Soziologie des Konsums

Abends beim Viertele oder vor einer guten Bouteille

Eine gute Flasche Wein ist nach wie vor ein kulturelles Prestigeobjekt und subtiles Statussymbol. Dies zeigt eine Studie über die Gewohnheiten und Prioritäten von Weintrinkern.  

Marita Fuchs1 Kommentar

Im traditionell biertrinkenden Deutschland wird viel Wein getrunken. 2009 waren es 20 Millionen Hektoliter; damit steht Deutschland an vierter Stelle nach Frankreich, Italien und den USA. Die Schweiz ist auf Platz 15. Darüber, wie der Wein getrunken wird, weiss man bisher wenig. Stehen in deutschen Wohnzimmerschränken mehrere Gläsersets für Rot- und Weissweine und liegt in der Schublade neben dem Korkenzieher ein Kellnermesser?

Weintrinker: Wie wird Genuss zelebriert? (Bild: iStockphoto)

Wer nun zu welcher Weinflasche greift und wie er seinen Genuss zelebriert, wollte Simone Pape, Assistentin am Soziologischen Institut der Universität Zürich, genau wissen. In ihrem Projekt, das sie in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln durchführte, hat sie den Weinkonsum in vier deutschen Städten unter die Lupe genommen. Zwei in traditionellen Weinanbaugebieten, Wiesbaden und Mainz, und zwei in Städten ausserhalb von Weinregionen: Köln und Hamburg.

Schichtgeprägter Genuss?

Früher hing der Konsum von Alkohol stark von der sozialen Schicht ab: Arbeiter tranken Bier und Bürgerliche Wein. Zu vermuten wäre, dass sich in der heutigen, individualisierten Gesellschaft der Genuss von Alkohol nach persönlichen Prioritäten ausrichtet. Genaue Untersuchungen dazu gab es bisher nicht.

Pape führte eine repräsentative Studie mit 1000 Teilnehmenden durch. Die befragten Männer und Frauen waren über 18 Jahre alt und hatten einen deutschen Pass. Erfasst wurden Variablen wie Geschlecht, Einkommen, Bildung, Alter, Wohnort. Gefragt hat Pape auch nach der Trinkhäufigkeit, den bevorzugten Weinen, deren regionaler Herkunft und der Rebsorte. 80 Prozent der Befragten gaben an, Wein zu trinken. Hier reicht die Skala von einem Glas ab und zu bis zu jedem Tag. 20 Prozent tranken keinen Wein.

Zusätzlich erfasste Pape in ihrer Untersuchung Merkmale, die den Lebensstil und das sogenannte kulturelle Kapital der Befragten zum Ausdruck bringen: Bildungsstand des Elternhauses, Freizeitverhalten und Interessen wie zum Beispiel die Lektürehäufigkeit von Büchern und überregionalen Zeitungen.

Simone Pape: «Regelmässige Weintrinker sind gebildet und verdienen gut.» (Bild: Marita Fuchs)

Regionale Unterschiede gering

«Regelmässige Weintrinker sind gebildet, verdienen gut und leben auch so», bilanziert Pape. «Bei weniger Gebildeten und gering verdienenden Personen spielt Wein in der Regel keine nennenswerte Rolle.» Überraschenderweise gilt das auch für Städte in traditionellen Weinbauregionen wie Mainz und Wiesbaden. Die Hamburger sind am wenigsten weinaffin, zeigen sich jedoch weltoffen und trinken im Vergleich zu den Befragten aus den anderen Städten gerne Neue-Welt-Weine. Insgesamt ist der Unterschied zwischen den Städten jedoch nicht gravierend. «In stärkerem Masse als die Wohnregion begünstigt ein gehobener Lebensstil die Wahrscheinlichkeit, dass Wein getrunken wird.»

Eine Weinsozialisation

«Es gibt so etwas wie eine Weinsozialisation», sagt Pape. «Die Leute erschliessen sich das Produkt über die Zeit, durch eigene Erfahrung, aber auch durch die Lektüre von Weinempfehlungen oder den Ratschlag der Weinhändler.» Unter den Weintrinkern sind es die älteren, die vermehrt zu deutschen Weinen greifen, während die Jüngeren vergleichsweise offen für ausländische Weine sind, gerade auch für Weine aus der neuen Welt. Französischer Wein liegt in der Mitte und wird in der Regel von Personen gekauft, die auch ein gutes Weinequipment besitzen.

Prestige und kultureller Status

«Im Genuss französischer Weine steckt ein hohes Distinktionspotenzial; diese Weintrinker setzen sich von den anderen durch ihren Habitus ab, ohne zwingend reich zu sein», sagt Pape. In der Regel seien diese Personen gebildet und kulturell engagiert. Zum Teil haben sie von klein auf im Elternhaus von unterschiedlichen Rebsorten und unterschiedlichen Lagen gehört. «Frankreichs Weinwelt ist komplex. Wer sich hier wirklich auskennen will, muss viel Erfahrung sammeln.»

Doch auch über das Trinken von Wein aus der Neuen Welt kann man sich distinguieren. Hierbei ist jedoch nicht Bildung und das Kulturkapital wichtig, vielmehr leisten sich finanziell gut situierte Personen besonders oft Neue-Welt-Weine. «Es ist leichter, sich in diese <Weinwelt> einzuarbeiten», sagt Pape. «Bei argentinischem Wein beispielsweise gibt es nur wenige sehr prestigeträchtige Weingüter, die man kennen sollte, um mitzureden. In Frankreich sind es weit mehr.»

Frauen trinken in Gesellschaft

Männer gaben an, häufiger eine Flasche Wein für sich allein zu öffnen, während Frauen in der Regel Wein in Gesellschaft trinken. Es sind ebenfalls die Männer, die häufiger und mehr Wein trinken, sich aber auch mehr mit Wein beschäftigen, indem sie darüber lesen oder sich im Fachhandel beraten lassen.

Unter dem Strich bleibt die Erkenntnis, dass das Selbstbild vieler Weintrinker als individuelle Geniesser nicht stimmt: Weintrinker sind schichtgeprägt.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

1 Leserkommentar

Bertrand Zwingli schrieb am Und was ist mit den Trinkgewohnheiten in der Schweiz? Eine Studie, mitverfasst von einer Deutschen an der Universität Zürich (Zürich ist übrigens eine Schweizer Stadt - zur Erinnerung an diejenigen, welche das ob der vielen Migrantinnen und Migranten aus dem hohen Norden vergessen haben), welche sich mit den Trinkgewohnheiten in - Überraschung! - Deutschland befasst. Was interessiert mich Deutschland als Schweizer Steuerzahler? Dies ist doch wieder einmal typisch. Soll mir noch jemand sagen, es hätte keine negativen Auswirkungen, wenn der Mittel- und Oberbau an der UZH zunehmend nur noch aus Deutschen besteht. Dann werden halt eben Studien gemacht, welche für Deutsche relevanter sind als für Schweizer. Getragen wird die Uni Zürich hingegen hauptsächlich von Schweizer Steuerzahlern (auch dieskann sich ändern, Migration sei Dank). Und falls dieser qualifizierte, sachliche und legitime Kommentar hier nicht publiziert werden sollte, disqualifiziert sich die UZH gleich nochmals. Lang lebe der Filz.

Kommentar schreiben

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

Anzahl verbleibender Zeichen: 1000