Arbeitsbedingungen

Bittere Spargeln

Im Schweizer Detailhandel sind Fair-Trade-Produkte gut etabliert. Ein Forschungsprojekt am Geographischen Institut stellt die Idee zur Diskussion, das Fair-Trade-Prinzip auf einheimische Produkte zu übertragen. Damit könnten den Saisonarbeitern in der Schweizer Landwirtschaft bessere Arbeitsbedingungen geboten werden.

Sabina Mächler

Die Spargelernte wird in der Schweiz meist von ausländischen Arbeitskräften durchgeführt. (Bild zVg) (Bild: Pixelio/Rainer Sturm)

Etwa 30'000 Personen sind offiziell in der Schweizer Landwirtschaft angestellt. Viele davon sind saisonal Beschäftigte aus Polen, Bulgarien, Rumänien, Portugal oder anderen EU-Ländern – mit Arbeitsverträgen von weniger als einem Jahr.

Im Gegensatz zum Baugewerbe unterliegen Arbeitsverträge in der Landwirtschaft weder dem Schweizerischen Arbeitsgesetz, noch existiert für diese Angestellten ein Gesamtarbeitsvertrag. Die meisten Kantone kennen zwar Normalarbeitsverträge, die eingesetzt werden, wenn kein individueller Arbeitsvertrag abgeschlossen wurde. Die kantonalen Differenzen sind jedoch gross, individuelle Verträge können die Standards der Normalarbeitsverträge unter- oder überschreiten.

Die Löhne bewegen sich gemäss dieser Studie bei rund 3200 Franken pro Monat für ungelernte Arbeitskräfte, zwischen 45 bis 55 Arbeitsstunden pro Woche sind keine Ausnahme.

Silva Lieberherr, Doktorandin am Geographischen Institut der UZH, hat mit ihrem Forschungskollegen Awanish Kumar vom Tata Institute of Social Science Mumbai untersucht, inwiefern die Bedingungen durch die Einführung von Fair-Trade-Produkten – mit einem entsprechenden Label für gute Arbeitsbedingungen – verbessert werden könnten.

Die beiden Forschenden führten Interviews mit Gemüsebauern und Vertretern von Gewerkschaften, Landwirtschaftszentren und Dachorganisationen. Das Projekt wurde im Rahmen einer schweizerisch-indischen Forschungspartnerschaft des Nationalen Forschungsschwerpunkts Nord-Süd durchgeführt.

Enormer Preisdruck

Gemäss den interviewten Bauern steht die Schweizer Landwirtschaft unter enormem Preisdruck. Dieser wird durch eine zunehmende Marktöffnung in der Landwirtschaft sowie durch den Wettbewerb innerhalb des stark konzentrierten Detailhandels verursacht.

Daraus ergeben sich aus der Sicht der Bauern zwei mögliche Handlungsstrategien: entweder dem Preisdruck durch weitere Rationalisierungen und tiefe Kosten standzuhalten oder sich mit Nischenprodukten zu etablieren. «Die von uns interviewten Personen glauben jedoch nicht, dass Nischenproduktionen für die grosse Mehrheit der Bauern eine Lösung sein kann», sagt die Geographin Silva Lieberherr.

Gingen in ihrem Forschungsprojekt der Frage nach, ob ein Fair- Trade-Label die Arbeitsbedingungen verbessern könnte: Silvia Lieberherr und Awanish Kumar. (Bild: zVg)

Unübersichtlicher Label-Salat

Die Einführung einheimischer Fair-Trade-Produkte, so die These von Silva Lieberherr und Awanish Kumar, könnte dazu beitragen, die Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter zu verbessern. Aus Befragungen ist bekannt, dass geschätzte zehn Prozent aller Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz bereit sind, für faire Produkte auch mehr zu bezahlen. Neben internationalen Fair-Trade-Produkten aus Ländern des globalen Südens ist auch die Schweizer Herkunft mit entsprechenden Labels für viele Kunden ein Kaufargument.

Die Idee eines neuen Labels speziell für einheimische Fair-Trade-Produkte wurde von den meisten Interviewpartnern jedoch abgelehnt, da sich Konsumierende in der bereits hohen Anzahl verschiedener Marken und Labels kaum mehr zurechtfinden würden.

Grössere Zustimmung fand der Ansatz, bestehende Labels mit Standards für faire Arbeitsbedingungen zu erweitern. Dieser Form kommt das Knospe-Label von BioSuisse nahe. Bio Suisse übernimmt in diesem Bereich eine Vorreiterrolle und hat ihren Richtlinien vor kurzem minimale Grundanforderungen an die Arbeitsbedingungen hinzugefügt.

Die Bauern, die für das Knospe-Label produzieren, müssen eine Selbstdeklaration unterschreiben, in der u.a. festgeschrieben steht, dass die individuellen Arbeitsverträge mindestens die Bedingungen der kantonalen Normalarbeitsverträge erfüllen sollen. Die Einhaltung dieser Richtlinie wird von der Organisation kontrolliert.

Guter Wille oder Recht?

Auch wenn Schritte in diese Richtung das Potential haben, die Situation der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte zu verbessern, bleibt das grundsätzliche Problem bestehen, dass Labels allein auf die Freiwilligkeit der Endverbraucher aufbauen. So können sie nicht verhindern, dass parallel dazu weiterhin günstige Produkte hergestellt werden, die den sozialen Standards des Labels nicht genügen. Sowohl die biologischen wie auch die konventionellen Landwirte betonten in den Interviews, dass die sich verändernde Situation des Schweizer Agrarmarktes sie stark unter Druck setze. Einer der befragten Landwirte sagte zusammenfassend, dass «das alte System mit neuen Preisen» nicht funktionieren werde.

«Angesichts dieser schwierigen Situation wäre die Einführung eines Faire-Trade-Labels ungenügend», stellt Silva Lieberherr fest. Als zusätzliche Massnahme könnte sie sich vorstellen, die Anstellungsbedingungen gesetzlich besser zu regeln oder die Direktzahlungen des Bundes an soziale Mindeststandards zu binden.

Stellungnahme des VSGP Der Verband Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP) legt Wert auf die Feststellung, dass die Einhaltung der schweizerischen Lohn- und Arbeitsbedingungen vom SECO und den kantonalen tripartiten Kommissionen (TPK) und durch die paritätischen Kommissionen (PK) streng kontrolliert wird. Gemäss dem Bericht zur Umsetzung der Flankierenden Massnahmen zum freien Personenverkehr Schweiz-EU hält das SECO fest, dass der Landwirtschaftssektor kein Risikosektor sei. Bei lediglich 4 Prozent der 248 kontrollierten Schweizer Arbeitgeber aus der Landwirtschaft wurden Lohnunterbietungen festgestellt. Der VSGP hält fest, dass der Verband Schwarzarbeit und schlechte Arbeitsbedingungen vehement bekämpft und solche Fälle momentan nicht bekannt sind.

Sabina Mächler ist Kommunikationsbeauftragte
des Geographischen Instituts der UZH.

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