Menschheitsgeschichte

Zwischen Mensch und Affe

Das Grabungsteam um Peter Schmid vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich hat Fragmente einer bisher unbekannten Vormenschenart rekonstruiert. Die Forscher wissen jetzt, wie der Vorahne gelebt hat: Er ging aufrecht wie ein Mensch, war aber auch ein guter Kletterer. 

Marita Fuchs

Die Entdeckung war sensationell, und die Nachricht vom Fund gut erhaltener fossiler Knochen einer Vormenschenart weckte im letzten Jahr nicht nur das Interesse der Wissenschaftler, sondern auch vieler Laien. Peter Schmid vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich und seine Forscherkollegen von der University of the Witwatersrand fanden im südafrikanischen Malapa die knapp zwei Millionen Jahre alten fossilen Überreste eines Jungen, einer Frau und zwei weiterer Individuen. «Es war so, als wären wir auf eine anthropologische Goldader gestossen», erinnert sich Peter Schmid. Die Forscher gaben der neu entdeckten Art den Namen Australopithecus sediba.  

Seither rekonstruieren die Wissenschaftler fieberhaft die rund 180 knapp zwei Millionen Jahre alten Fragmente. Hände, Füsse, Zähne, Becken, Schädel und Rumpf konnten fast vollständig zusammengefügt werden. Die Ergebnisse erscheinen nun in der Wissenschaftszeitschrift Science.

Anthropologe Peter Schmid: «Das Becken von Australopithecus sediba gleicht dem des Menschen.» (Bild: Marita Fuchs)

Zeitreise zu den Anfängen des modernen Menschen

Für die Entstehungsgeschichte des modernen Menschen sind die Funde besonders bedeutend, fällt doch die Zeit vor etwa zwei Millionen Jahren in eine Phase, in der sich der Urmensch Homo entwickelte – gekennzeichnet durch ein grosses Gehirn sowie die Fähigkeit zur Herstellung von Werkzeugen. Die fundamentalen Fragen: Wer waren die direkten Vorfahren von Homo? Kann Sediba die grosse Lücke schliessen, die im menschlichen Stammbaum klafft?

Aufrechter Gang, kleines Gehirn

«Nach den neuesten Erkenntnissen handelt es sich um eine Form zwischen Mensch und Affe», sagt Schmid. Konkret können sich die Forscher aufgrund der Funde folgendes Bild vorstellen: Die Sediba-Frau war etwa dreissig Jahre alt und mit einem Jugendlichen von 12 oder 13 Jahren unterwegs in der Savanne, als sie wohl auf der Suche nach Wasser oder auf der Flucht vor Säbelzahntigern, deren bevorzugte Beute sie waren, in eine tiefe Grube stürzten und starben. Die Forscher rekonstruierten das Becken der Frau; es ist etwa gleich geformt wie ein menschliches. Sediba ging also aufrecht und hatte nicht die krummen O-Beine der heutigen Schimpansen.

Einige Anthropologen waren bisher davon ausgegangen, dass sich die menschliche Beckenstellung aufgrund von schweren Geburten – verursacht durch den grossen Schädel der Neugeborenen – entwickelt habe. Sediba hatte ein menschliches Becken, doch schwere Geburten können nicht die Ursache für diese Entwicklung gewesen sein. Denn der Schädel von Sediba war klein, Geburten müssen also unproblematisch verlaufen sein. «Schwere Geburten, verursacht durch einen grossen Kopf, sind nicht die Ursache des menschlich geformten Beckens», stellt Schmid fest. Sein Fazit: Die moderne Beckenform ist auf die Anforderungen des Bewegungsapparates und nicht des Geburtsvorgangs zurückzuführen.

Anhand der Zahn- und Kieferfunde gehen die Forscher davon aus, dass Sediba hauptsächlich von Früchten und Samen lebte. «Analysen des Zahnsteins zeigen Kalkablagerungen von Pflanzenzellen, die auf den Verzehr von Grassamen wie Hirse hindeuten», erläutert Schmid.

Die Handknochen von Australopithecus sediba mit dem kräftigen, langen Daumen, der die Herstellung von Steinwerkzeugen ermöglichte. (Bild: PD)

Benutzung von primitivem Werkzeug

Ob Sediba auch Fleisch gegessen hat, ist unklar. Die Rekonstruktion der Hände – die erstaunlicherweise der menschlichen Hand sehr ähneln – weist darauf hin, dass Sediba einen Kadaver mit Werkzeug, wie etwa mit scharfkantigen Steinen, hätte öffnen können. Der Daumen war sehr stark entwickelt und hätte deshalb die Herstellung von Steingeräten möglich gemacht. «Sie konnten sich auf der gesamten Handfläche abstützen und nicht nur auf den gebogenen Fingern, wie wir es von heutigen Menschenaffen kennen», erläutert Schmid. Das Gehirn ist klein und energetisch anspruchslos. «Das grosse Gehirn des Menschen benötigt viel Energie, das ist nur mit zusätzlichem Fleischkonsum möglich.» Computeranalysen des Schädels belegen, dass das Fronthirn stark ausgeprägt war und die Riechlappen denen des Menschen ähnelten.

Eine Zwischenform

Arme und Schultern Sedibas gleichen eher den heutigen Affen. Sie belegen, dass Sediba auf Bäume kletterte. In den Baumkronen fanden Sediba Schutz und Schlaf. Auch die Füsse gleichen denen eines Affen.

«Zusammenfassend kann man Sediba als eine ideale Zwischenform zwischen mehr affenähnlichen Vorläufern wie der berühmten Lucy und dem Menschen, dem Homo, einordnen. Man könnte ihn aber auch als Seitenlinie betrachten – dann wäre allerdings die Vielzahl an menschlichen Eigenschaften parallel entstanden, was eher unwahrscheinlich erscheint», sagt Schmid. Weitere Forschungen werden sich mit dieser Frage befassen.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

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