Talk im Turm

Indische Götter und ein chinesischer Philosoph

Indien und China gehören zu den dynamischsten Volkswirtschaften der Welt. Wie aber steht es um die immateriellen Werte in diesen Ländern? Darüber sprachen Indologin Angelika Malinar und Chinaexperte Ralph Weber in der fünften Ausgabe des «Talk im Turm». Sehen Sie hier die Videoaufzeichnung des Podiumsgesprächs.

Roman Benz

Im «Talk im Turm» diskutierten die Indologin Angelika Malinar und China-Experte Ralph Weber mit den beiden «magazin»-Redaktoren Thomas Gull und Roger Nickl über alte und neue Werte in China und Indien. (Video: UZH)

Video-Aufzeichnung auf YouTube (in HD)

Fasten Your Seatbelt: Im fünften «Talk im Turm» ging es auf eine weite Reise. Erkundet wurde die Rolle der Religion in Indien und China. «Reiseführer» waren die Indologin Angelika Malinar und der Chinaexperte und Philosoph Ralph Weber. Das Podiumsgespräch fand wie immer im Restaurant Uniturm statt.  

Religion spiele im heutigen Indien eine vielfältige Rolle, die nach Kontext und den Akteuren variiere, erklärte Angelika Malinar. Die fast schon legendäre Unüberschaubarkeit der indischen Götterwelt sei für die einzelnen Hindus in der Regel klar definiert. Manche widmen ihr Leben der Religion, beispielsweise als Priester oder indem sie ins Kloster gehen. Andere nehmen die Religion nur noch bei besonderen Ereignissen in Anspruch, etwa bei der Heirat oder bei Todesfällen in der Familie. Wichtig sind auch die grossen religiösen Feste oder Pilgerreisen, die Hindus versammeln, auch wenn sie ganz unterschiedlichen Gemeinschaften angehören, die den Hinduismus ausmachen.

Ein typisch modernes Phänomen ist der Hindu-Fundamentalismus, der in den letzten Jahrzehnten in Indien zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Anhänger der verschiedenen Hindu-fundamentalistischen Organisationen fordern eine stärkere Anerkennung der «Mehrheitsreligion» der Hindus und deren Werte. Sie betonen die Grenzen zwischen den Religionen und kritisieren den indischen Staat, der die Religionen von Minderheiten wie Muslimen und Christen schütze, den Hinduismus aber säkularisiere.

Religion als aussterbendes Fossil

In Regierungskreisen in Delhi sowie im Verwaltungsapparat geniesst die Religion üblicherweise kein hohes Ansehen. «Für manche Vertreter des indischen Staates ist sie so etwas wie ein aussterbendes Fossil aus der vorkolonialen Zeit», meinte Malinar. Sie richten eher den Blick auf die Probleme, die durch Ausübung von Religion verursacht werden, zum Beispiel hinsichtlich der Hygiene, wenn Gläubige in stark verschmutzten Flüssen rituelle Reinigungen vornehmen oder Ritualutensilien wegwerfen. Das Bedürfnis nach Religion ebenso wie die Probleme, die sie schaffen mag, würden sich nach Ansicht vieler Politiker und Beamter jedoch von selbst lösen, sobald der angestrebte flächendeckende wirtschaftliche Aufschwung Realität würde, meinte Malinar.

Was die Zukunft Indiens betrifft, sieht die Indologin einen grossen Handlungsbedarf bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Gleichberechtigung der Frauen und im Bereich des Umweltschutzes. Ihres Erachtens hängt viel davon ab, ob der Staat seine eigenen Institutionen reformieren kann, die bisher eher die Bürgerinnen und Bürger zu Verhaltensänderungen angemahnt haben, als selbst Probleme aktiv zu lösen.

Wasserverschmutzung durch Ritualutensilien

Als Beispiel erwähnte Malinar die Abwasserproblematik in der Stadt Benares. Dort fliesst das Abwasser ungereinigt in den Ganges und die Behörden versuchen immer wieder, die Rituale der Pilger für einen Teil der Verschmutzung verantwortlich zu machen. Ihnen wird vorgeworfen, mit den ganzen Ritualutensilien, wie zum Beispiel Schwimmkerzen, das Wasser noch weiter zu verschmutzen.

Dabei würde ein Ausbau des Abwassersystems das Problem viel grundsätzlicher lösen. Bei ihrem letzten Besuch in der Stadt hat Angelika Malinar zwar gesehen, dass Bauarbeiten für eine neue Kanalisation im Gange sind. Aber ob die geplante Umleitung des Abwassers in ein riesiges Auffangbecken das Problem aus der Welt schaffen wird, bleibt abzuwarten.

