Soziale Netzwerke und Vertrauen

Im digitalen Käfig

Dank der sozialen Netzwerke im Internet sind wir weniger auf Vertrauen angewiesen, weil wir mehr über unsere Gegenüber wissen. Doch sind diese wirklich, wer sie behaupten zu sein?  

Theo von Däniken

Zu einem Blind Date gehört ein grosses Mass an Vertrauen. Lediglich die Art des Aussehens, das Sprechen und Verhalten des unbekannten Gegenübers lassen daraus schliessen, ob er oder sie vertrauenswürdig ist oder nicht. Im Internet – etwa in Online-Partnerbörsen – stehen gerade diese Möglichkeiten nicht zur Verfügung, die in Alltagssituationen helfen, die Vertrauenswürdigkeit von Personen rasch und – hoffentlich – zuverlässig einzuschätzen. Vertrauen muss auf eine andere Art aufgebaut werden, meist durch schriftliche Kommunikation. Dies kann, so meint der Soziologe Hans Geser, in bestimmten Situationen ein Vorteil sein.   

Weniger zudringlich 

Geser hat unter anderem das Verhalten auf Online-Partnerbörsen untersucht. «Das Internet ist, verglichen mit dem persönlichen Kontakt, ein weniger zudringliches Medium», sagt Geser. Es ist einfacher, Distanz zu halten, und man kann sich schneller wieder zurückziehen, wenn sich die anbahnende Bekanntschaft als ungeeignet erweist. «Die Exit-Strategien sind einfacher, weil man zunächst weniger preisgeben muss.»

Das heisst: Für eine erste Bekanntschaft ist weniger Vertrauen nötig, als wenn man sich bereits von Angesicht zu Angesicht in einem Restaurant treffen würde. «Gerade für Frauen ist dies wichtig», so Geser. «Das Internet ermöglicht eine Gesellschaft, die mit weniger Vertrauen auskommt», lautet deshalb die These des Soziologen.

Flirten im Internet: mit Vertrauen oder Vorsicht? (Bild: PD)

Das mag auf den ersten Blick erstaunen, denn Vertrauen – so die oft zitierte Definition von Niklas Luhmann – ist ein Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität. Es ist dann notwendig, wenn die Informationen fehlen oder zu komplex sind, um eine Situation rational einzuschätzen. Gerade also im Web, wo man es mit Gegenübern zu tun hat, von denen man nicht einmal sicher wissen kann, ob sie als reale Menschen aus Fleisch und Blut existieren, scheint Vertrauen absolut unabdingbar, um sich überhaupt auf irgendetwas einzulassen.   

Bekannte Unbekannte 

Doch weil die Plattformen eine Vernetzung ihrer Benutzer ermöglichen, sind die Unbekannten eben gar nicht so unbekannt. Nicht dem Benutzer persönlich, aber der «Gemeinschaft», die eine Online-Plattform darstellt. Ich kann sehen, mit wem mein Gegenüber sonst noch Beziehungen pflegt, was er selbst oder andere über ihn schreiben. So liefern sie die Informationen und füllen die Lücken, die ich mit Vertrauen überbrücken müsste.   

Soziale Kontrolle wie früher im Dorf 

Man ist «Ausgestellt im globalen digitalen Käfig», so der Titel einer Arbeit Gesers zu sozialen Netzwerken im Internet. Alles, was man über sich und andere schreibt, ist der öffentlichen Kontrolle durch das eigene Netzwerk ausgesetzt. Ich kann nicht auf meinem Facebook-Profil Unwahres über mich erzählen, ohne dass nicht einer meiner Freunde das korrigiert – oder ich zumindest damit rechnen muss, dass er es tut. Eine soziale Kontrolle also wie früher auf dem Dorf. Nur ist das Dorf jetzt eben global. Der Vorteil davon: «Ich bin nicht mehr auf Vertrauen angewiesen, um eine Geschäfts- oder andere Beziehung einzugehen», sagt Geser. «Ich kann mich auf die Urteile der anderen Benutzer stützen.» Das Vertrauensgefühl wird rationalisiert – und globalisiert.  

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser     

Soziale Netzwerke als Gewähr für die Identifizierung von Personen: Diesem Konzept eines «web of trust» traut der Informatiker Burkhard  Stiller nicht so ganz: «Vertrauen im Internet läuft letztlich immer darauf hinaus, eindeutig zu wissen, wer mein Gegenüber ist.» Das ist insbesondere bei Geschäftsbeziehungen wesentlich.

Heute ist es sehr einfach, sich neue elektronische Identitäten, auch mehrfache, zuzulegen. Die eindeutige  Zuordnung einer elektronischen Identität, beispielsweise des Nutzers einer Online-Plattform, zu einer realen Person würde das Vertrauen im Internet massiv stärken, davon ist Stiller überzeugt. 

