Geschichte und Geschichtsstudium

«Wir sind Fachleute für den Wandel»

Börsen krachen, Staaten stehen vor der Pleite und neue Kommunikations-Technologien verändern die Welt. Gefragt sind Analysen, die über das Tagesgeschäft hinausgehen. Philipp Sarasin, Vorsteher, und Monica Kalt, Geschäftsführerin des Historischen Seminars der Universität Zürich, erklären, wie der Wunsch nach Orientierung das Geschichtsstudium und das Fach beeinflusst.

Interview: Daniela Decurtins

Welche Geschichte soll an der Universität gelehrt werden? Ist es richtig, die Aufgaben des Fachs Geschichte von den Erwartungen der Gesellschaft her zu bestimmen?

Monica Kalt: Ein Geschichtsstudium, ob mit oder Doktorat, ist nicht gleichbedeutend mit einer Berufsausbildung. Historiker besetzen kein eindeutiges Berufsfeld, für das man Studierende qualifizieren könnte. Auf einen erfolgreichen Berufseinstieg folgt die weitere Qualifikation, on the job, aber zunehmend auch durch Weiterbildungsangebote. Unsere Wissenschaftler sind in der Öffentlichkeit präsent, die Medien kontaktieren sie immer wieder für Expertenbeiträge.

Berliner Mauer: Vertraute Geschichtsbilder werden in Frage gestellt. (Bild: Joerg Sabel/pixelio.de)

Philipp Sarasin: Historiker leben nicht «ausserhalb» der Gesellschaft, sondern sind – als Wissenschaftler und Zeitgenossen – von ihren Anforderungen zutiefst geprägt. Das kann aber nicht heissen, dass wir unmittelbar Erwartungen befriedigen können.

Die Forschung ist ein ergebnisoffener Prozess, und die universitäre Lehre soll sich an diese – jeweils neue – Forschung anlehnen. Sie vermittelt sicher auch ältere, gesicherte Erkenntnisse, aber sie darf nicht auf einen von aussen – etwa durch die Schule oder die Politik ‒ diktierten Fragenkatalog verpflichtet werden, sonst verliert sie innert kürzester Zeit ihre Wissenschaftlichkeit und wird ideologisch.

Geschichte wird heute rasch in globale Entwicklungen eingeordnet. Das bedeutet: Vertraute Geschichtsbilder werden hinterfragt, genauso die Art und Weise wie Geschichte an Universitäten vermittelt wird. Wie geht das Historische Seminar damit um?

Kalt: Die grosse Herausforderung sehe ich bei den Karriereverläufen von jungen Wissenschaftlern. Diese sollen gleichzeitig möglichst international sein, viel publiziert haben und zudem noch möglichst jung sein. Diese Erwartungen können Naturwissenschaftler etwas besser erfüllen als Geistes- und Kulturwissenschaftler.

Philipp Sarasin: «Es reicht nicht mehr Latein und einige andere europäische Sprachen zu können.» (Bild: Sabrina Golob)

Sarasin: Es gibt zumindest eine wirklich neue, gleichsam «handwerkliche» Herausforderung für Historiker in diesem tatsächlich immer stärker post-kolonial und transnational definierten Feld der historischen Forschung: Es reicht nicht mehr, Latein und einige andere europäische Sprachen zu können; vielmehr wären zum Beispiel Mandarin oder Japanisch sehr hilfreich. Die Zahl jener Historiker, die das können, ist noch sehr klein, da stehen wir offenkundig erst am Anfang.

Neue Wissensgebiete werden nicht zusätzlich, sondern auf Kosten bestehender eingerichtet: Welche Richtungen haben Zukunft, welche nicht?

Kalt: Auch Historiker pflegen ja nicht ihr ganzes wissenschaftliches Leben lang dasselbe Thema oder denselben Ansatz, sondern wagen sich an neue Felder, nehmen neue Theorien auf, alte treten dafür eher in den Hintergrund. Ich hoffe, dass jede durch einen Blick ins Vorlesungsverzeichnis erkennen kann, dass die Geschichtswissenschaft selber eine historische Dimension hat. Sie hat ihre eigenen Konjunkturen, die sich gegenseitig ablösen, wobei etwas aus der Mode gekommene Ansätze, Themen oder Sichtweisen ja nicht ganz verloren gehen.

Monica Kalt: «Auch Historiker pflegen nicht das ganze Leben lang dasselbe Thema oder denselben Ansatz.» (Bild: Roland Gysin)

Ich stehe Veränderungen einigermassen gelassen gegenüber, auch dann, wenn sie die eigene Fachtradition oder die eigene Institution betreffen – als Historiker sind wir doch eigentlich die Fachleute für den Wandel.

