Energiepolitik

«Japans Energieversorgung ist vom Ausland abhängig»

Der «Strategic Energy Plan of Japan» vom Juni 2010 sieht den Bau neun weiterer Atomkraftwerke bis 2020 vor. Damit wollte Japan seine grosse Abhängigkeit vom Erdöl reduzieren. Doch nach Fukushima ist vieles anders. Hermann Escher, Lehrbeauftragter für Geographie und Wirtschaft Japans an der Universität Zürich, analysiert für UZH News die schwierige Energiesituation des Landes.

Hermann Escher

Für Japan bleiben zwei Themenkomplexe stets von zentraler Bedeutung: Die Sicherstellung der Versorgung mit Nahrung und die Sicherstellung der Versorgung mit Energie. Nur knapp 40 Prozent der Nahrungsmittel (auf Kalorienbasis) und 18 Prozent des Energiebedarfs werden lokal gedeckt. Die Differenz muss importiert werden. Wertmässig entfallen gegen 30 Prozent der Güterimporte auf Energieträger und 10 Prozent auf Nahrungsmittel. Zuverlässigkeit der Versorgung bei voraussehbaren Mengen, Preisen und Terminen sowie Verhindern von importbedingten Abhängigkeiten sind daher zentrale Anliegen Japans.

Kaum lokale Energiequellen

Der Beitrag lokaler Energiequellen zur Energieversorgung ist bescheiden. Die letzte Kohlemine Japans wurde 2002 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Die gesicherten Oel- und Erdgasvorkommen sind unbedeutend. Der Nutzung der Wasserkraft sind wegen der Topographie und des Klimas Grenzen gesetzt: Die Flussläufe sind in der Regel steil und relativ kurz, der Abfluss ist stark schwankend. Der verbreitete Vulkanismus lässt ein bedeutendes Potential an geothermischer Energie erwarten. Weil aber die Exploration aufwendig ist und potentielle Nutzungsorte oft in oder bei geschützten Nationalparks liegen, so dass Interessenskonflikte entstehen, sind bis heute nur zwanzig Anlagen in Betrieb mit einem geringen Beitrag zur Versorgung.

Die Photovoltaik erfuhr seit 1973 eine starke Unterstützung der öffentlichen Hand. Deren Beitrag zur Stromversorgung bleibt indessen nach wie vor klein, er soll aber bis 2030 stark erhöht werden. Trotz interessanten japanischen Entwicklungen spielt die Nutzung der Windenergie (noch) kaum eine Rolle.

Diese Situation erklärt, warum die japanische Energieversorgung seit den 1960er Jahren zu fast 80 Prozent auf  billigem importiertem Erdöl basierte, bis 1973 die erste Erdölkrise drastisch die Risiken und Grenzen dieser einseitigen Abhängigkeit aufzeigte; wie alle OECD Länder stürzte auch Japan in eine Rezession. Die Antwort war eine energiepolitische Umorientierung, die zum steigenden Anteil von Erdgas und von Nuklearenergie an der Energieversorgung führte.

Geothermische Anlage in der Präfektur Iwarte: «Geothermische, Wind- und Solarenergie tragen nur 1 Prozent zur gesamten Elektrizitätsproduktion bei.» (Bild: Si-take / Wikimedia)

Setzen auf Kernenergie

Insbesondere die seit den 1950er Jahren konsequent mit grossen staatlichen Mitteln geförderte Beherrschung des nuklearen Brennstoffkreislaufes und der Reaktortechnologie schien der Schlüssel zur auslandsunabhängigen Energieversorgung zu sein, auch wenn das Uran importiert werden muss. Mit 55 Anlagen im Betrieb befindet sich Japan heute hinter den USA (104 Anlagen), Frankreich (59 Anlagen) auf Platz drei. Der Anteil des Atomstroms an der gesamten Stromerzeugung hingegen liegt mit 22 Prozent  im Mittelfeld der Länder, die nukleare Kraftwerke betreiben. Als Standorte der Werke wählte man vorwiegend Lokalitäten in ländlichen, wirtschaftlich schlechter gestellten Regionen und dort – wegen des hohen Kühlwasserbedarfs – die Meeresnähe. Bau und Betrieb versprachen wirtschaftliche Anreize, welche zur besseren Akzeptanz der Anlagen beitrugen.

