Gletscherschwund und Seenbildung

Alpen ohne Gletscher

In etwa hundert Jahren werden die Gletscher der Schweiz bis auf bescheidene Reste verschwunden sein. An ihrer Stelle entstehen unzählige Seen. Das zeigen Klimaberechnungen des Geografieprofessors Wilfried Haeberli und seiner Arbeitsgruppe. Die Forscher sehen in dieser Entwicklung grosse Risiken, aber auch Chancen, etwa für die Energiewirtschaft und den Tourismus in der Schweiz. 

Marita Fuchs

Der Chüeboden Gletscher im Valle Bedretto: Durch die Gletscherschmelze bildet sich ein grosser See.
Wir schreiben das Jahr 2070. Der Zürcher Geografiestudent Kevin – den Vornamen hat er seinen nostalgischen Eltern zu verdanken, die für die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts schwärmen – sieht im Fach «Geographie des Wallis» Bilder aus dem Jahr 2012: Damals prägte der Aletschgletscher das Landschaftsbild. Damals, so erfährt Kevin, konnten sich die Schweizer gar nicht vorstellen, wie ihre Berge ohne die Gletscher aussehen würden.

Einzigartig schöne Landschaft

Als Kevin eine Reise ins Wallis unternimmt und auf dem Bettmerhorn steht, breitet sich vor ihm eine einzigartige Seenlandschaft aus. Da, wo früher die Gletscherzunge lag, schimmert Wasser azurblau bis milchgrün, umgeben von rauem Fels. Eine karge und trotzdem eigenartig schöne Gegend, die auch touristisch genutzt wird. Hängebrücken und Wege ziehen Wanderer an. Die Seen sind bis zu 300 Meter tief und damit doppelt so tief wie der Zürichsee, doch sie sind sehr kalt. Etwas stört das Auge des Betrachters: Eine gewaltige Baustelle: Hier entsteht der neue Staudamm, der zusammen mit dem Pumpspeicherwerk weiter unten im Tal die Schweiz bei Stromengpässen mit wertvoller Elektrizität versorgt. Wasser ist im Jahr 2070 so wertvoll wie Gold.

Kevin weiss, dass das Wandern und Klettern in dieser Gegend nicht ungefährlich ist. Das Gestein der felsigen Hänge ist instabil, denn das Eis, das einstmals stützte, ist nicht mehr da. Folge davon können Felsstürze sein, die in den Gletschersee donnern. Das wiederum zieht Schwallwellen nach sich, die mit zerstörerischer Wucht ins Tal stürzen können. Sensoren und Überwachungssysteme sorgen dafür, dass die Menschen im Tal frühzeitig alarmiert werden.

600 neue Seen

Was der fiktive Kevin im Jahr 2070 erlebt, beruht auf mathematischen Berechnungen und einem digitalen Geländemodell des Geografieprofessor Wilfried Haeberli, mit dem sich die Entwicklung der Bergregionen der Schweiz auf Jahrzehnte hinaus abschätzen lässt. Demnach werden im Jahr 2100 die Gletscher der Alpen weitgehend und unwiederbringlich verschwunden sein. An ihrer Stelle entstehen bis zu 600 neue Seen.

Welche Auswirkungen diese dramatischen Änderungen haben, war Forschungsgegenstand einer Nationalfondstudie zum Thema «Gletscherschwund und neue Seen» in der Schweiz, die Wilfried Haeberli von der Universität Zürich geleitet hat und an der auch Forscher der Universität Bern und der ETH Lausanne beteiligt waren.

Der Rhonegletscher schmilzt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kontinuierlich. Experten gehen davon aus, dass er bis ins Jahr 2100 beinahe vollständig verschwunden sein wird. (Bild: Wilfried Haeberli GIUZ/UZH, 16.08.2012)

Politiker und Behörden sind gefragt

«Selbst wenn die Weltpolitik das Ziel erreicht, die Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen», sagt Haeberli, «selbst dann werden die Gletscher der Alpen fast vollständig abschmelzen.» Es entsteht eine neue Landschaft im Hochgebirge. «Das ist eine grosse Herausforderung sowohl für die Politik wie auch für die Wissenschaft.» Ganz anders als bisher müsse man mit vielen Unwägbarkeiten rechnen und dürfe trotzdem nicht zu spät auf die neuen Bedingungen reagieren, warnt Haeberli.

