Neuer Linearbeschleuniger

Ausserordentlich zielgenau

Der neue Linearbeschleuniger der Vetsuisse-Fakultät Universität Zürich ist seit Anfang Jahr in Betrieb. Klinik, Lehre und Forschung profitieren gleichermassen vom Gerät. Heute, am 29. März, wird es offiziell eingeweiht. 

Brigitte Blöchlinger

Der neue Linearbeschleuniger wird nicht nur bei Krebs, sondern auch bei anderen Krankheiten eingesetzt; zum Beispiel zur Schmerzlinderung bei schwerer Arthrose. Wie das vor sich geht, sehen Sie im Video.

Es bedurfte einer langen Vorbereitungszeit, bis die Vetsuisse-Fakultät Zürich den neuen Linearbeschleuniger für Kleintiere anschaffen konnte. Dafür ist der «Linac» nun das beste Gerät in Europa, das in der Veterinärmedizin eingesetzt wird. Vetsuisse-Dekan Felix Althaus freut sich: «Es handelt sich um ein Forschungsgerät mit ausserordentlicher Zielgenauigkeit, die das gesunde Gewebe um die Tumoren herum schont. Das ist natürlich für die Patienten besser und es erlaubt, die Anzahl Behandlungen zu reduzieren».

Seit Anfang 2012 ist der Linac in der Radio-Onkologie installiert, gut abgeschirmt hinter dicken Mauern aus Spezialbeton. Das Team, das den Linac bedient, ist eingearbeitet, der Behandlungsablauf eingespielt. Die Leiterin der Radio-Onkologie, Carla Rohrer Bley, zeigt sich zufrieden: «Mit dem neuen Linearbeschleuniger werden nun endlich die Strahlentherapie, aber auch die Ausbildung der künftigen Tierärztinnen und Tierärzte sowie verschiedene Forschungsprojekte inhouse möglich, die zu einem Universitätstierspital gehören.»

Erwartungen erfüllt

In der Klinik werden zurzeit mit dem Linearbeschleuniger pro Tag fünf bis neun Tiere bestrahlt, was den Erwartungen entspricht. Es werden vorwiegend Hunde und Katzen behandelt (für grössere Tiere wie Pferde oder Kühe ist das Gerät nicht gedacht und die Infrastruktur nicht vorhanden). Die meisten der bestrahlten Vierbeiner leiden an einem bösartigen Tumor, der nicht operativ entfernt werden kann oder der nach einer Operation erneut zu wachsen beginnt. Am häufigsten werden Tumoren im Gesichtsbereich, Nasenhöhlen- oder Gehirntumoren bestrahlt.

Vor der Behandlung wird das Tier genau untersucht. (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Umfassend informieren

Der Bestrahlung geht immer eine umfassende Untersuchung des kranken Tieres durch verschiedene Spezialistinnen und Spezialisten voraus; gemeinsam mit dem Tierbesitzer suchen diese nach der sinnvollsten Behandlung; dabei spielen die Erfolgsprognosen einer Behandlung, die Nebenwirkungen und auch die Kosten eine Rolle. Eine Strahlentherapie kann zwischen 900 und 4500 Franken kosten, für die der Tierbesitzer selbst aufkommen muss.

Vor allem Krebsbehandlungen, aber nicht nur

Doch nicht nur krebskranke Tiere werden mit dem neuen Linearbeschleuniger behandelt. Auch bei anderen Erkrankungen werden die gebündelten, hochenergetischen Röntgenstrahlen zur Therapie eingesetzt: bei schmerzhaften degenerativen Gelenkserkrankungen (Arthrosen) – siehe Video –, bei inoperablen oder rezidivierenden Speicheldrüsenzysten und bei therapieresistenten Leckgranulomen. Es handelt sich bei Leckgranulomen um eine psychogene Leckmanie meist oberhalb der Vorderpfoten bei Hunden. Bei all diesen Behandlungen ist die Strahlendosis um ein x-faches kleiner als bei Tumorbestrahlungen.

