Soziologie

Eine Zukunft ohne Familie

Politiker haben eine viel zu enge Vorstellung von Familie, sagt Soziologe Klaus Haberkern. Für die OECD hat er zusammen mit anderen Forschenden einen Bericht über die Zukunft der Familien bis 2030 geschrieben.

Roger Nickl

Nora, Jenni und Heidi: Familien können heute ganz unterschiedlich aussehen. Das müsste auch Konsequenzen für die Familienpolitik haben. (Bild: Meinrad Schade)

Ein Elternpaar mit zwei Kindern, dazu liebevolle Grosseltern: So sieht sie aus, die Normfamilie in unseren Köpfen, aber auch in denjenigen der Politikerinnen und Politiker. Doch in Tat und Wahrheit entspricht diese Norm immer weniger der gelebten Realität. Die Beziehungsdynamik in der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten beschleunigt.

Wir erleben einen schnellen Wandel hin zu instabileren Partnerschaften, stellt Klaus Haberkernvom Soziologischen Institut der UZH fest. Die Scheidungsrate ist explodiert, Ein-Eltern- und Patchwork-Familien sind heute weit verbreitet. Zudem gibt es vermehrt gleichgeschlechtliche Paare, die mit Kindern im selben Haushalt leben, wie Jenni und Heidi mit ihrer Tochter Nora (siehe Bild).

Politik hinkt hinterher

Diese gesellschaftliche Dynamik müsste auch Folgen für die Politik haben, fordert Klaus Haberkern. Heutige Politiker halten jedoch oft an traditionellen Familienmodellen fest und hinken so der Wirklichkeit hinterher.

Der Wissenschaftler rät deshalb, den Begriff der Familie in der Sozialpolitik ganz aufzugeben. Er sei viel zu rigide, schwer zu definieren und führe zwangsläufig zu schwierig zu lösenden Gerechtigkeitsfragen, weil dadurch immer jemand benachteiligt wird.

«In der Schweiz finden regelmässig politische Grabenkämpfe über das richtige Familienmodell statt», stellt Haberkern fest, «das ist aber eigentlich der falsche Ansatz. Man sollte stattdessen versuchen, Freiräume für individuelle und flexible Lösungen jenseits solcher Modelle schaffen.» Sei dies bei der Kinderbetreuung oder bei der Altenpflege.

Der Soziologe hat sich im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der auch die Schweiz angehört, mit der Zukunft der Familien in den OECD-Ländern bis ins Jahr 2030 auseinandergesetzt.

Haberkern und seine Mitautoren, Tina Schmid und Franz Neuberger von der Forschungsgruppe Arbeit, Generation, Sozialstruktur (AGES) am Soziologischen Institut der Universität Zürich sowie Michel Grignon (Kanada), haben sich für ein Projekt zusammengeschlossen, um jenseits von konkreten politischen Diskussionen neue Ideen für eine verbesserte Organisation der Gesellschaft zu entwickeln.

Neue Solidargemeinschaften

Dazu haben Haberkern und seine Kollegen zunächst die gegenwärtige Situation analysiert. Danach haben sie Trends für künftige Entwicklungen eruiert und sich Gedanken darüber gemacht, wie die Politik kommende Herausforderungen meistern könnte.

Im Zentrum der Überlegungen standen vor allem Menschen, die heute mitten im Leben stehen, 2030 aber im Pensionsalter sein werden. Für sie könnte das veränderte Familienleben unangenehme Folgen zeitigen – zumindest unter den gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen.

«Auf Grund der festgestellten Beziehungsdynamik ist es relativ unwahrscheinlich, dass künftig dieselbe Solidarität im Alter besteht», sagt Klaus Haberkern, «ich würde nicht darauf vertrauen, dass die Familie die gleiche Funktion erfüllt wie heute.»

Der Vater einer Scheidungsfamilie etwa kann heute nicht darauf hoffen, dass ihn seine Kinder, zu denen er nach der Trennung nur noch spärlich Kontakt hatte, dereinst pflegen werden. Das heisst zwar nicht, dass es in Zukunft keine grosse Solidarität mehr geben wird. «Vielmehr wird es neben der Familie zahlreiche andere Solidargemeinschaften geben», sagt der Sozialwissenschaftler.

