Terrorismus und Medien

«Terror ist auch eine Form der Kommunikation»

Organisationsforscher Dennis Schoeneborn untersucht terroristische Gruppierungen aus kommunikationstheoretischer Sicht. Für ihn zeigen die Anschläge von Toulouse, dass Medien terroristische Anschläge immer noch vorschnell der Al-Kaida zuschreiben. Er fordert einen Ehrenkodex für die Berichterstattung.

Adrian Ritter

Dennis Schoeneborn: «Die Al-Kaida funktioniert nicht als hierarchisches Gebilde mit einem Kopf, den man abschlagen und die Organisation dadurch eliminieren kann.»  

UZH News: Herr Schoeneborn, Sie untersuchen am Institut für Betriebswirtschaftslehre unter anderem die Medienberichterstattung über terroristische Akte. Was stellen Sie dabei fest?

Schoeneborn: Die Anschläge von Toulouse sind ein Beispiel dafür, dass die Medien beim Thema Terrorismus immer noch zu voreiligen Schlüssen neigen. Dazu gehört derjenige, dass es sich bei jeglichem Terror um die Al-Kaida handeln muss. Es ist heute fast undenkbar, Medienberichte über islamistischen Terror zu lesen, ohne dass darin von der Al-Kaida die Rede ist. Terroristische Gruppierungen bilden aber kein homogenes Gebilde, sondern verfolgen zum Teil unterschiedliche und auch widersprüchliche Ziele.

Der Al-Kaida werden in den Medien sehr schnell auch Anschläge zugeschrieben, die nichts mit ihr zu tun haben. Es mangelt zum Beispiel bis heute an Beweisen, dass die Anschläge in Madrid 2004 in einem Zusammenhang mit der Al-Kaida standen. In den Medien wird aber der Eindruck erweckt, hinter dem Terror stecke eine monolithische, grosse Organisation.

Im Falle von Toulouse hat sich der Attentäter zuerst selber als Al-Kaida-Mitglied ausgewiesen.

Bisher war es so, dass die verschiedensten Akteure ein Interesse daran hatten, ein Attentat der Al-Kaida zuzuschreiben. Für die Medien klang die Geschichte dadurch bedrohlicher und wichtiger, der Attentäter konnte seine Tat einer grossen Sache zuordnen und die Al-Kaida freute sich darüber, potenter dargestellt zu werden, als sie es ist.

Das könnte sich jetzt allerdings ändern, wenn wie in Toulouse unschuldige Kinder getötet werden. Dann bangt auch die Al-Kaida um ihren Ruf und ihr Rekrutierungspotenzial. Erstaunlicherweise hat es ja bisher von Seiten der Al-Kaida kaum je ein Dementi gegeben, wenn Terroristen sich als Al-Kaida-Zugehörige bezeichneten. Al-Kaida hielt ihre Grenzen bewusst offen, jeder konnte sich zugehörig fühlen.

Ist denn die Al-Kaida keine schlagkräftige Organisation?

Der Eindruck einer klassischen Organisation scheint mir irreführend zu sein. Es handelt sich um eine losere Gruppierung – zusammengehalten von der diffusen Ideologie, den Westen zu bekämpfen.

Die lose Organisationsform erstaunt insofern nicht, als Terroristen unter extremen Bedingungen operieren. Jegliche Kommunikation birgt die Gefahr, entdeckt zu werden. Insofern ist es aus der Sicht der Terroristen die erfolgreichste Strategie, sich nicht stark zu vernetzen, sondern an vielen Orten autonom zu operieren.

Es war daher zu erwarten, dass irgendwann Einzeltäter aktiv werden, die sich auf Al- Kaida eher als verbindende Idee berufen und ohne Rücksprache mit einer Kerngruppe tätig sind. Insofern ist auch das von den Medien einige Tage nach dem Attentat von Toulouse verwendete Bild der «einsamen Wölfe» passend.

Hatte die Al-Kaida zumindest unter Osama Bin Laden denn nicht eine klare Führungsperson?

Bin Laden war zwar eine wichtige Identifikationsfigur, aber keineswegs eine Art CEO, der Anweisungen gibt. Es handelt sich bei der Al-Kaida schon immer um ein Gebilde, das keiner zentralen Führung bedarf. Daher konnte auch nicht erwartet werden, dass der Terror nach dem Tod von Bin Laden aufhört. Die Al-Kaida mag geschwächt sein, weil die Identifikationsfigur weg ist und den USA bei seiner Tötung wertvolle Daten in die Hände gefallen sind. Aber die Al-Kaida funktioniert nicht als hierarchisches Gebilde mit einem Kopf, den man abschlagen und die Organisation dadurch eliminieren kann.

Wenn die Al-Kaida keine Organisation ist, was ist sie dann?

Sowohl die Begriffe Organisation, Netzwerk wie auch soziale Bewegung wollen nicht Recht auf Phänomene wie die Al-Kaida passen. Dasselbe trifft übrigens auch auf andere globale Phänomene wie Occupy, Wikipedia, Anonymous oder Open Source zu. Wir sind deshalb in unserer Forschung auf der Suche nach einer passenderen theoretischen Einordnung.

