Ausstellung: Kinder der Landstrasse

Aktenkundig und abgestempelt

Mit der Aktion «Kinder der Landstrasse» entriss die «Pro Juventute» über Jahrzehnte Fahrenden ihre Kinder. Thomas Meier und Sara Galle vom Historischen Seminar widmen dem Thema eine Ausstellung im Stadtarchiv. Im Fokus: Einmal aktenkundig, wurden die Betroffenen ihr Leben lang diskriminiert. 

Adrian Ritter

Das «Scharotl» ist bis heute ein Symbol für die fahrende Lebensweise, auch wenn die Fahrenden in der Schweiz schon lange nicht mehr mit dem Planwagen unterwegs sind. Anonymes Bild aus 1920er-Jahren (Bild: Sammlung Ernst Spichiger/Cronica)

Die Geschichte der Fahrenden – der Roma oder Jenischen – ist bis heute von Diskriminierung geprägt. Besonderem Leid waren Fahrende zwischen 1926 und 1973 in der Schweiz ausgesetzt, als die Pro Juventute mit Unterstützung der Behörden den Fahrenden rund 600 Kinder entriss. Sie wurden in Pflegefamilien, Heimen und Anstalten platziert, um sie zu «brauchbaren Gliedern» der Gesellschaft zu erziehen. Bittere Wahrheit: Viele dieser Kinder durften später nicht einmal einen Beruf erlernen und wurden als billige Arbeitskräfte eingesetzt.

Der Behördenwillkür ausgesetzt

Die Historiker Thomas Meier und Sara Galle beschäftigen sich in ihrer Forschung seit Jahren mit dem Thema. Die von ihnen kuratierte Ausstellung zeigt, dass die Kinder der Fahrenden in den behördlichen Akten oft als potentiell kriminelle Objekte abgestempelt wurden. «Damit wurden die Kinder der Fahrenden aktenkundig und häufig erst dadurch zu psychisch Kranken und Kriminellen gemacht», sagen die Meier und Galle. Noch heute kämpfen die Betroffenen zum Teil für ihre Rehabilitation.

Die Aktion «Kinder der Landstrasse» sei eines der dunkelsten Kapitel in der Schweizer Geschichte, sind Meier und Galle überzeugt. «Die Ausstellung will zeigen, wie Stigmata in Akten eingehen, dort angehäuft werden und zu schwerwiegenden Diskriminierungen führen können», so Galle. Die Ausstellung soll dazu beitragen, dass das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät.

Das Sammeln und Weitergeben von Akten wird in der Ausstellung in seiner Ambivalenz gezeigt. «Akten bieten einerseits Rechtssicherheit, indem sie Handlungen nachvollziehbar machen», so Meier. «Andererseits bergen sie die Gefahr, dass amtliche Einschätzungen objektiviert und zugespitzt werden.»

Die Thematik betreffe auch die Gegenwart, sind die Ausstellungsmacher überzeugt. «Die fahrende Lebensweise wurde damals als rückständig betrachtet. Ähnlich diskriminierende Urteile hören wir heute über Migrantinnen und Migranten –insbesondere solche aus Osteuropa und speziell Roma, wie aktuelle Medienberichte zeigen», so Galle.

«Verwaltetes Leben. Die ‹Kinder der Landstrasse› und ihre Akten» Die Ausstellung Verwaltetes Leben. Die «Kinder der Landstrasse» und ihre Akten findet von April bis 14. Juli 2012 im Haus zum Rech am Neumarkt 4 in den Räumlichkeiten des Stadtarchivs in Zürich statt. Forschung zu «Kinder der Landstrasse» Sara Galle und Thomas Meier widmeten sich im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP 51 «Integration und Ausschluss»von 2003–2007 dem Thema «Kinder der Landstrasse». Die Resultate ihrer Forschung sind unter anderem in der 2009 erschienen Publikation «Von Menschen und Akten» veröffentlicht. Zudem entstand 2010 ein Arbeitsheft für Mittelschulen und Fachhochschulen. Derzeit arbeiten die beiden Historiker für die Stiftung «Zukunft für Schweizer Fahrende»an einer Website, welche die Resultate zur Geschichte der Fahrenden und Informationen über das Leben von Fahrenden und für Fahrende versammelt. Die Website soll im Juni 2012 aufgeschaltet werden.

Adrian Ritter, Redaktor UZH News

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