Wirtschaftswissenschaften

«Gesinnung hilft uns nicht weiter»

Ein internationaler Aufruf fordert mehr Verantwortungsbewusstsein für das Allgemeinwohl in den Wirtschaftswissenschaften. Mangelt es tatsächlich daran? Sollte man ethischen Aspekten in der Lehre mehr Raum geben? Es diskutieren UZH-Professor Marc Chesney und Josef Falkinger, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

Adrian Ritter und Roland Gysin1 Kommentar

Herr Chesney, Sie sind unzufrieden mit Forschung und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften, insbesondere in Banking und Finance. Sie haben einen Aufruf mitlanciert, der eine Erneuerung der Ökonomie fordert. Was läuft Ihrer Meinung nach falsch?

Marc Chesney: An den Universitäten dominiert die Sichtweise der Chicago School. Auf den Punkt gebracht: Es gibt nichts Effizienteres als freie Märkte, und Staatseingriffe sind des Teufels. Vier Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise übt diese Lehre nach wie vor eine institutionelle Macht auf die Universitätswelt und die Forschung aus.

Marc Chesney: «Im Bereich Finance brauchen wir neue Lehrbücher.» (Bild: Frank Brüderli)

Spüren Sie von dieser Macht auch etwas an der UZH?

Chesney: Zum Glück herrscht bei uns akademische Freiheit. An der UZH ist die Chicago School nicht die einzige Denkschule. Dennoch besteht Handlungsbedarf. Zum Beispiel hat sich die finanzwissenschaftliche Forschung bisher zu wenig gefragt, welche Systemrisiken neue Finanzprodukte bergen. Wir müssen klar aufzeigen, dass derivate Produkte nicht nur der Risikodeckung dienen, sondern auch ein Systemrisiko erzeugen können, wie es sich seit 2007 gezeigt hat. Verpasst wurde auch, zu erforschen, inwiefern etwa der Handel ausserhalb der Börse, sogenannte OTC-Transaktionen, oder Verbriefungen, also handelbar gemachte Kredite, gefährlich sind für die Stabilität der Wirtschaft. Insofern tragen die Wirtschaftswissenschaften auch eine Mitverantwortung an der Finanzkrise.

Herr Falkinger, weshalb haben Sie den Aufruf von Herrn Chesney nicht unterzeichnet?

Falkinger: Wir kämpfen für die gleiche Sache, aber ich zweifle an der Wirksamkeit von solchen Appellen. Ich sage nicht, die Wirtschaftswissenschaften tragen keine Mitschuld an der Finanzkrise. Ich sage, man muss genau hinschauen, wer wofür verantwortlich ist. Und dann die Verantwortlichkeiten benennen. Was hat eine Bank falsch gemacht, was ein Manager, was ein Staat, was die Staatengemeinschaft und welchen Anteil hat die Wissenschaft.

Was haben die Wirtschaftswissenschaftler falsch gemacht?

Falkinger: Wirtschaftswissenschaftler denken in Modellen. Diese Modelle müssen die wesentlichen Aspekte der Realität abbilden. Das tun sie aber nicht immer. Modelle, die sich ausschliesslich auf Akteure mit rationalen Erwartungen stützen und von fehlerlosen Märkten ausgehen, sind Irrläufer. Aber gerade an der UZH hat die Verhaltensökonomie die Grenzen solcher Modelle aufgezeigt. Und in unserer makroökonomischen Forschung spielen Ungleichheit und Marktfehler eine grosse Rolle.

Chesney: Wir bilden an den Universitäten die künftige Elite aus. Dementsprechend haben wir auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Wir müssen deutlich erklären, dass Börsen keine Mischung aus Casino und Mathematik sein sollten. Wer mit Wertpapieren zu tun hat, hat eine Verantwortung, die über das Unternehmen hinausgeht.

Josef Falkinger: «Ein Finanzwissenschaftler, der sich nur als Mathematiker versteht, ohne sich zu fragen, ob seine Modelle reale Probleme adäquat abbilden, ist inkompetent.» (Bild: Frank Brüderli)

Was passiert an der UZH konkret in dieser Richtung?

Chesney: Das Institut für Banking und Finance befasst sich zur Zeit mit der Möglichkeit, ein interdisziplinäres «Center for Ethical Finance» ins Leben zu rufen. Dieses hätte die Aufgabe, Vorlesungen und Seminare zu den angesprochenen Fragen anzubieten.

Herr Falkinger, wie sollten die Wirtschaftswissenschaften Ihrer Meinung nach vorgehen?

Falkinger: Wir müssen einfach unseren Job machen, nicht mehr und nicht weniger: Argumente kritisch reflektieren, Fakten prüfen, intellektuell redlich sein und nichts verschweigen. Ich kenne an unserer Fakultät niemanden, der sich nicht intensiv mit der Finanzkrise beschäftigt; das gehört zum Beruf.

Es gehört auch dazu, darüber nachzudenken, wie wir verantwortungsvolles Handeln in Lehre und Forschung integrieren können. Als Ergebnis eines fakultätsweiten Reflexionsprozesses haben wir 2010 unser Leitbild angepasst mit den Kernpunkten Exzellenz und neu: Verantwortung. Zusätzlich haben wir ein Reporting in «Corporate Social Responsibility», kurz CSR, eingeführt. Alle Dozierenden müssen transparent machen, ob und wie sie CSR-Themen in ihren Lehrveranstaltungen berücksichtigen: faire Löhne, gute Corporate Governance, Finanzstabilität, Globalisierung oder Nachhaltigkeit. Solche Befragungen möchten wir künftig regelmässig durchführen und die Resultate auf unserer Website sichtbar machen.