Die friedliche Nutzung der Kernenergie war jahrzehntelang praktisch unbestritten. Doch haben Unfälle mit dem Reaktor in Monju (1995) und mit der Wiederaufbereitungsanlage von Tokaimura (1997) und damit zusammenhängende Vertuschungsmanöver seitens der Betreiber Misstrauen geweckt und die Zustimmung lokaler Behörden zu neuen Anlagen schwieriger gemacht. Fukushima wird diese Tendenz zweifellos verstärken.

Starke Luftverschmutzung

Die in den 1970er Jahren getroffenen Massnahmen zur effizienteren Nutzung der Energie trugen dazu bei, die damals vor allem in den Grossstädten starke Luftverschmutzung signifikant zu verringern. Die seit Jahren sehr hohe Energieeffizienz der japanischen Wirtschaft oder die Entwicklung von Hybridfahrzeugen sind Ergebnisse dieser Anstrengungen. Ein grosses, bis heute aber noch kaum genutztes Sparpotenzial, liegt bei der weitverbreiteten schlechten Wärmeisolierung japanischer Häuser.

Gegenwärtig basiert noch immer knapp die Hälfte der Energieversorgung auf Erdöl, obschon der Beitrag von (importierter) Kohle, von Erdgas und Nuklearenergie seit den 1970er Jahren stetig zunahm (siehe Graphik). Um die Abhängigkeit von Importen weiter zu verringern, sieht der «Strategic Energy Plan of Japan» vom Juni 2010 den Neubau von neun weiteren Nuklearanlagen bis 2020 sowie die Förderung erneuerbarer Energiequellen und die Verbesserung der Effizienz im Verbrauch von Energie vor. Ob und wie dieser Plan nach den Folgen des Erdbebens und des Tsunami vom 11. März 2011 hinsichtlich neuer Kernkraftwerke umgesetzt wird, wird sich zeigen müssen.

Zwei getrennte Stromnetze

Ungefähr die Hälfte der Primärenergie wird in Elektrizität umgewandelt. Von der gesamten Elektrizitätsproduktion stammen 70 Prozent aus thermischen Anlagen, 22 Prozent aus Nuklearanlagen und 7 Prozent aus Wasserkraftwerken. Geothermische, Wind- und Solarenergie tragen nur 1 Prozent bei. Thermische Kraftwerke sind in den letzten Jahren schwergewichtig von Erdöl auf Erdgas umgestellt worden. Zu beachten ist, dass Japan aus historischen Gründen nicht über ein landesweites Verbundnetz, sondern über zwei getrennte Netze verfügt (siehe Graphik): Elektrizität mit einer Frequenz von 50 Hertz, die auf europäischer Technologie basiert, wird im östlichen Teil der Hautpinsel Honshu und auf Hokkaido verwendet, solche mit einer Frequenz von 60 Hertz aufgrund amerikanischer Technologie im westlichen Japan. Konverterstationen bestehen, aber sie erlauben nur einen beschränkten Austausch zwischen den beiden Netzen.

Als Folge davon kann das westliche Netz den durch den Ausfall der Anlagen von Fukushima verursachten Strommangel im östlichen Netz nicht ausgleichen. Obschon technisch möglich, besteht keine Stromverbindung mit Korea oder mit China. Japans Stromversorgung ist also – im Gegensatz zur Schweiz – nicht nur auf sich selber gestellt, sondern zusätzlich noch in zwei unabhängige Netze geteilt.

Energie ist ein zentraler Pfeiler des hohen Lebensstandards und der starken wirtschaftlichen Stellung Japans. Damit zusammenhängenden Fragen bleiben daher von grösster Relevanz. Nach den tragischen Ereignissen vom 11. März 2011 wird es für Japan noch schwieriger werden als bis anhin, zwischen den verschiedenen zum Teil widersprüchlichen Anforderungen einen gangbaren Weg zu finden zu einer optimal sicheren, stabilen, kostenmässig tragbaren, umweltverträglichen und von der Bevölkerung akzeptierten Energieversorgung.

Hermann Escher war an der Schweizer Botschaft in Tokyo verantwortlich für die Bereiche Finanzen, Wirtschaft und bilateraler Handel und ist Lehrbeauftragter für Geographie und Wirtschaft Japans an der UZH.

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