Behörden und Kraftwerkbetreiber müssten sich jetzt schon mit den neuen Bedingungen im Hochgebirge auseinandersetzen. Und auch die Juristen sind gefragt, denn es gilt zu klären, wem die neuen Seen gehören und wer für sie verantwortlich ist, vor allem wenn es zu dramatischen Veränderungen kommt. Felspartien, die früher vom Gletscher gestützt wurden oder in denen der Permafrost im Berginneren langsam aber langfristig auftaut, können instabil werden. Lösen sich grosse Felsmassen und stürzen in den See, entstehen Schwall- oder Flutwellen mit möglicherweise katastrophalen Auswirkungen.

Das passiert heute schon: Glimpflich davongekommen sind die Menschen in Grindelwald, als 2009 tonnenschwere Felsbrocken in rasender Geschwindigkeit den Fels hinunter in den Gletschersee stürzten.

Schweiz, die neue Energiemacht?

Die Gefahr einer Schwall- und Flutwelle würde ein Staudamm der richtigen Grösse bannen, während er gleichzeitig der Produktion von Wasserkraft dienen könnte. Einige der neuen Seen könnten mehr als 100 Meter tief werden und ein Volumen von weit über 10 Millionen Kubikmeter aufweisen, was einem Stausee mittlerer Grösse entspricht. Unter Berücksichtigung der lokalen Hydrologie und der klimatischen Veränderungen haben die Forschenden quantitative Berechnungen verschiedener Varianten – vom einfachen saisonalen Staubecken bis zu einer integrierten Turbinen- und Pumpinfrastruktur – durchgeführt und im Hinblick auf deren Potenzial für die Stromproduktion ausgewertet.

Wird die Schweiz durch die neuen Seen zu einer Energiemacht? «Nein, die Seen können die Produktion wohl lediglich aufrechterhalten», relativiert Haeberli.

Das Wasser-Sparkonto nicht plündern

Zurzeit geben die Gletscher durch ihr Abschmelzen nämlich mehr Wasser an die Flüsse ab als früher. Diese Zuschüsse werden aber mit dem Verschwinden der Gletscher abnehmen. Nutzt man jedoch die neu entstehenden Seen mit Wasserkraftwerken und Staumauern kann man für diesen Rückgang einen Ersatz finden. «Wenn man die Seen nicht nutzt, wird die Wasserkraft in der Schweiz zurückgehen», erklärt Haeberli.

Schwankende Brücken in schwindelerregender Höhe

Der Bau einer Staumauer kann jedoch den touristischen Wert mindern. Dass die Gletscherschmelze für den Tourismus in der Schweiz attraktiv sein könnte, zeigt die Entwicklung am Triftsee: Der See entstand Ende der 1990er Jahre auf der flachen Gletscherzunge hinter einem Felsriegel und blockierte zunehmend den Weg zur Trifthütte. Um das Hindernis zu umgehen, beschlossen der SAC und die Behörden den Bau einer schwindelerregenden Hängebrücke nach nepalesischem Modell.

Diese Brücke wurde schnell zu einer touristischen Attraktion. Dies führte dazu, dass die für die Grimselkraftwerke verantwortlichen Kraftwerke Oberhasli eine alte Baustellenseilbahn wieder in Betrieb nahmen, damit Besucher leichter ins Triftgebiet gelangen konnten. Das Gebiet hat seither einen grossen Besucherzuwachs zu verzeichnen. Aus Sicht des Tourismus hat die Kombination von Gletscher, See und Brücke den Gletscherrückgang und den Verlust einer einmaligen Landschaft mehr als nur wettgemacht.

Gletscherschwund als Vorbote und Warnzeichen

Für Haeberli ist der Gletscherschwund auch ein Warnzeichen. «Wir alle müssen uns damit auseinandersetzen, was es für die Menschheit bedeutet, dass sich die Natur so stark und auf sehr lange Sicht verändert. In Zukunft müssen wir vermehrt mit Ungleichgewichten rechnen.»

Marita Fuchs, Redaktorin UZH

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