Röntgenassistent Dominic Davis vom Team der Radio-Onkologie: «Der neue Linac ist besonders zielgenau.» (Bild: Brigitte Blöchlinger)

Bei allen Strahlentherapien geht es darum, möglichst gezielt zu bestrahlen und das umliegende, gesunde Gewebe zu schonen. Als Nebenwirkungen können entzündliche Veränderungen im bestrahlten Gebiet auftreten, diese sind mit einer chirurgischen Narbe vergleichbar und heilen in der Regel nach etwa drei Wochen ab.

Therapie, Lehre und Forschung

Der neue Linearbeschleuniger wird nicht nur in der Klinik eingesetzt, er ist auch wichtig für die Lehre und Forschung. Mit dem eigenen Gerät kann die Universität Zürich nun mit den Hochschulen im angrenzenden Ausland gleichziehen. Die angehenden Tierärztinnen und -ärzte lernen seit diesem Jahr im Laufe ihrer Ausbildung vor Ort alles Wichtige rund um die Strahlentherapie kennen – was ihnen auch als allgemeinpraktizierende Tierärzte hilfreich sein wird. «Jeder Tierarzt findet sich einmal in der Situation, dass er seinen Kunden die Option Strahlentherapie erörtern muss», betont die Radio-Onkologin Carla Rohrer Bley. Deshalb assistieren die Studierenden und Assistierenden während ihrer Ausbildung für eine oder mehrere Wochen auf der Radio-Onkologie.

Forschungsprojekte angelaufen

Mindestens so wichtig für die Universität Zürich sind die Forschungsprojekte, die mit dem neuen Linearbeschleuniger möglich werden. Die «Fälle», die für die Studien nötig sind, werden in der Klinik gefunden. Dabei gilt: «Die Teilnahme an einem Forschungsprojekt ist immer freiwillig», erklärt Rohrer Bley. Der Tierbesitzer muss sich schriftlich einverstanden erklären, dass sein Tier in die Studie aufgenommen wird. Manche Studien bedeuten einen Mehraufwand für den Tierhalter, weil er sein Tier für zusätzliche Untersuchungen in die Kleintierklinik bringen muss. Als Kompensation dafür wird ihm ein Teil der Behandlungskosten erlassen.

Aus Einzelerfahrungen wird gesichertes Wissen

Zurzeit laufen drei klinische Forschungsprojekte mit dem Linac. Das erste behandelt Entzündungen im Gehirn, die neurologische Störungen beim Hund auslösen. Die klinische Erfahrung hat gezeigt, dass die Entzündungen während der Bestrahlung verschwinden. Es wird nun untersucht, wie lange die Genesung andauert. Auch beim zweiten Forschungsprojekt «Strahlentherapie als Schmerzbehandlung» soll eine Erfahrung aus der Praxis wissenschaftlich untermauert werden: dass Hunde mit Arthrose nach der Bestrahlung markant weniger Schmerzen haben. Die Frage ist auch hier, wie lange der schmerzlindernde Effekt der Schmerzbestrahlung anhält.

Verstehen, wie es wirkt

Das dritte Forschungsprojekt ist erst am Anlaufen und beschäftigt sich mit Hypophysen-Tumoren. Diese Tumore sind zwar gutartig, lösen jedoch eine schwere Hormonstörung aus und können auch zu neurologischen Ausfällen führen, wenn sie zu gross werden. Ob und in welchem Masse die Bestrahlung in wenigen Sitzungen die Hormonproduktion verändert, ist von hohem Interesse an der Klinik. Wenn nun bei der Tumorbestrahlung beim Tier klarer wird, was vor sich geht, kann das in Zukunft auch für die Krebsbehandlung beim Menschen hilfreich sein.

Brigitte Blöchlinger ist Video-Redaktorin der UZH.

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