Philosophie und Öffentlichkeit

«Platon für Maschinenbauer»

Die Philosophie hat bisweilen den Ruf, die Elfenbeinturm-Wissenschaft schlechthin zu sein. Völlig falsch, konterten zwei Philosophen und eine Philosophin an einem Podium. Das Fach mischt sich in die Gesellschaft ein – zu Recht.

Adrian Ritter

Soll noch jemand sagen, die Philosophie sei weltfremd: Zwar fand das Podium «Wieviel Elfenbeinturm darf sein?» am Abend des ersten Fussball-WM-Spiels statt, die Besucherinnen und Besucher wurden aber sogleich informiert, dass sich Südafrika und Mexiko im kurz zuvor beendeten Spiel 1:1 getrennt hatten. Alltagsbezogener geht’s nicht.

Platz für Fragen: Philosophie von grossem Nutzen für die Reflexion wissenschaftlichen Tuns. (Bild: iStockphoto/Franck Boston)

Die universitäre Peer-Mentoring-Gruppe «Philosophische Kehrseiten» hatte die Philosophen Hans-Johann Glock, Elif Özmen und Michael Hampe eingeladen, um über ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu berichten. Die Gäste betonten, dass die Philosophie ihre Themen oft aus dem Alltag der Menschen beziehe.

Aus dem Alltag und zurück

Glock beschäftigt sich als Professor für Philosophie an der Universität Zürich etwa mit der Frage, ob Tiere denken und Schmerzen empfinden können. Hampe diskutiert an der ETH Zürich als Professor für Philosophie zum Beispiel mit angehenden Maschineningenieuren, inwiefern Technologien dazu beitragen können, gesellschaftliche Probleme zu lösen.

Gerade für nichtphilosophische Akademiker sei die Philosophie von grossem Nutzen, um das eigene wissenschaftliche Tun zu reflektieren, waren sich die Podiumsteilnehmenden einig.

Eine Philosophie im Elfenbeinturm sei nur insofern sinnvoll, als Abgeschiedenheit und Freiheit für die Reflexion nötig seien, so Elif Özmen, Privatdozentin für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München: «Danach gilt es aber, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.»

Schon Sokrates habe die Menschen auf den Marktplätzen mit seinen Betrachtungen genervt. Philosophen wie Rousseau oder Kant seien ohnehin im öffentlichen Diskurs stark wahrgenommen worden. Insofern habe das Zerrbild der weltabgewandten Philosophie noch nie zugetroffen.

Philosophie im Gespräch: Elif Oezmen, Hans-Johann Glock und Michael Hampe (von links). (Bild: Adrian Ritter)

Die Philosophie soll nicht müssen

Glock wehrte sich allerdings gegen den Anspruch, die Philosophie müsse immer nützlich und anwendungsorientiert sein. Das «Streben nach Verstehen» sei ein Wert an sich.

Was aber, wenn die Öffentlichkeit, etwa die Medien, die Philosophie nach ihrer Meinung fragt? Können Philosophen als Experten auftreten?

Die Philosophie verfüge zwar nicht über «Wahrheiten», aber über Fähigkeiten wie ein Gespür für logische und methodische Fragen, so Glock. Hampe und Özmen stimmten zu, dass Philosophinnen und Philosophen aufgrund ihrer Ausbildung und Erfahrung eine erhöhte Reflexionsfähigkeit in öffentliche Diskussionen einbringen können.

Experten aber könne es nur da geben, wo eine etablierte Meinung in einem wissenschaftlichen Fach existiert, sagte Hampe. In der Philosophie gebe es zu keiner einzigen Fragestellung eine einheitliche Meinung. Somit gebe es auch keine philosophischen Experten. Hampe sieht Philosophen eher als Intellektuelle, die eine begründete Meinung vertreten und dabei ihren Standpunkt explizit darlegen müssen.

Redlichkeit bewahren

Dies scheint nicht immer der Fall zu sein. So berichtete Özmen von Ethikkommissionen, in denen Philosophen den Utilitarismus als Standardmeinung darzustellen versuchten. Redlich sein und sich von Polemik fernhalten, forderte Özmen.

Genau darin scheint die Chance der Philosophie zu liegen. Glock erinnerte sich an die westdeutsche Friedensbewegung der 1970er Jahre. Schon damals war er überzeugt, dass gewisse philosophische Denker erhellender sein können als ideologische Parolen. Die Philosophie sei hilfreich, indem sie sich denselben Fragen wie Religion und Ideologie widmet, diese Aufgabe aber «um einiges besser» löse, weil sie nicht mit vorgefertigten, moralischen Vorstellungen antworte.

Workshops für Nachwuchskräfte Vor der Podiumsdiskussion hatte die Peer-Mentoring-Gruppe «Theoretische und Praktische Philosophie»zwei Workshops für Nachwuchskräfte der Philosophie an der Universität Zürich organisiert. Katia Saporiti, Professorin für Philosophie an der UZH und Forschungsrätin beim Schweizerischen Nationalfonds, informierte über Förderungsmittel des SNF im Bereich der Geisteswissenschaften.

  • Projektförderung: Der Antragssteller muss über eine Anstellung an einer Schweizer Universität verfügen. In der Regel ist dies der Professor, der für die Realisierung des Projekts eine oder mehrere Doktorandenstellen beantragt.
  • Summer schools: Wer an einer Summer school teilnimmt, kann nach der Anmeldung einen Antrag auf Finanzierung stellen.
  • Graduiertenkursen: Für die Organisation und Durchführung von Graduiertenkursen kann ein Betrag bis 25'000 Franken beantragt werden.
  • Publikation: Für die Publikation der Dissertation oder anderer Buchprojekte kann ein Zuschuss angefordert werden. Dies führt zu einem tieferen Buchpreis, was vorteilhaft ist für den Verkauf des Buchs. 
  • Zur Personenförderung des SNF gehören Doktoratsprogramme, Stipendien für Forschungsaufenthalte im Ausland, das Marie Heim-Vögtlin-Programm (für Frauen), Ambizione (Postdoc-Projekte) sowie Förderprofessuren.
  • Hans-Johann Glock, Professor für Philosophie an der Universität Zürich, sprach über erfolgversprechende Publikationsstrategien.
  • Wann publizieren? So früh wie möglich, aber auf jeden Fall vor Abschluss der Dissertation.
  • Was publizieren? Themen, die sich im Rahmen der Dissertation ergeben. Im Idealfall können verschiedene Kapitel der Dissertation je einzeln für einen Artikel genutzt werden.
  • Wo publizieren? Die peer reviewed journals zählen am meisten. Idealerweise wählt man eine Zeitschrift mit sogenanntem double blind review (Verfasser/in und Rezensent/in sind einander unbekannt).
  • Wie publizieren? «Stop and go» vermeiden. Die Arbeit am Text nicht stets unterbrechen. Entwürfe in einem angemessenen Stadium mit Fachpersonen besprechen.
  • Faustregel: (Nur) lesen ist ein Anfängerfehler. Ein Tag, an dem nichts geschrieben wurde, ist ein verlorener Tag. Zusammengestellt von Natalie Pieper (Peer-Mentoring-Gruppe «Philosophische Kehrseiten»)

    Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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