachen auch wichtig für das Studium – etwa Französisch für das Studium der Rechtswissenschaften.

Den Horizont erweitern

Die Welt besteht aber nicht nur aus Deutsch und Englisch. Darüber hinausgehende Sprachkenntnisse erweitern den Horizont, waren sich die Tagungsteilnehmer einig. Wer einen Sprachkurs besucht, trainiert im Team auch soziale Kompetenzen, übt sich in Projektarbeit und lebt Interdisziplinarität.

«Mit jeder Sprache eröffnen sich eine neue Welt und neue Perspektiven», betonte Otfried Jarren, Prorektor Geistes- und Sozialwissenschaften der UZH. «Wir brauchen Englisch für die globalisierte Welt, aber wir brauchen auch die Kenntnisse lokaler Sprachen, um mit unserem Verständnis in die Tiefe gehen zu können», sagte Georg Winterberger, Co-Präsident der Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich (VAUZ).

An der Tagung kam klar der Wunsch zum Ausdruck, aussereuropäische Sprachen wie Japanisch, Chinesisch oder Arabisch am Sprachenzentrum nicht nur wie bisher auf Anfänger-, sondern auch auf höherem Niveau lernen zu können. Zudem solle Portugiesisch zusätzlich ins Kursangebot aufgenommen werden.

Zur Diskussion gestellt wurde an der Tagung auch, ob das Sprachenlernen vermehrt in die Studiengänge und den Fachunterricht integriert werden sollten. Ein Bundesgerichtsurteil könnte im Studium der Rechtswissenschaften auch auf Französisch diskutiert werden, unterstützt von einer Lehrperson des Sprachenzentrums, so die Rückmeldung aus einer Diskussionsgruppe.

Englisch als «Lingua franca» mit Marktwert

Die Einführungsreferate der Tagung hielten Anna Mauranen, Professorin für Englische Philologie an der Universität Helsinki, und Professor Alexandre Duchêne, Direktor des Instituts für Mehrsprachigkeit an der Universität Freiburg. Mauranen ging auf die Stellung der englischen Sprache als heutige «Lingua franca» in Wissenschaft, Wirtschaft und internationaler Politik ein. Keiner anderen Sprache sei es bisher gelungen, eine solch weite Verbreitung zu erreichen. Eine Mehrheit der heute Englisch kommunizierenden Menschen sei anderer Muttersprache. Gemäss Mauranen bedeutet dies aber keine Gefahr für die jeweiligen Muttersprachen, da nur ein Teil der Kommunikation in der «Lingua franca» geschehe. Alexander Duchêne zeigte auf, wie in der globalisierten Welt Mehrsprachigkeit zum Marktwert wurde. So verkaufe etwa die Schweiz ihre Viersprachigkeit als Markenzeichen. Die grössere Bedeutung von Sprachkompetenzen ergab sich gemäss Duchêne nicht zuletzt aus dem Wandel der Arbeitswelt. Im Gegensatz zur Industrie seien für den Dienstleistungssektor Sprachen ein wesentliches Werkzeug. Nicht alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer könnten allerdings von ihrem «linguistischen Kapital» gleichermassen profitieren, da andere Faktoren wie Geschlecht, Nationalität und Bildung bei Stellenbesetzungen ebenfalls mitspielten.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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