Immaterielle kulturelle Ressourcen

Die Kommunistische Partei (KP) Chinas schätzt die Bedeutung der Religion höher ein, als die indische Regierung. Wie der politische Philosoph und Oberassistent am UFSP Asien und Europa Ralph Weber erklärte, sucht die KP nach Möglichkeiten, auf die immateriellen Bedürfnisse der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen und billigt der Religion einen gewissen Wert zu: «Neuerdings spricht man im Parteijargon nicht mehr von ‹feudalem Aberglauben›, sondern von ‹immateriellen kulturellen Ressourcen›.»

Seit der wirtschaftlichen Öffnung des Landes ist laut Weber in China eine Mittelschicht entstanden, die mit ihrem Leben im Grossen und Ganzen zufrieden ist. Dies ermöglichte es der Partei, die Zügel ein wenig lockerer zu lassen, wobei diese neu entstandenen Freiräume auch zu einem gewissen ideologischen Vakuum führten. Verschiedene Strömungen versuchen nun dieses Vakuum zu füllen, wobei im Westen vor allem ein Wiedererstarken des lange Zeit verfemten Konfuzianismus mit Interesse verfolgt wird. Dass in China aber auch das Christentum eine wichtige Rolle spielt – die Kirchen zählen geschätzte 100 Millionen Gläubige, während die KP auf 80 Millionen Mitglieder kommt – und ebenso der Daoismus und der Buddhismus neue Anhänger finden, geht dabei in der westlichen Wahrnehmung ein wenig unter.

Verwirrung um eine Konfuzius-Statue

Weltweite Beachtung fand die Platzierung einer Konfuzius-Statue im chinesischen Machtzentrum, nämlich auf dem Platz des Himmlischen Friedens, sowie deren Entfernung nach vier Monaten. Weber interpretiert dieses Hin und Her als ein Zeichen dafür, dass innerhalb der KP keinesfalls Einigkeit über den Stellenwert von Konfuzius’ Lehren besteht. Zwar hält die Partei die konfuzianische Idee der Harmonie hoch, indem sie von einer harmonischen Gesellschaft spricht. Für Weber handelt es sich dabei aber um einen selektiven Rückgriff auf den Konfuzianismus mit dem Ziel, die sozialen Gegensätze abzumildern.

Weber ist der Meinung, dass es die KP mit ihren politischen Reformen ernst meint, da der Führung bewusst ist, dass sie für die anstehenden Probleme Lösungen finden muss – vor allem auch für die mangelnde Partizipationsmöglichkeit der Bevölkerung. Auf lokaler Ebene werden Demokratieexperimente durchgeführt, die bei einem Erfolg auch auf grössere Verwaltungseinheiten übertragen werden.

So berichtete Weber von einem Versuch, die Bevölkerung einer Stadt mit ca. 120'000 Einwohnern über Infrastrukturprojekte mitentscheiden zu lassen. Durch das Los wurden Leute aus der Bevölkerung ausgewählt, die anschliessend über die Projekte diskutieren und Experten befragen konnten. Zuletzt stimmten sie gemeinsam über eine Priorisierung der Infrastrukturprojekte ab, und der lokale Volkskongress übernahm anschliessend diese Entscheidung eins zu eins. Dieses Verfahren wurde 2005 zum ersten Mal durchgeführt und wird heute auf der nächsthöheren administrativen Ebene angewendet, die eine Million Einwohner umfasst.

Ende offen

Ob es der Kommunistischen Partei gelingen wird, sich mit ihren Reformbemühungen an der Macht zu halten, ist für Weber ungewiss: «Es ist eine unglaubliche Aufgabe, die die KP vor sich hat.» Und die sozialen Unruhen haben in der letzten Zeit stark zugenommen. Wohin sich Indien bewegt, ist für Angelika Malinar ebenfalls offen. Zwar ist der indische Staat keineswegs schwach, aber die föderalen Strukturen unterstützen eine zunehmende Aufteilung des Landes in immer neue Regionalstaaten. Zudem könnte ein weiteres Erstarken der Hindu-Fundamentalisten die Koexistenz der verschiedenen Religionsgemeinschaften erschweren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächen.

Das Podiumsgespräch vermittelte den Eindruck, dass sowohl Indien als auch China bei der Armutsbekämpfung, der politischen Partizipation und beim Umweltschutz vor grossen Aufgaben stehen, die sich nicht allein mit Hilfe der Götter werden lösen lassen.

Die aktuelle Ausgabe des «magazins» ist dem Thema «Auf Weltreise»gewidmet und porträtiert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Universität Zürich, deren Forschungsinteressen weit entfernten Weltgegenden gelten.

Roman Benz, Öffentlichkeitsarbeit UFSP Asien und Europa

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