Mercator-Stiftungsprofessur Japanologie

Mehr als Sony, Suzuki und Futon

Dank der Stiftung Mercator Schweiz hat die Universität Zürich erstmals zwei Lehrstühle in Japanologie. Neuer Schwerpunkt sind die Sozialwissenschaften. Die Einführungsveranstaltung in der Aula stand im Zeichen der Umwelt- und Atomkatastrophe in Japan.

Roland Gysin

Japan befindet sich in der «schlimmsten Lage seit dem Zweiten Weltkrieg», sagte Yasushi Fukugawa von der japanischen Botschaft in Bern an der Veranstaltung «Japan Swiss Made» in der Aula der Universität Zürich. Umsomehr zeigte sich Albert Kesseli, Geschäftsführer der Stiftung Mercator Schweiz, vom Umgang der japanischen Bevölkerung mit «den aktuellen Heimsuchungen tief beeindruckt». Er hoffe, dass der neue Lehrstuhl zum Verständnis der japanischen Mentalität beitragen könne.

Podiumsdiskussion «Japan Swiss Made»: Ruf nach Transparenz. (Bild: Cornelia Biotti)

Die Veranstaltung in der Aula der Universität Zürich war ursprünglich als Feier für die neue Mercator-Stiftungsprofessur für sozialwissenschaftliche Japanologie geplant. Lehrstuhlinhaber ist David Chiavacci. Mit der neuen Professur verfügt die Universität neben Christian Steineck, der sich schwerpunktmässig mit der Kultur- und Ideengeschichte Japans beschäftigt, erstmals über zwei Japanologie-Lehrstühle.

Chiavaccis Vortrag über «Die Perzeption Japans in der Schweiz und im Westen – Wandel und Tendenzen» sowie die anschliessende Podiumsdiskussion erhielten durch die Katastrophen in Japan zusätzliche Aktualität.

Vom Reform- zum Problemfall

Chiavacci sprach über den Wahrnehmungswandel des Japanbildes in der Schweiz und im Westen. Japan mutierte in den Augen der westlichen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg erst vom Reformfall zum Vorzeigeland, danach zum wirtschaftlichen Kontrahenten und wurde seit den 1990er-Jahren zunehmend zum Problemfall. Stichworte dazu sind etwa «Überalterung»,  die «starke Verflechtung von Wirtschaft und Politik» oder die «zunehmende Konkurrenz aus Korea und vor allem China».

David Chiavacci, Mercator-Professur für sozialwissenschaftliche Japanologie: Fukushima als Wendepunkt in der Geschichte Japans. (Bild: Cornelia Biotti)

Dennoch: In der Podiumsdiskussion unter der Leitung von NZZ-Redaktor Andreas Breitenstein wurde rasch klar: Das Verhältnis zwischen der Schweiz und Japan ist exzellent.

Nicht zuletzt das Freihandelsabkommen von 2009 verschaffte der Schweizer Pharma- und Chemieindustrie, aber auch Banken und Versicherungen, gegenüber Konkurrenten aus der EU oder den USA Wettbewerbsvorteile auf dem japanischen Markt.

Aus japanischer Sicht ist die Schweiz zwar ein «kleiner Markt», wie Patrick Ziltener, Soziologe und Herausgeber des zweibändigen «Handbuch Schweiz – Japan», ausführte. Doch sind gemäss Yashushi Fukugawa immerhin «rund 150 japanische Firmen» in der Schweiz ansässig.

Mittelschulen gefordert

Sony, Suzuki und Honda gehören schon lang zu unserem Alltag, genauso Sushi und Futon. Besonders bei Schweizer Jugendlichen beliebt sind zudem Teile der japanische Populärkultur – Anime, japanische Trickfilme oder von Mangas, japanische Comics.

Christian Steineck, Professor für Japanologie: Mangas & Co. als Eisbrecher für Beschäftigung mit japanischer Sprache, Geschichte und Kultur. (Bild: Cornelia Biotti)

Diese Bekanntheit gelte es als Chance zu nutzen, sagte Japanologe Christian Steineck. Er wünschte sich vor allem von den Mittelschulen ein grösseres Engagement in der Vermittlung der japanischen Sprache, Kultur und Geschichte. Dank Mangas & Co. müsse man nur auf den fahrenden Zug aufspringen.

Für Patrick Ziltener bezieht die Schweiz ihr Wissen über Japan aus verschiedenen Kanälen. Waren es früher Missionare und Händler sind es heute die Medien, Unternehmer oder Schriftsteller. «Unser Japanbild ist weit davon entfernt, homogen zu sein». Anders das Schweizbild in Japan, dass laut Botschaftsmitarbeiter Fukugawa immer noch sehr vom Heidimythos besetzt ist.

Zum Schluss der Podiumsdiskussion schlug Moderator Breitenstein wieder den Bogen zur aktuellen Krise. Zwar war man sich einig, dass Japan nicht nur die Naturkatastrophe, sondern auch den Atomgau meistern werde. Doch äusserte vor allem Patrick Ziltener Bedenken: Je länger die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau dauerten, desto schwieriger werde es, wieder Tritt zu fassen. «Die wirtschaftliche Konkurrenz in Asien ist tough.»

Forderung nach Transparenz

Für Botschaftsmitarbeiter Fukugawa ist für Japan jetzt definitiv die Zeit gekommen, sich mit der Frage zu beschäftigen, «wie sicher die Atomenergie wirklich ist».

Die Professoren Chiavacci und Steineck wiederum gaben sich überzeugt, dass Fukushima in Japan einiges bewirkt habe. Die Atomkraft in Frage zu stellen, sei mit einem Schlag «gesellschaftsfähig» geworden.

Doch nicht nur das. Es gehe nicht nur um «Technikkritik», sondern vielmehr um eine «Kritik am sozialen System Atomkraft». Die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik seien als ganzes auf dem Prüfstand. Die Forderung nach Transparenz sei so laut wie nie zuvor.

Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

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