Flexible Dienstleistungen

In der Politik wird aber immer noch stark von einer familiären Unterstützung in der Altenpflege ausgegangen. Selbst in Skandinavien, wo es eine breite öffentliche Unterstützung gibt, verlässt man sich darauf, dass Familienangehörige einen beträchtlichen Teil an der Betreuung älterer Menschen leisten. Genau diese Annahmen werden durch die gesellschaftliche Entwicklung zunehmend in Frage gestellt. Und entsprechend sind neue Strategien gefragt.

Eine solche Strategie könnte sein, statt von der Familie viel mehr von den Einzelnen auszugehen und ihnen individuelle Lösungen für die Zukunft zu ermöglichen. In der Altenpflege könnten sich die Soziologen ein System vorstellen, das ähnlich wie die Schweizer Krankenversicherung funktioniert. Das heisst, es besteht ein Obligatorium für eine Pflegeversicherung, es wird jedoch offen gelassen, für welches Versicherungsmodell sich jemand entscheidet.

«Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ich im Alter auf meine Familie zähle und deshalb auf einen umfassenden Anspruch auf Pflegeleistung verzichte, dafür aber weniger zahle», erklärt Klaus Haberkern, «wer dagegen auf seine Autonomie Wert legt, zahlt eben höhere Beiträge.»

Zudem sollte der Zugang zu sozialen Dienstleistungen flexibilisiert werden und auch für Personen jenseits der traditionellen Familie geöffnet werden. So könnte in vielen Ländern der Anspruch auf Elternzeit an Grosseltern oder Nachbarn weitergegeben werden, wenn die Eltern diese nicht selbst beanspruchen, sondern ihre Karriere voranbringen möchten.

Roboter als Hilfspfleger

Eine wichtige Rolle spielt die Technik in den Zukunftsszenarien der Soziologen. «Dass die Technologie den Menschen in Teilbereichen ersetzen kann, ist eine Chance», ist Klaus Haberkern überzeugt. In der Pflege könnten ineffiziente Abläufe etwa mittels geeigneter Computerprogramme organisatorisch verbessert und so mehr soziale Kontakte zwischen Familienangehörigen, Pflegenden und Patienten ermöglicht werden.

Aber auch den Einsatz von Robotern in der Pflege, beispielswiese um Blutdruck zu messen oder Essen warm zu machen, hält Klaus Haberkern für überfällig. Im Gegensatz zu unseren Breitengraden sei dies in Japan eine ganz normale Vorstellung.

Auch bei der Organisation der Kinderbetreuung könnte die Technik eine hilfreiche Rolle spielen. «Wir könnten die informelle Kinderbetreuung ganz neu gestalten», sagt Haberkern, «zum Beispiel, indem mehrere Familien abwechslungsweise auf mehrere Kinder aufpassen.» Um dies zu initiieren, wäre in der Schweiz etwa ein kantonales Programm vorstellbar, das Räumlichkeiten schafft, aber auch professionelle Organisationsberatung und technische Infrastruktur für Rechner und Smartphones zur Verfügung stellt, um die Betreuung zu koordinieren.

Eine solche familienübergreifende Kinderbetreuung würde einerseits die hohen Kosten für eine externe Betreuung senken, andererseits würde sie den neuen familiären Beziehungsformen entsprechen und besonders auch alleinerziehende Mütter und Väter und alternative Familienmodelle unterstützen.

Soziale Experimente nötig

Gerade in Zürich mit seinen weit verbreiteten, familienreichen Wohngenossenschaften sieht Klaus Haberkern eine ideale Spielwiese für solche sozialen Experimente. Und diese Experimente sind nötig, will man Lösungen finden, die die Familien der Zukunft unterstützen. «Letztlich geht es darum, das Konzept der Familie zu revidieren, indem weniger normative Annahmen gemacht und mehr Flexibilität zugelassen wird», erklärt Klaus Haberkern den Kern seiner Strategie, «so erhalten die Menschen mehr Raum, um ihre Zukunft zu gestalten.»

Roger Nickl ist Redaktor des Magazins der Universität Zürich.

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