Schauen Sie bei Berufungen darauf, dass künftige Professoren Systemrisiken benennen oder sich der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen?

Falkinger: Ich habe grosse Mühe mit dem Gegensatz Ethik versus Kompetenz. Das Hauptkriterium bei Berufungen ist und bleibt die fachliche Kompetenz. Selbstverständlich erwarte ich von einem Fakultätsmitglied, dass er oder sie ein anständiger Mensch ist. Aber wir machen keine Ethikprüfung, so etwas würde ich nicht mittragen. Ein Finanzwissenschaftler, der sich nur als Mathematiker versteht, ohne sich zu fragen, ob seine Modelle reale Probleme adäquat abbilden, ist aus meiner Sicht inkompetent. Das hat mit Ethik nichts zu tun. Und wenn ein Investor glaubt, jegliches Risiko eingehen zu können, nur weil der Steuerzahler die Verluste ohnehin deckt, dann ist er kurzsichtig und dumm. Denn irgendwann ist der Staat bankrott.

Wer Nachhaltigkeitskriterien nicht berücksichtigt, ist inkompetent?

Falkinger: Ja, oder unethisch. Von der Wirkung her kommt es auf dasselbe hinaus. Nochmals: Gesinnung hilft uns nicht weiter. Es geht um klares Denken und richtiges Handeln. Die ethische Verpflichtung der Wissenschaft ist die Neugier. Wir müssen wissen wollen, und zwar alles – auch die Nebenwirkungen. Zum Beispiel bewusst das Systemrisiko ausser Acht zu lassen. Das ist fatal – und unethisch.

Chesney: Wir sollten als Wirtschaftswissenschaftler in Forschung und Lehre verantwortlich handeln. Es gilt, die finanzwirtschaftlichen und ethischen Dimensionen im Fachgebiet zu verbinden, insbesondere nach dem Ausbruch der Finanzkrise. Das geht in der Lehre natürlich schneller als in der Forschung. So kann etwa der Fall UBS tagesaktuell in der Vorlesung thematisiert werden.

Reicht das für eine verantwortungsvolle Lehre?

Falkinger: Ja. Ich wehre mich dagegen, die Ethik in separate Vorlesungen oder Seminare auszulagern. Diese Aspekte müssen in jede Veranstaltung einfliessen und dort reflektiert werden. Das gilt auch für die Finanzmärkte. Man könnte sich analog zu anderen Industrien überlegen, neue Finanzprodukte vor der Zulassung auf ihre Systemgefährdung hin zu prüfen.

Chesney: Ähnlich wie in der Pharma- oder Autoindustrie wäre eine solche Zertifizierung auch bei Finanzdienstleistungen sehr zu begrüssen. Und sie wäre wissenschaftlich reizvoll, denn dazu bräuchten wir neue Modelle, welche die Auswirkungen von Finanzinnovationen messen können.

Von der Ethik einmal abgesehen: Zwingt die aktuelle Finanzkrise die Wirtschaftswissenschaften nun dazu, die Lehrbücher neu zu schreiben?

Chesney: Im Bereich Finance brauchen wir neue Lehrbücher. Denn die jetzigen Lehrbücher betrachten etwa die Auswirkungen von Finanzinnovationen auf das Wachstum und das Systemrisiko nur selten und nicht vertieft genug.

Falkinger: Ich denke nicht, dass uns die Finanzkrise zwingt, die grundlegenden ökonomischen Lehrbücher umzuschreiben. Vieles, was zur Finanzkrise geführt hat, ist durchaus mit herkömmlicher Ökonomie zu erklären. Eine grundlegende Unordnung im Finanzsystem hat sich bereits vor 25 Jahren angekündigt und nicht erst seit der aktuellen Finanzkrise. Es gingen grundlegende Einsichten verloren: Wettbewerb braucht Ordnung. Und ein Geschäftsmodell, das auf dem Grundsatz «Rendite zulasten von Systemstabilität» basiert, taugt langfristig nichts. Das sind alte Wahrheiten. Dafür braucht es keine neuen Lehrbücher.

Ein Aufruf zu mehr Verantwortungsgefühl

Im März 2011 lancierte Marc Chesney gemeinsam mit anderen Wirtschafts-wissenschaftlern einen internationalen Aufruf für eine «Sustainable and Responsible Finance». Darin wird gefordert, dass Forschung und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften, in Finance und Management erneuert werden mit dem Ziel, dem Allgemeinwohl besser zu dienen. Der Aufrufwurde bisher von rund 400 Personen unterzeichnet.

Adrian Ritter ist Redaktor UZH News, Roland Gysin war bis Ende Oktober 2011 Leiter Publishing.

1 Leserkommentar

Fabien Rossetti schrieb am Gibt es einen anderen Kapitalismus? Ich begrüsse den Aufruf von Professor Marc Chesney sehr. Denn während meines Wirtschaftsstudiums an der Universität Zürich kam die Vermittlung einer kritischen Haltung gegenüber der eigenen Disziplin viel zu kurz. Umso mehr plädiere ich, nach all den Ereignissen in den vergangenen Jahren, für ein Umdenken was unsere gesamte Wirtschaft anbelangt. Das Wirtschaftssystem soll wieder geerdet werden, Verantwortung für das Gemeinwohl und gesunder Menschenverstand als oberste Maxime gelten. Nutzen wir unsere ökonomische Ausbildung, um die Zukunft neu mitzugestalten, für ein Wirtschaftssystem 2.0!

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