China

«Erst die Familie, dann der Staat»

Grundsätzlich ist das Vertrauen der Menschen untereinander in alten Demokratien grösser als in autoritären Gesellschaften, zeigen Studien. Eine Ausnahme stellt China dar. Auch hier sind die Vertrauenswerte hoch. Der Sozialwissenschaftler und Sinologe Dominik Linggi hat in seiner Doktorarbeit nach den Gründen gesucht.

Sascha Renner

Strassenszene in China: Vertrauen als Schmiermittel für Transaktionen. (Bild: iStockphoto)

Dominik Linggi, Sie haben Vertrauen in China untersucht. Hat man Ihnen als Forscher vertraut?

Grundsätzlich schon, weil ich stets über Bekannte weitervermittelt wurde. Ich habe mich als Sprachstudent an einer chinesischen Universität eingeschrieben. So bekam ich weder Probleme mit dem Visum noch eine staatliche Betreuungsperson zur Seite gestellt. Dozenten und Kollegen an der Uni haben mich dann an ihre Eltern und Freunde empfohlen. Ich erhielt dadurch sehr offene und aufrichtige Antworten auf meine Fragen. Wenn ich hingegen jemanden direkt anschrieb, bekam ich meistens eine Absage. In China kommt man nicht weit, wenn man niemanden kennt. Im Westen hingegen hätte ich als Fremder eher mit einem Vertrauensvorschuss rechnen dürfen.

Was versteht man in der Soziologie unter Vertrauen?

Es gibt drei verschiedene Vertrauenskonzepte: das Systemvertrauen, in die rechtsstaatlichen Institutionen; das personalisierte Vertrauen, in spezifische Personen oder Gruppen, mit denen man eng vertraut ist. Und das generalisierte oder soziale Vertrauen, das ich in meiner Arbeit untersucht habe. Gemeint ist das gesamtgesellschaftliche Vertrauensniveau in Form einer durchschnittlichen Erwartung an die Vertrauenswürdigkeit  generalisierter Anderer: Wenn man beispielsweise jemandem auf der Strasse begegnet, würde man ihm oder ihr zunächst einmal vertrauen oder nicht?

Welchen Wert hat Vertrauen für eine Gesellschaft?

In modernen, komplexen, von Mobilität geprägten Gesellschaften ist Vertrauen sehr zentral. Insbesondere in wirtschaftlichen Fragen spielt das Vertrauen eine grosse Rolle: Es ist ein Schmiermittel für Transaktionen. Es erleichtert und beschleunigt sie, wenn man sich nicht ständig neu bis ins kleinste Detail absprechen muss. Voraussetzung ist ein funktionierendes Rechtssystem, das die Akteure vor opportunistischen Verhaltensweisen schützt. Und, als zweite Instanz, die Moral: Wird opportunistisches Verhalten auf Kosten anderer – wie Schwarzfahren, Steuern hinterziehen, Korruption – befürwortet oder abgelehnt, und wenn ja, wie stark?

Wie muss man sich Vertrauen als Schmiermittel konkret vorstellen?

In der Schweiz sieht man oft unbetreute Hofläden auf den Feldern. Man nimmt sich Früchte und Gemüse und deponiert den Betrag in der Kasse – ein grosser Vertrauensvorschuss seitens der Bauern. Es häufen sich aber Berichte, dass Leute nicht bezahlen. Die Transaktion könnte sich dadurch massiv verteuern. Die Bauern müssen Personal einstellen oder Überwachungstechnik installieren. Wenn die hohen Vertrauenswerte in der Schweiz weiter abnehmen, kostet das. In der Forschung wird Vertrauen daher als zentraler Aspekt von Sozialkapital verstanden.

Dominik Linggi: «Generell hängen Demokratie und Vertrauen eng zusammen». (Bild: zVg)

Welches Bild zeigt sich nun hinsichtlich Vertrauen in China?

In internationalen Befragungen wie dem World Values Survey hat China sehr hohe Vertrauenswerte, sie liegen bei 50 bis 60 Prozent – nach den  skandinavischen Ländern eine Spitzenposition, noch vor den USA, Japan und der Schweiz.

Überrascht Sie das?