Sarasin: Man kann auch, um es etwas spitz zu sagen, auf alten Ansätzen sitzen bleiben und bezahlt dann den Preis der wissenschaftlichen Irrelevanz. Doch abgesehen davon: An der Universität kann nicht immer die ganze Breite eines Wissensfeldes repräsentiert sein.

Es ist durchaus möglich, dass bestimmte Ansätze, Blickrichtungen und Herangehensweisen sehr wertvoll sein und bleiben können, ohne in einem akademischen Zusammenhang noch eine besondere Aufmerksamkeit zu erfordern. Viele solcher Ansätze sind zum Beispiel in Sachbüchern, in Orts- und Regionalgeschichten oder populären Darstellungen präsent und auch fruchtbar – aber sie sind halt nicht mehr cuttingedge und daher an der Universität auch nicht mehr Teil dessen, was wir mit Studierenden diskutieren. Diese sollen ja was Neues lernen?

Die Sozial-und Wirtschaftsgeschichte gehörte in den 1980er- und -90er Jahren zu den beliebtesten Fachrichtungen. Heute ist das nicht mehr so. Weshalb?

Kalt: Es ist gewiss nicht falsch, ab und an das Portfolio der Studienangebote kritisch zu reflektieren. Das heisst mit Bestimmtheit nicht, dass das gesamte Lehrangebot entsprechend gestreamt wird: hier werden wir immer eine grössere Breite an Themen und Methoden abdecken als mit dem Studienangebot. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, aber auch Militärgeschichte oder die Geschichte von Konflikten oder Konfliktlösungsprinzipien werden als Themen immer ihren Platz im Lehrangebot haben.

Sarasin: Als thematisches Feld, als Gegenstand, ist die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte natürlich noch präsent, wie auch anders! Aber als theoretischer beziehungsweise konzeptioneller Ansatz? Das waren tatsächlich die 1970er, 80er Jahre, und die sind, würde ich sagen, doch schon eine ganze Weile lang vorbei – so sehr, dass ich gerne ein Projekt darüber machen würde, wie sehr eigentlich dieses nur schwach marxistische, dafür umso mehr weberianische Konzept zum Beispiel Bielefelder Provenienz eigentlich mit der ideologischen Anforderung des Kalten Krieges zu tun hatte, dem «Dialektischen Materialismus» etwas entgegenzustellen.

Die Offenheit für Probleme der Gegenwart ist ja an sich nicht schlecht, das verspricht Orientierung. Geschichte ist dadurch aber auch anfällig, zur Legitimationswissenschaft zu werden.

Sarasin: Mein Eindruck ist: Die Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten eher weg von den Verlockungen der Legitimationswissenschaft bewegt. Wir interessieren uns zum Beispiel weit weniger für die Nation als selbstverständlicher Voraussetzung unserer Arbeit oder gar für das eigene «Volk» – auch unter der Form der «Volkskultur» und ähnlichem –, sondern nehmen das Potential der historischen Dekonstruktion auch des «Eigenen» doch sehr viel ernster als zum Beispiel die Historiker des späten 19. Jahrhunderts, der Zwischenkriegszeit oder noch der 1960er Jahre.

Welche Rolle spielt aktuell die Arbeit mit Theorien und Methoden im Studium?

Kalt: Das ist individuell sicher sehr unterschiedlich. Ich halte eine solide Ausbildung in verschiedenen Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft für essentiell.

Sarasin: Es gibt noch viele Historiker, die meinen, «theorielos» arbeiten zu können, und sie werden wohl nicht aussterben. Aber wir haben im Zuge der Bologna-Reform zum Beispiel ein Proseminar «Theorie und Historiographie» eingeführt, weil wir der Meinung sind, dass es ohne diese «Reflexionsebene» nicht geht.

Das Interview wurde schriftlich geführt und von UZH News gekürzt. Die vollständige Version erschien in: HS-Alumni-Info, Herbst 2011.

Die Gesprächsteilnehmer

Monica Kalt, 41, ist Historikerin und Geschäftsführerin des Historischen Seminars. Sie hat in Basel Allgemeine Geschichte, Schweizer Geschichte und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft studiert. Philipp Sarasin, 55, ist Professor für Neuere Allgemeine und Schweizer Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich, Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Seminarvorsteher.

Daniela Decurtins ist Vorstandsmitglied der Alumni-Vereinigung des Historischen Seminars.

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