Musikethnologie

Orientalischer Musenkuss

Der Orient war im 19. Jahrhundert in Europa en vogue. Während sich Komponisten am Schreibtisch ihr eigenes Morgenland imaginierten, ergründeten Forscher vor Ort die Geheimnisse der arabischen Musik. Sie trafen auf Töne und Känge, die viel reichhaltiger waren als alles, was sie bis anhin gehört hatten.

Roger Nickl

Die arabische Welt beschäftigt die Europäer nicht erst seit heute. Auch im 19. Jahrhundert schlug der Orient Künstler und Wissenschaftler in seinen Bann – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. «Der Orient war eine Gegenwelt für vieles, was in der Zwangsjacke der europäischen Kultur keinen Platz hatte», sagt Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen, «er bot eine Projektionsfläche für beliebig formbare Utopien.»

Ruf des Muezzins zum Gebet, Illustration Wilhelm Gentz, 1878: ein eigenständiges Ton- und Klanguniversum. (Bild: wikimedia commons/TIMEA)

Auslöser für die Orientbegeisterung in Deutschland waren literarische Werke. Etwa Goethes «Westöstlicher Divan» (1819) oder die Lyrik des Dichters, Übersetzers und Orientalistik-Professors Friedrich Rückert. Nicht selten wurde in diesen Texten das Bild eines Morgenlandes heraufbeschworen, in dem erotische Freizügigkeit, Kneipenbesuche und ausschweifender Alkoholgenuss an der Tagesordnung waren. Mit der Realität der arabischen Welt hatte das wenig zu tun, viel aber mit den Sehnsüchten der Europäer.

Vom Orientfieber liessen sich auch Komponisten anstecken. Franz Schubert und Robert Schumann etwa vertonten orientalisch inspirierte Gedichte von Goethe und Rückert. Auf die Tonsprache hat sich das aber kaum niedergeschlagen. «Sie verwendeten weder exotische Tonleitern noch fremdartige Akkorde», sagt Hans-Joachim Hinrichsen.

Verwirrender Gebetsruf

Ganz anders war dies im Fall des französischen Komponisten Félicien David, der als einer der Schöpfer des musikalischen Exotismus gilt. David machte sich 1833 in den Nahen Osten auf. Er besuchte zuerst Istanbul, Jaffa und Jerusalem. Danach reiste er nach Ägypten weiter. Von seiner Reise in die ihm fremde Welt der Töne und Klänge brachte er einen Koffer voll musikalischer Ideen mit, die er in der symphonischen Ode «Le désert» verarbeitete.

«Le désert» ist ein typisch europäisches Werk, das aber eine Fülle vom Orient inspirierter Melodien und Rhythmen enthält. Die Uraufführung des Werkes 1844 war ein phänomenaler Erfolg und gab dem Schaffen des Komponisten neuen Auftrieb.

Negative Reaktionen des Publikums löste einzig der von einem Solotenor vorgetragene Gebetsruf eines Muezzins aus, den David im letzten Teil seines Werkes vertonte. Für damalige Ohren muss die von Halbtonschritten geprägte Melodielinie äusserst verwirrend geklungen haben. Vielleicht konnte sie gerade deshalb die Fremdheit des Orients im Konzertsaal heraufbeschwören.

Eigenständiges Ton- und Klanguniversum

Obwohl Félicien Davids Vertonung eines islamischen Gebetsrufs für Konzertbesucher im 19. Jahrhundert irritierend gewesen sein mag – seine Komposition bewegte sich ganz im europäischen Tonsystem. Von einer realistischen Nachahmung eines Muezzinrufs – das kann man heute auf Grund von Tonaufnahmen beurteilen – war er meilenweit entfernt.

Dies kommt nicht von ungefähr, denn die europäische und die arabische Musik sind zwei eigenständige Ton- und Klanguniversen. Orientalische Musik verwendet im Gegensatz zur europäischen auch Mikrotöne – Intervalle, die kleiner sind als ein Halbton – und verfügt deshalb über ein viel reicheres Tonmaterial. Sie ist meist einstimmig, komplizierte harmonische Bewegungen europäischen Zuschnitts kennt sie nicht.

«Wollten Europäer in einer Zeit, in der es noch keine Aufnahmegeräte gab, arabische Musik festhalten, mussten sie sie aufschreiben», sagt Hans-Joachim Hinrichsen, «das bedeutete aber auch, sie mussten sie in das europäische Notationssystem zwängen.» Dadurch wurde die Musik notwendigerweise deformiert. Es wurden ihr europäische Konventionen und Hörgewohnheiten aufgedrängt, wie Félicien Davids komponierter Muezzinruf belegt.

Arabische Musik nicht adäquat erfasst

Mit solchen Übersetzungs- und Notationsschwierigkeiten kämpften nicht nur die wenigen Komponisten der Zeit, die sich konkret mit der arabischen Musik auseinandersetzten. Sie beschäftigte auch Forscher, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend für das Musikschaffen im Orient begeisterten.

Als erste ausführliche Quelle zur Musik der Araber galt im 19. Jahrhundert eine Abhandlung des Franzosen Guillaume-André Villoteau, die im 14. Band der «Description de l’Egypte (état moderne)» publiziert wurde. Villoteau gehörte zu einem Tross von Wissenschaftlern, der Napoleon zwischen 1798 und 1801 auf seinem Ägypten-Feldzug begleitete, um Land und Sitten zu beschreiben und zu erforschen.

Villoteau war von den kunstvollen Gebetsrufen der Muezzins fasziniert und versuchte sie auf Papier zu bannen. Dabei versah er die der westlichen Musik fremden Mikrotöne mit speziellen Zusatzzeichen. «Aber auch wenn sich die Wissenschaftler damals um Objektivität bemühten, konnten sie die arabische Musik nicht adäquat erfassen», betont Hans-Joachim Hinrichsen, «das führte teilweise dazu, dass sie in Europa als trivial und unterentwickelt wahrgenommen wurde.»

Villoteaus Orientstudien stehen am Anfang einer Entwicklung, die rund hundert Jahre später in die Gründung eines neuen Faches mündete: die Musikethnologie. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Weichen dann neu gestellt: Mit der damals entstehenden Aufnahmetechnik konnten die europäischen Musikforscher die arabische Musik nun in ihrer ganzen Komplexität festhalten und untersuchen.

Die ungekürzte Version dieses Artikels erschien in: «magazin. Die Zeitschrift der Universität Zürich», 4/10, S. 18f.

Roger Nickl ist Redaktor «magazin. Die Zeitschrift der Universität Zürich».

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