Log-in per Fingerabdruck 

Eine Möglichkeit ist, die Menschen über biometrische Merkmale zu identifizieren. Stiller hat ein Zutrittssystem entwickelt, bei dem biometrische  Daten von einem Lesegerät über das Internet an den Server geschickt werden. Dort wird geprüft, ob die Person eine Zutrittsberechtigung zum betreffenden Raum hat. Entsprechend wäre es möglich, biometrische Daten auch zur Anmeldung beispielsweise beim E-Banking zu verwenden, sagt Stiller.

Schau mir in die Augen

Biometrische Merkmale haben gegenüber anderen Zugangsschlüsseln wie Passwörtern, Schlüsseln oder Zutrittskarten den Vorteil, dass man sie weder vergisst noch verlegt und sie auch nicht auf Fremde übertragbar sind. Allerdings sind die Lesegeräte noch zu teuer sowie ab und an fehleranfällig. Insbesondere bei  Fingerabdrücken kommt es noch zu häufig vor, dass eigentlich passende Muster nicht erkannt werden und Personen, die eine Berechtigung hätten, abgewiesen werden.

«Besser, aber noch teurer sind Iris-Scans, also ein Abtasten des Auges», sagt Stiller. Die Zukunft könnte uns also dahin führen, wo wir in Sachen Vertrauen auch schon waren: Willst du wissen, wer ich bin, dann schau mir in die Augen, Computer. 

Doch auch dann braucht es eine Institution, die für die korrekte Zuordnung der biometrischen Daten zu einer Person verlässlich bürgt. «Im realen Leben wird die Identität einer Person vom Staat verifiziert, beispielsweise mit einer Identitätskarte.  Im Internet gibt es nichts Vergleichbares.»

Vorteile durch Online-Bekanntschaften

Eine solche Verifizierung kann, davon ist Stiller überzeugt, nur eine Institution ausserhalb des Internets übernehmen. Gesellschaftliche Institutionen, so schreibt auch Geser in der oben genannten Arbeit, können Vertrauen dort herstellen, wo die persönliche Beziehung nicht mehr ausreicht. In Zeiten vor Facebook schränkten der grosse Zeitaufwand und geografische Limitationen die Möglichkeiten ein, neue Beziehungen zu knüpfen und zu unterhalten. Dank der sozialen Netzwerke können wir jedoch den Kreis von sogenannten «trusted weak ties» – Personen, zu denen wir keine starke Verbindung  haben, denen wir aber vertrauen, weil wir gemeinsame Bekannte haben – stark ausbauen. 

Die Analyse von Beziehungen zeigt, dass es meistens nicht unsere nächsten Bezugspersonen sind, die uns helfen, etwa einen neuen Job oder eine Wohnung zu finden, oder uns Tipps zum Ausfüllen der Steuererklärung geben. Vielmehr sind es Bekannte von Bekannten, deren Knowhow oder Beziehungen wir anzapfen können. Die «trusted  weak ties» werden über die sozialen Plattformen plötzlich in grösserem Umfang verfügbar. 

Keine Datensicherheit

Andererseits bedeutet dies, dass persönliche Informationen plötzlich einem sehr viel grösseren Kreis von Menschen zugänglich sind. Es droht die Gefahr, dass der Einzelne die Kontrolle über einmal veröffentlichte Informationen verliert. «Bei sozialen Netzwerken fehlt vielen Nutzern das Risikobewusstsein dafür, oder es erwacht  zu spät», sagt Geser. Denn wer garantiert, dass die Informationen nicht in falsche Hände  gelangen oder von den Betreibern der Plattformen missbraucht werden?  

Doch viele Mechanismen, die verwendet  werden – zum Beispiel, um die Datenübertragung  zu verschlüsseln oder Autorisierungen zu  überprüfen –, sind zuverlässig. Sie wurden wissenschaftlich  bewiesen oder sind von unabhängiger Stelle zertifiziert. Das heisst jedoch nicht, betont Stiller, dass zum Beispiel Verschlüsselungssysteme absolut sicher sind. Ihre Sicherheit ist eine relative: «Sie liegt darin, dass es für einen Einzelnen – auch für manche Staaten – zu teuer ist und zu lange dauert, die Schlüssel zu knacken», sagt Stiller. 

Dennoch: Sehr viele Angriffsmöglichkeiten sind bekannt, und man weiss auch, welche technischen Mittel, wie viel Zeit und Geld nötig sind, um ein System anzugreifen. Damit lassen sich die Risiken abschätzen, die man eingeht, wenn man etwa seine Kreditkartendaten übermittelt. «Ob ein Mensch das System aufgrund dieser Risikolage als vertrauenswürdig einschätzt, ist jedoch letztlich seine Entscheidung. Die kann ihm das System nicht abnehmen.»

Theo von Däniken ist Journalist und Mitarbeiter der Abteilung Kommunikation UZH.

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