Internationaler Suizidtag

Prävention statt Postvention

Der 10. September wurde von der WHO zum Welttag der Suizidprävention ernannt. Das war Anlass für eine gemeinsame Tagung von UZH und ETH zum Thema «Krise und Suizid». Eine Arbeitsgruppe überlegt sich Präventionsmassnahmen an den Hochschulen.

Alice Werner

Das Lied, mit dem Franziska Greuter vom Studierendenrat der Universität Zürich ihren Erfahrungsbericht beginnt, will nicht so recht zu diesem schönen Sommertag passen: «Schutzängel» der Band «Plüsch» ist eine traurige Ballade über Abschied und Schmerz, über Betroffenheit und Fassungslosigkeit angesichts eines viel zu frühen Todes. Bedrückend still ist es im Hörsaal, als Greuter schliesslich von ihrer Freundin Anna erzählt, einer jungen Frau, die sich überraschend das Leben nahm – zu einem Zeitpunkt, an dem die bedrohliche Krise glücklich überwunden schien.

Thema, das unter den Tisch fällt

«Über Suizid zu sprechen, wiegt schwer», eröffnet Ulrich Frischknecht, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Studierende, die Tagung. Rund fünfzig Vertreter von UZH und ETH – Dozenten, Studienberater, administrative Kräfte und Mitglieder von studentischen Fachvereinen – haben sich eingefunden, um konstruktiv über ein Thema zu diskutieren, das im universitären Umfeld gern unter den Tisch fällt: Suizid unter Studierenden.

Wie erreicht man junge Menschen in Not?

Während die Zahl der Selbsttötungen in den vergangenen fünfzehn Jahren in Europa insgesamt zurückgegangen ist, steigt sie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kontinuierlich an. Bei Männern bis fünfundzwanzig Jahren ist Suizid mittlerweile die zweithäufigste Todesursache. Zwei bis drei Fälle im Jahr werden der Psychologischen Beratungsstelle gemeldet, doch die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Während die Zahl der Selbsttötungen in den vergangenen fünfzehn Jahren in Europa insgesamt zurückgegangen ist, steigt sie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kontinuierlich an.
Die Lehranstalten, so Frischknecht, seien dringend in der Pflicht, präventive Strukturen zu schaffen, um verantwortungsbewusst und proaktiv für die psychische Gesundheit ihrer Studierenden zu sorgen. Doch wie erreicht man junge Menschen in Not, denen in Krisen mitunter die Fähigkeit verloren geht, für sich professionelle Hilfe zu organisieren?

Ansprechen und zuhören

Was sich an vielen Colleges in den USA erfolgreich etabliert hat, soll nun auch in Zürich ins Leben gerufen werden: ein universitäres Netzwerk aus «kompetenten Beobachtern», die Krisen frühzeitig erkennen und adäquat reagieren können. «Gerade bei Studierenden sind Gespräche sehr hilfreich, Wege aus der inneren Sackgasse zu finden», erklärt Suizidforscher Vladeta Ajdacic-Gross von der psychiatrischen Universitätsklinik. Denn anders als bei älteren Erwachsenen, die meist eine Art Bilanz-Selbstmord vollziehen, ist bei jungen Menschen immer wieder eine akute, als ausweglos erlebte Situation für den Todeswunsch verantwortlich – etwa das Scheitern im Studium, eine Trennung oder ein depressiver Zusammenbruch.

Hilfe von aussen

«Angehörige oder Freunde», sagt Frischknecht, «sind unter diesen Umständen nur selten die richtigen Partner.» Denn durch emotionale Nähe reduziert sich die Handlungsfähigkeit. Viele Helfer fühlen sich deshalb von der Situation auch überfordert. In Freundes-Cliquen bilden sich oft soziale Subsysteme, deren Mitglieder alle unter grossen psychischen Druck geraten. «Empathische, aber emotional weniger beteiligte Bezugspersonen dagegen, etwa ein Supervisor oder eine Sekretärin, die einen Studenten über einen längeren Zeitraum betreuen, beurteilen die Situation von aussen differenzierter.»

Wie sich der Netzwerkgedanke des Projekts effektiv in die Praxis umsetzen lässt, prüft gegenwärtig eine gemeinsame Arbeitsgruppe von UZH- und ETH-Angehörigen. Nicht nur Studierenden, sondern auch Mitgliedern des Lehrkörpers soll dieses Netzwerk Unterstützung bieten. Denn «der Anstoss für dieses Vorhaben», so Frischknecht, «entstand auch aus der Tatsache heraus, dass Dozenten in gewissen Fällen die Befürchtung hatten, eine schlechte Nachricht könnte zu einem Drama führen.»

Was tun bei suizidgefährdeten Personen? Sich Zeit nehmen und das Gespräch suchen, offene Fragen stellen und ruhig zuhören. Unterstützung anbieten und konkrete Pläne zur Hilfe entwickeln, zum Beispiel den Kontakt zu einem Arzt, Psychologen oder Psychotherapeuten organisieren. Bei akuter Suizidgefahr den Betroffenen in eine psychiatrische Notfallambulanz begleiten oder die Sanität rufen. Als vertrauensvoller Ansprechpartner weiterhin präsent bleiben. Für die meisten Betroffenen ist es entlastend, in einem vertrauensvollen Gespräch über die eigenen Suizidgedanken sprechen zu können. Dabei sollten helfende Personen die eigenen Belastungsgrenzen reflektieren und möglichst psychologische Fachpersonen einbeziehen. Dr. med. David Briner, Leiter Psychiatrisch-Psychologischer Dienst (PPD), Stv. Chefarzt Stadtärztlicher Dienst

Alice Werner ist Journalistin.

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