Medizin und Pflege

Plädoyer fürs Miteinander

Patienten schätzen es, wenn Ärzte, Pflegende, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter Hand in Hand zusammenarbeiten. Kooperieren muss jedoch geübt werden. Erfahrungen über interprofessionelle Zusammenarbeit im Klinikalltag wurden am Impulsgespräch 2012 am Bildungszentrum Careum ausgetauscht und diskutiert. 

Marion Leu

Heute arbeiten Mediziner nicht mehr allein: Erst im Verbund mit den Pflegefachpersonen und Sozialarbeitern wird medizinische Arbeit professionell. (Bild: Technikerkrankenkasse)

Das diesjährige Impulsgespräch 2012, organisiert von Careum F+E, dem Careum Bildungszentrum und der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich, legte den Fokus auf die Erfolgsfaktoren und Barrieren der Interprofessionalität. Mit Beispielen aus der Praxis des UniversitätsSpitals Zürich, des Kompetenzzentrums Palliative Care und des Kinderspitals Zürich wurde die Umsetzung guter interprofessioneller Zusammenarbeit mit ihren Spannungsfeldern aufgezeigt. In der anschliessenden Plenumsdiskussion tauschten sich Studierende verschiedenster Berufsgruppen mit den Health Professionals über ihre Erfahrungen im Berufsalltag aus.

Kommunikation, der Erfolgsfaktor im Kompetenzzentrum für Palliative Care

Im Kompetenzzentrum für Palliative Care wird die Interprofessionalität bereits auf Führungsebene gelebt. Othmar Immoos, Abteilungsleiter Pflege, und Stefan Obrist von der ärztlichen Leitung pflegen einen regen interprofessionellen Austausch. «Wir leben die Interprofessionalität im Kompetenzzentrum den Mitarbeitenden vor – ein Erfolgsfaktor, der funktioniert», berichteten die Referierenden. Wöchentlich finden Teambesprechungen zwischen Ärztinnen und Ärzten, Pflegefachpersonen, Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen, Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen statt.

Gemeinsame Patientenaufnahmen

Die Kommunikation sei eine Herausforderung und gleichzeitig ein Mehrwert, denn nur mit einem regelmässigen Austausch funktioniere die interprofessionelle Zusammenarbeit, sagten die Referenten. Im Kompetenzzentrum führten Ärztinnen und Ärzte mit den Pflegfachpersonen gemeinsame Patientenaufnahmen durch. Die Bedürfnisse des Patienten stünden im Vordergrund und die Informationen würden gleichzeitig von den Ärztinnen und Ärzten und Pflegefachpersonen aufgenommen. Die Erfahrung zeige, dass die Patienten dies schätzen.

Das Zusammenarbeiten sei ein weiterer Erfolgsfaktor, der mit einem eigenen Assessment-Instrument im Kompetenzzentrum umgesetzt werde. Ohne die gegebenen Kommunikationsstrukturen entstünden für die einzelnen Berufsgruppen jedoch Barrieren, und es sei kaum möglich, die Interprofessionalität dann zu nutzen und zu fördern.

Interprofessionelles Arbeiten im Kinderspital Zürich

«Im Kinderspital Zürich, in der Abteilung Intensivstation und Neonatologie, hat sich die interprofessionelle Zusammenarbeit ebenfalls etabliert», berichteten Professor Bernhard Frey und Franziska von Arx-Strässler. Gemeinsame Besprechungen im Team erleichterten ein zielgerichtetes Arbeiten und eine qualitativ hohe Betreuung der Patienten. Eine Betreuung, die auch für die Angehörigen bei Elterngesprächen nötig sei. Eine klare Aufteilung der Tätigkeiten entlaste die Mitarbeitenden der Berufsgruppen, bedinge aber eine klare Kommunikation. Es sei zum Beispiel wichtig, dass sich die Pflegefachpersonen mit den Ärztinnen und Ärzten bei der Terminkoordination eines Patienten absprächen.

Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung

Der Patient steht im Mittelpunkt und soll nicht dauernd gestört werden, so dass er sich erholen und ausruhen kann. Ruhe braucht wiederum auch die Pflegefachperson, die beispielsweise Medikamente bereitstellt. Die Ärztinnen und Ärzte sollten sie dabei nicht stören. Akzeptanz, Respekt und Wertschätzung nannten Frey und von Arx-Strässler als weitere wichtige Aspekte der Interprofessionalität.

In Notfallsituationen funktioniere die Zusammenarbeit auf natürliche Weise. Die Berufsgruppen seien in Stresssituationen aufeinander angewiesen. Für Konflikte und Reflexionen gebe es im Kinderspital ein tägliches Zeitfenster. Die Mitarbeitenden tauschten sich über Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit aus. So liessen sich auch nicht ad-hoc gelöste Probleme aus dem Weg räumen. Eine für die Mitarbeitenden bewährte Methode, so die Referenten.

Die Kommunikation ist und bleibt ein Schlüsselfaktor

In der Praxis ist man sich einig, dass für die interprofessionelle Zusammenarbeit strukturelle Kommunikationsgefässe nötig sind. Die Kommunikation ist eine Herausforderung, kann aber in und mit den nötigen Sitzungen laut den Referierenden erlernt werden. Konflikte anzusprechen und gemeinsam konstruktiv Rückmeldungen zu geben, wirken sich auf eine gute Atmosphäre im Team aus. Das interprofessionelle Arbeiten stellt den Patienten ins Zentrum, und gerade bei neuen Mitarbeitenden ist das «Vorleben» der Interprofessionalität entscheidend.

Gutes Arbeitsklima

In der Plenumsdiskussion tauschten sich die Studierenden der Medizin sowie der Bildungsgänge HF Dentalhygiene, HF medizinisch-technische Radiologie, HF biomedizinische Analytik, HF Operationstechnik und HF Pflege über die eigenen Erfahrungen aus. Die Studierenden fühlen sich in der Praxis wohl, wenn sie die gelebte Interprofessionalität spüren. Sie fühlen sich gut betreut, wenn sie übergreifende Fragestellungen mit anderen Berufsgruppen absprechen können. Zudem fördert der Einsatz gezielter Interprofessionalität das Arbeitsklima.

«Aussenstehende» Berufsgruppen, die nicht direkt im Spitalablauf involviert sind, wünschen sich, miteinbezogen zu werden. So kämpfen zum Beispiel Fachpersonen der medizinisch-technischen Radiologie damit, dass sie nicht bei allen Patienten automatisch von zum Beispiel von Pflegefachpersonen oder Hausärztinnen und Hausärzten über Gesundheitszustand informiert werden. Durch die nicht vorhandenen Informationen müssen sie sich bei jedem Patienten wieder neu organisieren und Arbeitsabläufe müssen angepasst werden.

Fachpersonen der Dentalhygiene wünschen sich, dass die Interprofessionalität in der Zusammenarbeit mit den Pflegezentren thematisiert wird. Die gezielte Prävention bei älteren Menschen wäre so zukunftsorientiert umsetzbar.

Marion Leu, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Careum F+E

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