Wetter

«Klimawandel ist keine Glaubensfrage»

Ein strenger Winter macht noch keine Eiszeit: UZH News sprach mit dem Geografen und Klimaforscher Christian Huggel von der UZH über Klimawandel und unsere Wahrnehmung davon. 

Theo von Däniken

Ist davon überzeugt, dass der Klimawandel viel Geld kosten wird, falls nicht bald Emissionen reduziert werden: Klimaforscher Christian Huggel. (Bild: La Pontificia Universidad Católica del Perú)

Christian Huggel vom Geografischen Institut der Universität Zürich ist Lead-Autor im Bereich «Detection and attribution of observed impacts» der Working Group II für den 5. Klimabericht des Intergovernmental Panels of Climate Change (IPCC). In dieser Rolle befasst er sich mit den bisher erkennbaren Auswirkungen des Klimawandels. In seiner Forschung untersucht er unter anderem, wie sich Gebirgsregionen auf die Veränderungen durch die Klimaerwärmung anpassen können.

Herr Huggel, der diesjährige Winter ist ungewöhnlich kalt, schneereich und will nicht enden. Auch letztes Jahr gab es lange ungewöhnliche Kälteperioden. Wie passt das mit dem Klimawandel zusammen?

Christian Huggel: Man muss hier unterschieden: Was wir im Alltag wahrnehmen, ist das Wetter, nicht das Klima. Das Klima ist eine statistische Grösse, die über Zeiträume von mehreren Jahrzehnten erhoben wird. Einzelereignisse, wie der jetzige strenge Winter, sind hier kaum relevant. Für den Einzelnen ist es allerdings schwierig, zwischen Wetter und Klima zu unterscheiden, denn die Wahrnehmung ist primär von aktuellen Einzelereignissen beeinflusst. Eine summarische Erfahrung der letzten 30 Jahre können wir uns kaum vorstellen.

Trotzdem: Wie kann man sich die harten Winter erklären?

Christian Huggel: Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass sich unter anderem aufgrund der Klimaveränderung auch die Zirkulationsmuster in der Atmosphäre verschoben haben. Gemäss dieser Theorie fliesst nun weniger Luft aus dem Westen, dafür mehr Kaltluft aus dem Norden zu uns. Wir werden immer wieder überraschende Effekte erleben, die man allen Klimamodellen zum Trotz nicht voraussagen konnte. Man sollte diesen Überraschungseffekt nicht überschätzen.

Macht man sich durch eine solche Argumentation aber nicht angreifbar? Kritiker des IPCC argumentieren, solche Effekte zeigten, dass eben die Klimamodelle grundsätzlich falsch seinen.

Christian Huggel: Selbstverständlich ist kein Modell perfekt und man kann es angreifen. Aber wir arbeiten mit den besten Modellen, die zur Verfügung stehen. Die Kritiker haben selber keine besseren Modelle vorzuweisen. Zudem muss man sich bewusst sein, dass das Klimasystem sehr komplex ist und viele Rückkoppelungsprozesse hineinspielen. Diese machen die Berechnungen extrem schwierig. Wenn man die ersten IPCC-Klimamodelle aus den 90-er Jahren mit den tatsächlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre vergleicht, dann waren die Voraussagen ziemlich adäquat. So schlecht sind die Modelle also nicht.

Nun scheint sich die Erderwärmung ja aber tatsächlich abzuflachen. Das heisst, die Erde hat sich in den vergangenen rund zehn Jahren im Vergleich zu den Vorjahren kaum mehr erwärmt.

Christian Huggel: Klimaerwärmung bedeutet nicht, dass die Temperatur jedes Jahr einfach linear ein wenig ansteigt. Diese weit verbreitete Vorstellung stimmt nicht. In Wahrheit ist der Klimawandel ein Prozess mit grossen Schwankungen. Der langjährige Trend zeigt aber eine deutliche Zunahme. In den 80er und 90-er Jahren war diese Zunahme relativ stark, Seit etwa 2000 ist sie abgeflacht. Doch die Temperatur hat sich auf einem sehr hohen Niveau stabilisiert. Mit Ausnahme von 2008 waren die letzten zehn Jahre die wärmsten, die seit 1880 gemessen wurden.

Welche Erklärungen gibt es für diese Stabilisierung des Temperaturanstiegs?

Christian Huggel: Ich bin kein Fachmann für Klimamodelle und –analysen. Einige Kollegen sind der Meinung, dass die Schneebedeckung in Eurasien und Nordamerika eine mögliche Erklärung sein könnte: Der Rückgang der Schneebedeckung im Eurasischen Raum und in Nordamerika hat einen grossen Einfluss auf die Erwärmung. Wenn weniger Schnee liegt, dann ist die Rückstrahlung geringer, der Boden erwärmt sich stärker. Möglicherweise wurde hier ein gewisser Plafond erreicht. Auf der Südhalbkugel ist die Erwärmung geringer als auf der Nordhalbkugel. In vielen Gebieten über dem Meer sind die Temperaturen dort sogar gesunken. Auch dies kann zur momentanen Abflachung beitragen.

Zeigt dies nicht, dass wir in der Klimafrage allen wissenschaftlichen Bemühungen zum Trotz immer mit einer gewissen Unsicherheit werden leben müssen. Ist Klimawandel trotz allem eine Glaubensfrage?

