Edelweiss-Ausstellung im Botanischen Garten

Die Pflanze mit dem Überlebenstrick

Besucher empfängt ein Schweizer Kreuz – gepflanzt aus Edelweiss und roten Verbenen. Doch die Ausstellung «Edelweiss – Mythos & Paradox» im Botanischen Garten der Universität Zürich zeigt ab Samstag, 21. Mai die «Nationalblume» noch in ganz anderem Licht: als vielseitige, intelligente Pflanze von exzellentem Weltruf. 

Alice Werner

Die Schweizer, die Österreicher, die Bayern – sie alle beanspruchen die kleine, weisse, Blume mit den pelzigen Strahlen für sich: als Alpensymbol, Nationalblume, Talisman, Heilkraut. Sie ziert die österreichische Zwei-Cent-Münze und das Fünf-Franken-Stück, dient als Funkrufname der bayerischen Polizeihubschrauber und als Sicherheitslogo im Schweizer Pass. Der Deutsche Alpenverein, Schweiz Tourismus und die Südtiroler Volkspartei nutzen sie zu Werbezwecken, selbst Miraculix rührt das «Almsterndl» in seinen Zaubertrunk als «Asterix bei den Schweizern» weilt. Viel Kult also um eine Pflanze, die in den Alpen lange gar nicht heimisch war.

Leontopodium alpinum: Das Edelweiss besteht aus hundert bis tausend Blüten und den charakteristischen filzigen Hochblättern, die Insekten als Landebahn nutzen. (Bild: PD)

Königin der Alpenblumen?

Das Edelweiss stammt ursprünglich aus Zentralasien, erst nach der letzten Eiszeit ist die filzige Blume aus der Familie der Korbblütler in europäische Bergregionen eingewandert. Gerade einmal zwei Arten sind bei uns bekannt, während im Himalaya und anderen asiatischen Gebirgen bis zu vierzig verschiedene «Bauchwehbleamerl» wachsen.

«Als Schweizer meint man das Edelweiss gut zu kennen», sagt Peter Enz, Leiter des Botanischen Gartens der Universität Zürich und deutet auf das Sammelsurium rings um sich: Historische Postkarten, Taschenmesser, Pflegeprodukte, Anstecknadeln, Schnaps, Servietten, Unterhosen – ein Paradies für einen Sammler von Edelweiss-Kitsch und Antiquarischem. Enz und sein Gartenteam haben diese Schätze zusammen getragen, um sie in einem Holz-Chalet der Öffentlichkeit zu zeigen. Denn die Ausstellung im Botanischen Garten «Edelweiss – Mythos und Paradox», die am 21. Mai 2011 eröffnet wird, stellt die Schweizer Nationalblume in all ihren Facetten und Widersprüchen vor – inklusive ihrem Dienst am Kommerz.

Überleben auf 3140 Meter über Meer

Der Star unter den Bergblumen, verspricht Enz, ist noch für weitere Überraschungen gut. So ist das Edelweiss nicht nur ein zäher Überlebenskünstler, angepasst an extreme klimatische Bedingungen, sondern ein regelrechtes Anti-Aging-Wunderwerk: Es enthält eine hohe Konzentration an Antioxidantien, die freie Radikale neutralisieren. Kein Wunder, dass die Blume mit dem Anti-Knitter-Effekt jüngst von der Kosmetikbranche entdeckt wurde: Einmal gepflückt, behält die «ewige Pflanze», wie sie in der Mongolei heisst, jahrhundertelang Form und Farbe.

Peter Enz, Leiter des Botanischen Gartens der Universität Zürich: «Als Schweizer meint man das Edelweiss gut zu kennen».  (Bild: UZH News)

Auch Physiker zeigen sich vom Edelweiss fasziniert: Wie kann eine Pflanze die starke ultraviolette Strahlung hoch oben auf den Gipfeln unbeschadet überstehen? Der schweizweit höchste Standort auf dem Oberrothhorn bei Zermatt liegt auf immerhin 3140 Meter über Meer. Anders als lange vermutet, schützen nicht die feinen Härchen selbst die Pflanze vor den schädlichen UV-Strahlen. Der weisse Flaum auf der Blüte ist nur einen Viertelmillimeter dick – nicht genug, um die energiereiche Sonnenstrahlung zu absorbieren. Der Überlebenstrick liegt in einem ganz besonderen Mechanismus: Die Strahlen werden so umgeleitet, dass sie der Länge nach durch die Härchen wandern – ein weiter Weg, auf dem die effektive UV-Energie einfach geschluckt wird.

Der intelligente Bauplan der Bergpflanze kommt in Forschung und Industrie gut an: So lassen sich nach dem Edelweiss-Prinzip beispielsweise Oberflächen entwickeln, die nur ein oder zwei Wellenlängen absorbieren – und damit farbig strahlen, ohne gefärbt zu sein.

Eine durch und durch bunte Blume

Bunt ist auch das Plakat zur Ausstellung im Botanischen Garten geworden. Denn das Edelweiss, traditionelles Symbol für Reinheit und Liebe, erscheint uns nur so unschuldig rein, weil die Pflanze das Licht derart reflektiert, dass alle drei Zapfen in der Netzhaut des menschlichen Auges in gleicher Weise und mit ausreichend hoher Intensität gereizt werden. Löst man dagegen ein Edelweiss-Foto mit spezieller Grafiksoftware in seine Pigmentteile auf, werden die Spektralfarben sichtbar.

Ausstellungsplakat: Das «Almsterndl» aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. (Bild: PD)

Das farbenfrohe Plakat, sagt Peter Enz, spiegelt die Vielseitigkeit der weissen Alpenblume wider. Im Botanischen Garten der Universität Zürich präsentieren Schautafeln zu vier verschiedenen Themenkreisen das Edelweiss als Pflanze von exzellentem Weltruf. Von botanischem Know-How über Wissenswertes zu Bedrohung und Domestizierung der geschützten Blume erfahren Besucher viel Neues und Erstaunliches zum Wert als Nutzpflanze und Kulturgut. Dabei begegnen die Ausstellungsmacher dem Schweizer Edelweisskult durchaus ironisch: Seit kurzem gibt es Migros-Papiertaschen zu kaufen, die auf die Ausstellung im Botanischen Garten hinweisen – bedruckt mit 50 Blättern von Pflanzen aus Schweizer Städten und dem Spruch: «Es muss nicht immer ein Edelweiss sein ...»

Die zweisprachige (deutsch/französisch) Ausstellung «Edelweiss – Mythos und Paradox» ist eine Kooperation des Botanischen Gartens der Universität Zürich und dem Conservatoire et Jardin botaniques der Stadt Genf und läuft vom 21. Mai 2011 bis 16. Oktober 2011. Die geglückte Zusammenarbeit der beiden grössten Botanischen Gärten der Schweiz soll in erster Linie der Wissensvermittlung dienen. Beide Gärten bringen daher auch die Lebend- und Herbariumsammlungen in dieser Ausstellung zur Geltung. Das Programmheft kann hierheruntergeladen werden.

Alice Werner ist Redaktorin UZH News.

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