Frauenbewegungen in Iran

Unbeugsame Hoffnung auf Gleichstellung

In Iran gibt es seit je Frauen, die sich für gleiche Rechte einsetzen, je nach Regime mit mehr oder weniger Erfolg. Unter dem derzeitigen Präsidenten Mahmud Ahmadinejad wird die Arbeit der Frauenbewegung zunehmend behindert.

Farida Stickel

Als Mahmud Ahmadinejad 2009 als Präsident des Irans wiedergewählt wurde, nahmen an den Protesten gegen den offensichtlichen Wahlbetrug auch viele Frauen teil. Die Frauenbewegung erreichte in diesen Wochen in Iran gar eine neue Dimension.

Als Antwort auf die reaktionäre Politik Ahmadinejads, engagieren sich bis heute verstärkt Frauen in der iranischen Reformbewegung. (Bild: iStock)

Aktive Mitstreiterinnen seit der Islamischen Revolution

Bereits während der Islamischen Revolution von 1978/79 waren Frauen aktive Mitstreiterinnen gewesen. Sie erhofften sich damals, nach der Herrschaft des Schahs von Persien, von einem neuen Regime mehr Chancen und Rechte.

Die Entwicklung im nachrevolutionären Iran war dann aber zwiespältig. Einerseits entstand ein aktiver Diskurs über die Stellung der Frauen in der Gesellschaft. Diese Entwicklung in Iran stiess wiederum Gender-Diskussionen in anderen islamischen Gesellschaften an. Andererseits wurden bestehende patriarchale Strukturen in der Islamischen Republik ideologisch und religiös untermauert und ein traditionelles Frauenbild propagiert.

Eingeschränkte Teilnahme am öffentlichen Leben

So erliess die Regierung unter Ayatollah Khomeini nach 1979 religiös begründete Gesetze zur Einschränkung der Teilnahme von Frauen am öffentlichen Leben. Das Mindestheiratsalter für Mädchen wurde herabgesetzt und die Zeitehe, von Gegnern als Begünstigung der Prostitution angesehen, erlaubt. Das Familien-, Scheidungs- und Erbrecht wurde zu Ungunsten der Frau verändert.

Schleierpflicht und Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum waren ein Versuch, Frauen zu marginalisieren. Gleichzeitig förderten sie aber auch deren Autonomie und Emanzipation: Auch in konservativen Kreisen war es unter den neuen Umständen für Mädchen «moralisch vertretbar», Schulen zu besuchen und zu arbeiten. Die Alphabetisierungsrate von Frauen in Iran liegt heute bei über siebzig Prozent, rund zwei Drittel der Studierenden sind weiblich. Allerdings fehlen entsprechende Angebote für Frauen auf dem Arbeitsmarkt – die Hälfte der Hochschulabsolventinnen ist arbeitslos.

Gleiche Forderungen, unterschiedliche Argumente

Während des Krieges zwischen Iran und Irak (1980–88) nahmen Frauen eine aktive Rolle in der Arbeitswelt ein. Diskussionen über die Frauenfrage gewannen an Bedeutung. Säkulare Frauenbewegungen, die sich als Teil eines weltweiten Feminismus verstanden, etablierten sich.

Zugleich begannen gebildete Frauen in Iran, eine frauenzentrierte Neuinterpretation islamischer Lehren und Texte einzufordern. Sie verlangten eine zeitgemässe, nicht vom patriarchalen Gewohnheitsrecht bestimmte Auslegung des Korans. Vor allem sollten Frauen auch am theologisch-juristischen Diskurs teilnehmen können. Ausserdem forderten sie eine Reform der Gesetzgebung, ohne jedoch das System der Islamischen Republik Iran selbst in Frage zu stellen.

Die Forderungen des islamischen Feminismus und des säkularen Feminismus überschneiden sich, auch wenn die Argumentation unterschiedlich ist, und es findet ein aktiver Austausch zwischen den unterschiedlichen feministischen Strömungen statt.

Frauenforschung unter Khatami

Ab 1997 wehte unter dem reformorientierten Präsidenten Khatami zunächst ein neuer Wind, Veränderungen waren möglich. An der Universität Teheran wurde gar ein Zentrum für Frauenstudien gegründet. Einige Jahre später wurden an vielen Universitäten Gender- und Frauenforschung eingeführt. Trotz Khatamis Bedeutung für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft in Iran blieben die Hoffnungen der Frauen auf mehr Rechte jedoch unerfüllt.

Behinderte Frauenrechte unter Ahmadinejad

Unter Präsident Ahmadinejad wird der Kampf für mehr Frauenrechte behindert: Die 2006 ins Leben gerufene Kampagne «Eine Million Unterschriften zur Änderung von diskriminierenden Gesetzen», unter Beteiligung der Anwältin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, kam faktisch zum Stillstand.

Ziel der Kampagne ist es, ins iranische Parlament einen Antrag auf Gesetzesänderung einzubringen, um die Benachteiligung von Frauen abzuschaffen. Im Gesetz sieht Shirin Ebadi die Hauptursache für die Diskriminierung der Frauen in Iran: Frauen werden beim Erbrecht benachteiligt, können nur unter erschwerten Bedingungen vor Gericht die Scheidung fordern, und das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder liegt beim Mann.

Einen Erfolg konnten die Frauenrechtlerinnen in jüngster Zeit verbuchen, als sie durch massive Proteste eine Gesetzesvorlage blockierten, die es dem Mann erlaubt hätte, ohne Einverständnis und Wissen seiner Ehefrau eine weitere Frau zu heiraten.

Wenige Erfolge, viele Rückschläge

2008 schloss die Regierung die Zeitschrift «Zanan» («Frauen»), die 1992 als Sprachrohr des islamischen Feminismus gegründet und auch ausserhalb des Irans bei Debatten über Frauen und Gleichberechtigung rege rezipiert wurde. Die Zeitschrift etablierte sich als Forum, in dem sich sowohl religiös als auch weltlich argumentierende Frauenrechtlerinnen äussern und austauschen konnten.

In den letzten Jahren wurden zudem die Kleidervorschriften durch eine ausgeweitete Sittenpolizei rigider überwacht, und es wurde der Versuch unternommen, Frauen mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben zu verbannen.

Während der Proteste von 2009 wurden auch viele Frauenaktivistinnen verhaftet – mit dem Vorwurf, eine Bedrohung für die nationale Sicherheit oder von westlichen Staaten gesteuert zu sein. All dies konnte jedoch nicht alle kritischen Geister zum Verstummen bringen. Gerade im Internet kann sich die Frauenbewegung des Irans weiter artikulieren, allerdings auch dort mit Einschränkungen.

Farida Stickel ist wissenschaftliche Assistentin am
Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich.

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