Gesundheit

Männer, beratungsresistente Gesundheitsidioten?

Männer leben risikoreicher, gehen seltener zum Arzt und nehmen Beratungsangebote weniger oft in Anspruch als Frauen. Den Männern mangelndes Interesse an ihrer Gesundheit vorzuwerfen, greife aber zu kurz, sagte Professor Martin Dinges an einer Veranstaltung des Medizinhistorischen Museums der UZH. 

Marita Fuchs

Raser auf der Strasse: Insbesondere junge Männer nach der Pubertät leben risikoreicher. (Bild: Niko Korte, pixeli.de)

Sie lieben schnelle Autos, bestellen trotz aller Warnungen Viagra im Internet, überdosieren dieses Potenzmittel auch noch und lieben überhaupt Risiken – mit gravierenden Folgen für ihre Gesundheit. Männer haben laut Bundesamt für Statistik in der Schweiz je nach Kanton bei der Geburt eine Lebenserwartung von 76 bis 78 Jahren. Bei den Frauen liegt sie zwischen 82,4 bis 83,6 Jahren.

Wie erklärt sich dieser Unterschied? Sind die Männer selbst Schuld an ihrer kurzen Lebenserwartung? Oder sind es die Lebensumstände, die ihnen die Lebenszeit verkürzen?

Mit dem Thema Männergesundheit befasst sich der Medizinhistoriker Martin Dinges, Professor an der Universität Mannheim, schon seit einiger Zeit. Kürzlich hielt er an der Universität Zürich auf Einladung des Medizinhistorischen Instituts und Museums einen Vortrag über das Verhältnis von Männern zu ihrer Gesundheit. Seiner Ansicht nach greifen generelle Vorwürfe zu kurz, die Lebensumstände der Männer  müssten genauer untersucht werden.

Historisch gesehen, waren in Deutschland die Industrialisierung und die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik für die männliche Lebenserwartung besonders desaströs. Es spreche einiges dafür, sagte Dinges, dass sich besonders hohe Arbeitsanforderungen und das Allein- bzw. Hauptverdienermodell für Männer sehr gesundheitsschädlich auswirkten.

Risikoverhalten gesellschaftlich erwünscht

Den Vorwurf an die Männer, sie würden unnötige Risiken eingehen, relativierte Dinges. «Nicht alle Männer, sondern insbesondere junge Männer nach der Pubertät leben risikoreicher.» Sie entwickeln in dieser Zeit ihre männliche Identität. Dazu gehört es, sich von den Eltern zu lösen und die eigene Leistungsfähigkeit zu erproben, was häufig Risikoverhalten einschliesst. In der Schweiz sterben zum Beispiel viele Männer durch Unfälle und unnatürliche Todesursachen in Bergregionen.

Gesellschaftlich ist es sogar erwünscht, dass junge Männer Risiken auf sich nehmen. «Als Beleg mag hier genügen, dass die gefährlichsten und die am stärksten gesundheitsschädigenden Berufe praktisch ausschliesslich von Männern ausgeübt werden». In Deutschland betreffen 92 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle Männer. So leben zum Beispiel Dachdecker oder Gerüstbauer sehr gefährlich.

Harte Kerle, weiche Frauen

Die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern spielt beim Gesundheitsverhalten ebenfalls mit. Traditionell beinhaltet das Leitbild für Männlichkeit körperliche Stärke. So genannte männliche Tugenden wie Willensstärke oder Autonomie und die Einstellung, sich selbst helfen zu können, sind anerkannte männliche Qualitäten. Bezogen auf Gesundheit können sie jedoch dazu führen, dass Männer darauf verzichten, sich von Fachpersonal helfen zu lassen.

Frauen sind eher bereit, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hinzu kommt, dass für Mädchen der regelmässige Arztbesuch – seit Ende der 1960er Jahre insbesondere der Gynäkologin – zum Alltag gehört. Der Arzt wird also aufgesucht, ohne dass akut eine Krankheit besteht. Oft führt dies zu weiteren präventiven Abklärungen.

Verfehlungen der Gesundheitspolitik

Jungen Männern dagegen wird nicht empfohlen, sich regelmässig untersuchen zu lassen, trotz des Hodenkrebsrisikos ab dem Alter von 20 Jahren. So haben sie bis in ihr viertes Lebensjahrzehnt selten Veranlassung, zum Arzt zu gehen. Erst in diesen «mittleren Lebensjahren» werden die gesundheitlichen Grenzen spürbar. Manchmal sei es dann die Gesundheit schon stark beeinträchtigt, so Dinges.

Deshalb müsse die Gesundheitserziehung bei der Vermittlung von Geschlechterleitbildern bereits vor der Pubertät ansetzen und zum Beispiel den jungen Männern zeigen, dass auch Schwäche, Traurigkeit und Hilfsbedürftigkeit normal, jedenfalls keineswegs unmännlich seien. Die Gesundheitspolitik richte sich allgemein zu sehr auf die Frauen aus, bilanzierte Dinges.

Die Männer einbeziehen

Doch Veränderungen hin zu einem gesundheitsförderlicheren Verhalten von Männern sind bereits erkennbar und sollten als Anknüpfungspunkte genutzt werden, sagte Dinges. Gesundheitsförderliche Verhaltensweisen von männlichen Jugendlichen, wie zum Beispiel ihr stärkeres Interesse an Bewegung, sollten positiv herausgestellt werden. Beim Thema Work-Life-Balance, also dem besseren Austarieren von beruflichen und familiären Anforderungen mit dem Wohlbefinden, spüren auch jüngere Männer Änderungsbedarf; hier könne man über das für männliche Identität traditionell zentrale Thema Arbeit einsteigen und dann auch die Arbeitsbelastung ansprechen, regte Dinges an.

Martin Dinges, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Archivar des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart (seit 1991), stellvertretender Leiter (seit 1997), Professor an der Universität Mannheim (seit 2000). Studium der Rechts-, Geschichts- und Politikwissenschaften in Köln, Mainz, Bonn, Berlin (Freie Universität) und Bordeaux, 1. Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien (1982), Promotion zum Dr. phil. (1986), Archivassessor (1991), Habilitation (Neuere Geschichte) an der Universität Mannheim (1992).  Der Vortrag von Prof. Martin Dinges fand im Rahmen der Vortragsreihe zur aktuellen Ausstellung im Medizinhistorischen Museum «Who cares»statt.

Marita Fuchs, Redaktorin UZH News.

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