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50 Jahre Slavisches Seminar

«Den Blick nach Osten weiten»

Einmal war sogar der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn zu Gast. Das Slavische Seminar der Universität Zürich war von Beginn an ein Tor zum Osten. Am Freitag, 16. September, feiert es seinen 50. Geburtstag. Dazu gibt es eine Festschrift und Ende September eine internationale Konferenz zum Thema «Kommunismus autobiographisch». 
Roland Gysin

Seit 22 Jahren ist die Mauer Geschichte, und seither ist auch die Slavistik kein exotisches Fach mehr. Die slavischen Sprachen sind definitiv im Westen Europas angekommen – auch an der Universität Zürich. Heute forschen und lehren hier zwei Professoren und eine Professorin. Zusammen mit Assistierenden und Lehrbeauftragten betreuen sie fast 300 Studierende. Welch ein Unterschied zu den Anfängen im Jahr 1961, als Peter Brang, neuberufener Extraordinarius für Slavische Philologie, im Dachstock des Hauptgebäudes der Universität ein paar wenige Studierende unterrichtete.

Flyer zum 50-Jahr-Jubiläum des Slavischen Seminars.

Wie es damals war und was in der Zwischenzeit alles passiert ist, ist nun nachzulesen im neu erschienenen Jubiläumsband «Den Blick nach Osten weiten. Fünfzig Jahre Slavisches Seminar der Universität Zürich (1961–2011)».

Vom Staatsschutz beobachtet

Gleich zu Beginn des gut 200-seitigen Buches schreiben die Herausgeber Peter Brang, German Ritz, Sylvia Sasse und Daniel Weiss von der «Normalisierung des Fachs». Seit 1989 seien viele – wenn auch nicht alle – Archive aufgegangen. Aus dem Osten kamen Migranten, Touristen und Magnaten nach Zürich und der Austausch von Studierenden und Dozierenden gehört heute zum Alltag. Das war nicht immer so. 1967 etwa wollte der Schweizer Staatsschutz von einer ausländischen Doktorandin wissen, warum ihre Schüler Russisch lernten und welche politischen Ansichten sie hätten.

Lange Jahre blieben die Schweizer praktisch unter sich. Erst im Wintersemester 1968/69 kamen einige Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei dazu. Heute haben mehr als die Hälfte der Studierenden am Seminar über die Familie einen slavischen Hintergrund.

Pragmatische Studierende

Und auch die Motivation der Nichtslaven, eine slavische Sprache zu lernen, hat sich im Lauf der Jahre geändert. Kaum jemand wählt dieses Fach heute aus «romantischen» oder «ideellen Gründen» mehr, sondern primär aus praktischem Interesse, wie Wladimir Bitter weiss, der seit 32 Jahren Russisch unterrichtet.

Früher gab es viele Studenten mit ungewöhnlichen Hobbies. Sie sammelten zum Beispiel sowjetische Militäruniformen, leere Wodkaflaschen oder Schilder mit skurrilen Texten in kyrillischer Schrift: «Der Kassier hört schlecht. Sprechen Sie bitte so laut wie möglich» oder «Treten Sie in die Wechselstelle ein, auch wenn Sie zu zweit sind». Tempi passati. «Jetzt», sagt Wladimir Bitter, «lernen die Studierenden Russisch, um Lehrer, Übersetzer, Diplomat, Reiseführer oder Geschäftsmann zu werden.»

Reise in die eigene Vergangenheit

Die Festschrift zum 50. Geburtstag enthält neben Geschichten zum Seminar und zum Fach auch eine Reihe leicht und locker erzählter Selbstporträts von Absolventen und Professoren. Zum Beispiel von Sylvia Sasse, seit 2009 Professorin für Slavische Literaturwissenschaft. Aufgewachsen in der DDR, erhielt sie 1989 ein dreitägiges Auslandsvisum, um ihre «Westtante» in Konstanz zu besuchen. Sie blieb und erlebte den Mauerfall einige Wochen später jenseits des «sozialistischen Schutzwalles».

Die DDR, inklusive Pflichtübungen in russischer Grammatik und Literatur, hatte ihre Begeisterung für das Slavische nicht trüben können. Die Begegnung mit Russland und mit anderen osteuropäischen Ländern hätten nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes ein neues, ganz anderes Flair erhalten. Sasse: «Ich fuhr gewissermassen als Ethnologin dorthin und machte Selbst- und Fremdbeobachtungen. Und meist handelte es sich um eine Reise in die eigene Vergangenheit.»

Brücken bauen

Wenig bekannt ist, dass der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn (1918–2008) dem Slavischen Seminar einen Besuch abstattete. Auf Einladung von Peter Brang hielt Solschenizyn am 20. Februar 1975 vor sechzig Studierenden einen Vortrag, der heute unter dem Titel «Gespräch mit Slavistik-Studenten an der Universität Zürich» in der Werkausgabe verzeichnet ist.

Genauso überraschend: Die berufliche Karriere der slowenisch-ungarisch-slowakischen Schriftstellerin und Übersetzerin Ilma Rakusa nahm am Slavischen Seminar der Universität Zürich ihren Anfang. In den Siebzigerjahren war sie Assistentin am Lehrstuhl für Sprach- und Literaturwissenschaft. Heute ist sie Lehrbeauftragte für südslawische und russische Literatur und froh, dass sie ihren «Drang nach Osten beruflich fruchtbar machen konnte».

Als Kleinkind 1951 in die Schweiz gekommen, bezeichnet sich Rakusa im ausführlichen Gespräch mit Sylvia Sasse über osteuropäische Literatur als «Brückenbauerin zwischen Ost und West». Als Staatenlose konnte sie lange Jahre nicht reisen. Als sie endlich in den Besitz des Schweizer Passes gekommen war, fuhr sie sofort nach Prag. Und danach gab es für sie «kein Halten mehr».