Terror: «Die Medien müssen sich dessen bewusst werden, dass sie ständig der Gefahr von Zuschreibungen an die Al-Kaida unterliegen.» (Bild: iStockphoto)

Sie beschreiben Terrorakte als kommunikative Prozesse. Was muss man sich darunter vorstellen?

Terroristische Anschläge sind immer und vor allem auch kommunikative Handlungen. Sie müssen sichtbar sein, um eine Wirkung zu entfalten, etwa Angst zu verbreiten. Und sie transportieren stets auch eine Botschaft. Insofern sind Terroristen auch Medienproduzenten. Das zeigt sich etwa daran, dass sie ihre Taten heutzutage oft filmen und im Internet veröffentlichen. An diesen Akten orientieren sich dann andere terroristisch gesinnte Personen, ahmen sie nach, wandeln sie ab.

Welche Rolle kommt den Medien dabei zu?

Sie machten die Taten sichtbar und verbreiten die dazugehörigen Botschaften. Gleichzeitig übernehmen Medien sozusagen das externe Wissensmanagement für Terroristen. Medienberichte beschreiben oft detailliert, wie Terroranschläge vorbereitet und durchgeführt wurden. Bei diesen Informationen können sich Terroristen bedienen, es erlaubt ihnen, indirekt miteinander zu kommunizieren, voneinander zu lernen. In einem Wirtschaftsunternehmen kostet ein solches Wissensmanagement viel Geld und ist oft ineffizient. Terrorakteure können es kostenlos und sehr effektiv an die Medien auslagern.

Was sollten sich die Medien bei der Berichterstattung über Terror verhalten?

Sie müssen sich erstens dessen bewusst werden, dass sie laufend der Gefahr von Zuschreibungen an die Al-Kaida unterliegen. Damit reproduzieren sie ständig ein wiedererkennbares Label. Das verleiht der Al-Kaida Legitimität und macht sie attraktiv für Nachahmer und potenzielle Terroristen.

Es braucht den Mut, die unklare Zugehörigkeit als solche zu benennen und nicht reisserisch mit dem Schlagwort Al-Kaida zu operieren. Es muss klar sein, dass ein Terroranschlag verschiedenen Urhebern zugeordnet werden kann.

Zweitens berichten die Medien meines Erachtens zu detailliert über Terroranschläge und wie sie vorbereitet und durchgeführt wurden. Das erlaubt terroristischen Gruppierungen, länger zu existieren und wirksamer zu agieren, als sie es ohne diese Informationen könnten.

Die Medien sollten also zurückhaltender über Terroranschläge berichten?

Verstehen Sie mich nicht falsch, es geht mir nicht um Zensur, so wie das den russischen Behörden etwa nach den Anschlägen 2004 in Beslan nachgesagt wird. Die Medien haben in demokratischen Gesellschaften die Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren und im Falle bedrohlicher Anschläge auch zu alarmieren. Detaillierte Beschreibungen von terroristischen Taten machen Nachahmer aber wahrscheinlicher. Ich halte es deshalb für richtig, dass sich Staatspräsident Sarkozy derzeit gegen die Veröffentlichung des Mordvideos des Attentäters von Toulouse auf dem Sender Al-Jazira wehrt.

Würden Sie eine staatliche Regulierung solcher Berichterstattungen befürworten?

Ich plädiere für medieneigene Richtlinien, eine Art Ehrenkodex zur Berichterstattung über Terror. Das gibt es zwar ansatzweise schon, etwa bei der BBC oder der britischen Journalistenunion. Deren Richtlinien sind aber nicht spezifisch genug. Weitergehende Initiativen laufen derzeit im «General Editors Network», einem weltweiten Verlegernetzwerk, und der «International Federation of Journalists». Dies auf globaler Ebene anzugehen macht Sinn, da auch der Terror global agiert.

Aber Anleitungen zum Bombenbau und dergleichen finden sich doch auch im Internet?

Ja, es wäre durchaus wünschenswert, dass sich auch Twitter, Blogs und dergleichen einen Ehrenkodex auferlegen. Aber der klassische Journalismus hat eine darüber hinausgehende Professionalität. Diese Medien gelten im Vergleich etwa zu Twitter und Facebook als glaubwürdiger. Ihre Berichterstattung macht terroristische Akte realer und legitimer, auch wenn die Medien terroristische Akte als illegitim darstellen.

Zur Person

Dennis Schoeneborn hat Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Theater Hannover studiert und in Betriebswirtschaftslehre an der Bauhaus Universität Weimar promoviert. Er ist Oberassistent im Fachbereich Organisationsforschung am Lehrstuhl «Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre und Theorien der Unternehmung» von Professor Andreas G. Scherer. Der Lehrstuhl versucht unter anderem, einen adäquaten theoretischen Rahmen zur Beschreibung extremer Organisationsformen wie terroristischer Gruppierungen zu entwerfen. Dabei stützen sich die Forscher auf die «communication-as-constitutive of organizations perspective» (CCO). Im Rahmen von Bachelor- und Masterarbeiten wird am Lehrstuhl momentan untersucht, wie Medien in den USA, Grossbritannien, Deutschland und der Schweiz über Terrorakte berichten.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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