Christian Huggel: Für mich ist der Klimawandel keine Glaubensfrage und es ist wichtig zu betonen, dass es in der Wissenschaft einen sehr hohen Konsens über den Klimawandel gibt. Wissenschaftler, die diese Theorien und Modelle in Frage stellen, erhalten aber in der öffentlichen Wahrnehmung viel Aufmerksamkeit, die nicht ihrem Gewicht in der Forschung entspricht. Die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler, die sich mit diesem Themen befassen, stimmen darin überein, dass es einen durch den Menschen verursachten Temperaturanstieg auf der Erde gibt und dass dieser weitergehen wird.

Das bedeutet nicht, dass es nicht gut begründete und berechtigte Kritik an den Modellen gibt. Mit dieser Kritik müssen wir uns auseinandersetzten und sie trägt letztlich dazu bei, die Modelle zu verbessern. Als problematisch erachte ich Kritik, die von wirtschaftlichen Interessen geleitet und wissenschaftlich nicht fundiert ist. Dahinter stehen oft mächtige Industrien, die jegliche Reduktionsmassnahmen verhindern wollen, weil sie ihren wirtschaftlichen Interessen entgegenstehen.

Kann man in einem hoch politisierten Umfeld wie der Klimadebatte als Wissenschaftler neutral bleiben? Der Klimatologe Hans von Storch zum Beispiel wirft in seinem Buch «Die Klimafalle» den Wissenschaftlern vor, dass sie sich zu stark in die Politik einmischen und damit angreifbar werden.

Christian Huggel: Meine Aufgabe als Wissenschaftler im Rahmen des IPCC ist es, Folgen des Klimawandels zu identifizieren. Das müssen wir auf Grundlage von wissenschaftlich korrekt erhobenen Daten und Fakten machen, ohne Übertreibungen, aber auch ohne zu versuchen, die Folgen herunterzuspielen. Nach meiner Überzeugung reicht es jedoch nicht aus, wissenschaftliche Artikel zu schreiben und dann zu hoffen, dass die Politik das Thema aufnimmt. Es muss einen Dialog und eine Interaktion mit der Politik geben.

Bei aller Diskussion um die Szenarien rückt oft in den Hintergrund, dass der Klimawandel bereits da ist und Folgen zeitigt. Sie sind im IPCC für die Erfassung und Dokumentation der Folgen des Klimawandels zuständig. Wo und wie wird der Klimawandel spürbar?

Christian Huggel: In den temperatursensitiven Regionen wie der Arktis und dem Hochgebirge lassen sich zum Teil massive Veränderungen nachweisen. Wer regelmässig in den Alpen unterwegs ist, kann etwa den Gletscherrückgang oder das Auftauen des Permafrosts beobachten. Diese Veränderungen haben Auswirkungen auf die Wasserressourcen oder die Hangstabilität. Im Grimselgebiet etwa müssen wegen Problemen mit Murgängen Personen umgesiedelt und Strassen verlegt werden. Stark betroffen sind beispielsweise auch die Inuit: Die Eisdecke in der Arktis ist weniger stabil geworden, was die Jagd erschwert oder auch Transporte mit Schneemobilen zum Teil verunmöglicht.

Wandelt sich mit diesen spürbaren Folgen auch der Fokus in der Klimapolitik von der Vermeidung hin zur Anpassung an die Veränderungen?

Christian Huggel: Das hat sich in den letzten Jahren sicher verändert. Aber man darf diese beiden Aspekte nicht gegeneinander ausspielen und sich jetzt nur noch auf die Anpassung konzentrieren. Wenn wir nicht einen weiteren unkontrollierten Temperaturanstieg vermeiden, werden die Folgen in der Zukunft umso extremer. Aber wir werden auf jeden Fall Auswirkungen spüren, an die wir uns anpassen müssen.

Ist hier ein pragmatischerer Ansatz zum Umgang mit dem Klimawandel spürbar?

Christian Huggel: Tatsächlich ist in den letzten Jahren das Bewusstsein gewachsen, dass es Folgen des Klimawandels gibt und weiterhin geben wird. Also bezieht man bei langfristigen Projekten, die sowieso anstehen, die Faktoren des Klimawandels mit ein. Beim Hochwasserschutz zum Beispiel plant man die Dämme entsprechend höher. In der Schweiz muss sich auch die Elektrizitätswirtschaft intensiv mit dem Gletscherrückgang in den Alpen befassen. Er führt dazu, dass die Wassermengen in stark vergletscherten Gebieten in trockenen Sommern massiv zurückgehen werden. Die Elektrizitätswerke werden das Wasser-Management der grossen Speicherseen umstellen müssen.

Wie sieht ihr Blick in die Zukunft aus?

Christian Huggel: Der fünfte Assessment Report des IPCC wird zeigen, dass sich die Evidenz für die Effekte durch den Klimawandel verdichtet haben. Weil die Auswirkungen zeitlich meist etwas hinter der Klimaerwärmung hinterherhinken, müssen wir damit rechnen, dass sie noch weiter zunehmen. Deshalb müssen wir jetzt wirklich so rasch als möglich soviel Emissionen wie möglich reduzieren. Je länger wir warten, desto teurer wird es. Bei uns in der Schweiz wird es viel Geld kosten, sich anzupassen. In anderen Regionen wird es Menschenleben kosten. Aber wir haben noch Möglichkeiten, die Folgen des Klimawandels unter ein gefährliches Level zu bringen, die wir unbedingt nutzen sollten.

Theo von Däniken ist Journalist und Mitarbeiter der Abteilung Kommunikation.

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