Ökonomie

Glückliche Künstler

Künstler verdienen zwar weniger, sind aber mit ihrer Arbeit zufriedener als andere Erwerbstätige. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie ihre Arbeit als sehr vielseitig und selbstbestimmt erleben, wie eine Studie von zwei UZH-Ökonomen zeigt.

Adrian Ritter2 Kommentare

Künstlerin im Atelier: Die Zufriedenheit mit der Arbeitssituation ist in dieser Berufsgruppe überdurchschnittlich hoch.  (Bild: iStockphoto/Dmitry Mordvintsev)

Bildhauern, singen, schauspielern, malen. Künstlerische Ausdrucksformen sind nicht nur ein beliebtes Hobby, sondern beglücken auch Künstlerinnen und Künstler, die das Hobby zum Beruf gemacht haben. «Künstler sind wesentlich glücklicher mit ihrer Arbeit als Menschen, die in anderen Berufen arbeiten», sagt Lasse Steiner, Ökonom am Insitut für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich.

Steiner hat gemeinsam mit Lucian Schneider eine Studie zur Arbeitszufriedenheit von deutschen Künstlerinnen und Künstlern verfasst. Dabei werteten sie die Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) aus, der grössten Langzeitstudie in Deutschland. Befragt wurden darin unter anderem 300 Künstler über den Zeitraum von 1990 bis 2009.

Je länger, desto lieber

Künstler verdienen demnach 10 Prozent weniger als der Durchschnitt der Arbeitnehmer. Die Arbeitslosigkeit ist in ihrer Berufsgruppe eineinhalb Mal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Trotzdem sind Künstlerinnen und Künstler überdurchschnittlich zufrieden mit ihrer Arbeitssituation.

Ein gutes Einkommen ist ihnen nur halb so wichtig wie anderen Beschäftigten. Sie sorgen sich weniger als andere um eine mögliche Arbeitslosigkeit und nehmen auch lange Arbeitszeiten in Kauf. «Je mehr Stunden Künstler wöchentlich arbeiten, desto glücklicher sind sie», so Steiner.

Es muss also die Tätigkeit selber sein, welche Künstler glücklich macht, so das Fazit der Ökonomen. Als grösste Pluspunkte nennen die Befragten die Vielseitigkeit und die hohe Autonomie. Mehr als jeder dritte Künstler ist selbstständig, während dieser Anteil bei nicht künstlerischen Berufen nur bei knapp zehn Prozent liegt. Ausserdem geben die befragten Künstler öfter an, bei ihrer Tätigkeit viel zu lernen, verschiedenste Fähigkeiten einsetzen zu können und viel soziale Anerkennung zu bekommen.

Die Schweiz einbeziehen

Steiner schätzt, dass die Situation in der Schweiz ähnlich sein dürfte, was Lohnhöhe und Arbeitszufriedenheit anbelangt. Entsprechende Studien fehlen allerdings. Das soll sich ändern. Steiner und Schneider planen gemeinsam mit einer Forscherin in Dänemark eine Folgestudie, welche verschiedene europäische Länder, darunter auch die Schweiz, einbezieht.

«Wir erhoffen uns davon auch Erkenntnisse, wie institutionelle Rahmenbedingungen wie etwa Kunstförderung die Arbeitszufriedenheit beeinflussen», so Steiner. Zudem sollen im Gegensatz zur deutschen Studie auch teilzeitbeschäftigte Künstler einbezogen werden. Noch nicht geklärt ist zudem, ob die Korrelation allenfalls in umgekehrter Richtung spielt: dass Kunst an sich glücklichere Menschen anzieht.

Sozio-ökonomisches Panel (SOEP)

Das Sozio-oekonomische Panelist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP ist am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin angesiedelt. Für das SOEP werden jedes Jahr mehr als 20'000 Menschen befragt. Die Daten geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

2 Leserkommentare

Thomas Läubli Peter schrieb am Ja, aber... Wenn man aus solchen Studien nur nicht die falschen Schlüsse zieht! Man könnte nun auf die Idee kommen, dass Künstler am besten überhaupt kein Einkommen brauchen und mit Gratisarbeit noch glücklicher sind. Die Bestrebungen, geistiges Eigentum und das Urheberrecht abzuschaffen, zielen etwa in diese Richtung. Es ist schön und gut, nur um der Kunst willen zu arbeiten. Nur sollte der Rezipient eine künstlerische Leistung auch im wahrsten Sinne des Wortes honorieren und nicht bloss konsumieren.
Jana Paschke schrieb am Glückliche Künstler Neben der intrinsischen Motivation durch die künstlerische Betätigung an sich könnte ich mir als Psychologin eine weitere Erklärung für die positive Beurteilung der eigenen Arbeitssituation durch die befragten Künstler vorstellen: je unkonventioneller und risikoreicher der gewählte berufliche Weg ist, gegen desto mehr Widerstand von Familie und sozialem Umfeld aber auch eigenem Sicherheitsbedürfnis muss der einzelne angehen, was kognitiv zur Folge hat, dass man den eingeschlagenen Weg viel weniger in Frage stellen "darf", ansonsten droht kognitive Dissonanz; man verliert vor sich selbst die Glaubwürdigkeit. Eine längsschnittliche Betrachtung wäre sehr spannend, denn es könnte wohl auch sein, dass diese positive Bewertung der eigenen - objektiv betrachtet misslichen - Arbeitssituation bei Künstlern ohne Erfolg irgendwann in eine depressive Bewertung der eigenen Arbeitssituation UND der eigenen Person kippt....

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