Ja. Denn einerseits diagnostizieren chinesische Sozialwissenschaftler eine Vertrauenskrise im gegenwärtigen China. Anderseits haben die postkommunistischen Transformationsgesellschaften in Osteuropa und Russland sehr tiefe Vertrauenswerte, bis maximal 30 Prozent. Das ist einleuchtend, weil der Transformationsprozess Ende der 1980er-Jahre sehr abrupt vonstatten ging. Die rapide Einführung der Marktwirtschaft und die Privatisierung führten zu Chaos, Enttäuschung und einer Kultur des Misstrauens in Osteuropa. Generell hängen Demokratie und Vertrauen eng zusammen: umso älter die Demokratien, umso höher die Vertrauenswerte. China passt nicht in dieses Bild.

Und wie ist diese Ausreisserposition Chinas zu erklären?

Die Vertrauensfrage im World Values Survey lautet: Finden Sie, dass man im Allgemeinen den meisten Menschen vertrauen kann? Die Lösung steckt in der Formulierung «den meisten Menschen». Im westlichen Verständnis sind die Beziehungen durch die Modernisierung sehr offen geworden, jeder kann mit jedem interagieren undgeniesst dieselbe Rechtssicherheit. Unter dem generalisierten Anderen werden im Westen alle Menschen in einer Gesellschaft verstanden. In China aber, so hat meine qualitative Untersuchung gezeigt, wird die Formulierung «den meisten Menschen»  restriktiver ausgelegt: Sie bezieht sich vorwiegend auf Menschen, die Teil des persönlichen Netzwerks sind.

Welches Gesamtbild der chinesischen Gesellschaft ergibt sich daraus?

An erster Stelle kommt die Familie, dann der Staat. Seit Konfuzius‘ Zeiten, also seit zweieinhalbtausend Jahren, ist das so. In Konfuzius‘ Gesprächen gibt es dazu eine vielsagende Stelle: Ein Sohn zeigt seinen Vater an, weil dieser eine Ziege gestohlen hat. Konfuzius findet das ein moralisch fragwürdiges Verhalten: Der Sohn müsste den Vater decken, Verwandtschaft geht vor Staatsräson. Das ist die Quintessenz. Im Westen sind alle gleich vor dem Recht. In China hingegen sind verwandtschaftlich oder pseudoverwandtschaftlich konstituierte Beziehungen höher bewertet. Eine von der Partei unabhängige Judikative gibt es nach wie vor nicht.

Sie widerlegen damit verbreitete Pauschalisierungen über China, etwa ein nicht näher definiertes Kollektiv oder Hurra-Patriotismus als gesellschaftliches Leitprinzip.

Das ist mit ein Grund, warum ich diese Arbeit geschrieben habe: Ich wollte aufzeigen, dass im Westen – aber auch in China – eine essentialistische Betrachtungsweise von Kultur gängig ist: hier der Westen, demokratisch und rechtsstaatlich, dort China, das Gegenteil. Im Westen geht diese Vorstellung zurück auf Max Weber, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Konfuzianismus den Grund sah, warum China wirtschaftlich stagnierte, während sich der Kapitalismus in den protestantisch geprägten Gesellschaften Europas entfaltete. China und der Westen sind jedoch keine unvereinbaren Gegenpole, als die sie oft dargestellt werden.

Der Konfuzianismus bildete lange die Grundfolie des chinesischen Familien- und Gesellschaftsmodells. Doch die Volksrepublik befindet sich in einem rapiden Wandel. Behält der Konfuzianismus als gesellschaftsformende Kraft seine Bedeutung?

Für China sind die Entwicklungsmöglichkeiten sehr offen. Ich wage jedoch zu bezweifeln, dass sich China einfach nach der westlichen Modernisierungstheorie verhält – also Demokratisierung, Marktwirtschaft, Herausbildung einer Zivilgesellschaft. Man muss sich immer wieder die Grösse, Komplexität und Vielfalt dieses Landes vor Augen führen.

Ebenso darf man den Konfuzianismus nicht als monolithischen Block sehen, sondern als eine sehr vielschichtige Tradition. Zurzeit beobachten wir ein Revival bestimmter Elemente konfuzianischer Traditionen – Stichwort: Harmonische Gesellschaft – die während der Kulturrevolution mit allen Mitteln unterdrückt wurden. Gleichzeitig werden sie aber durch den Kapitalismus aufgeweicht. Der Profit schwächt nun auch in China die familiären Bande.

Dominik Linggi schrieb seine Dissertation im Rahmen des UFSP Asien und Europa.

Sascha Renner ist Journalist und Kulturredaktor beim Schweizer Radio DRS.

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