Schweizer Kinderfernsehen

Multimediales Ramba-«Zambo»

Gutes Kinder- und Jugendfernsehen soll zum Mitmachen animieren. In einer medienwissenschaftlichen Dissertation an der Universität Zürich wurde untersucht, wie das Schweizer Fernsehen diesen Anspruch umsetzt. Vom «Spielhaus» 1968 bis zum aktuellen Kinder- und Jugendangebot «Zambo» im Verbund von Fernsehen, Radio und Internet.

Roland Gysin

Das Schweizer Fernsehen (SF) ging 1952 erstmals auf Sendung, und seither gibt es auch spezielle Programme für Kinder. Erst zaghaft, ab 1965 immer mehr. Wobei in jüngster Zeit wieder ein leichter Rückgang zu verzeichnen ist. Im Jahr 2000 betrug der prozentuale Anteil der Kindersendungen am Gesamtprogramm 21,7 Prozent. 2007 waren es 17,7 Prozent.

Eine weitere deutliche Veränderung seit 1965 ist die Zunahme von Zeichentrickfilmen gegenüber realen Darstellungsformen wie dem Puppenspiel. Interaktivität und Feedbackmöglichkeiten haben tendenziell ebenfalls zugenommen, während die Anwesenheit von Kindern in Sendungen seit 1995 auf niedrigem Niveau (10 Prozent) stagniert.

Gerne Interaktiv

Eine grosse Herausforderung ist die Frage nach Aktivierungen oder Interaktivitäten, die sich aktuell besonders im Zusammenhang mit dem neuen trimedialen (Fernsehen, Radio und Internet) Kinder- und Jugendangebot «Zambo» stellt und den damit verbundenen technischen Möglichkeiten.

Es geht um das direkte Erlebnis und den Spass am Dabeisein: www.zambo.ch: (Bild: SF DRS)

Aktivierungen waren bereits im ersten Vorschulprogramm «Das Spielhaus», das 1968 startete, ein grosses Thema. Hinter dem Konzept stand die Idee eines kreativen Aktivierungsprogrammes, das die Kinder nach dem Fernsehen auch wieder vom Fernsehen weg führen sollte.

Kinder sollten zum Mitmachen angeregt werden. Dabei war es den Fernsehmachern wichtig, dass vertraute Elemente in den Sendungen vorkamen, wie zum Beispiel die immer gleichen Requisiten. Zudem wollten sie die einzelnen Beiträge zwar ähnlich, aber variiert gestalten, etwa mit einem Monatslied, einem Spiel oder rhythmischen Übungen. Und die ganze Sendung sollte wiederholt werden.

Nah dran

Die Wiederholungen sollten bei den Kleinen eine Steigerung der Aktivitäten, der Konzentration und Aufmerksamkeit bewirken. Auch die sensomotorische Entwicklung der Vorschulkinder wurde berücksichtigt. Man ging dabei von der Annahme aus, dass sich das Kind Dinge erst aneignen kann, wenn der zu lernende Handlungsablauf in Eigentätigkeit umgesetzt werden kann. Gerade das bewegte Fernsehbild eignet sich dafür hervorragend, denn es können einfache Bewegungsabläufe vorgemacht werden, die das Kind nachahmen kann.

Bis in die 1980er Jahre wurden Konzepte mit konkreten Aktivierungsvorschlägen für das Kinderprogramm des SF ausgearbeitet, was sich auch in den Sendetiteln wie zum Beispiel «Jetzt sind mir drah» oder «Mach-mit-Magazin» für 7- bis 9-Jährige zeigte.

Mehr Programm, mehr Kommerz, mehr Strategie

Umstrukturierungen im Kinderprogramm des SF in den 1990er Jahren führten zu einer veränderten Haltung. Ab Mitte der 1990er Jahre werden Einschaltquoten sowie der Unterhaltungsfaktor im Kinderprogramm massgebend, das Kinderprogramm entwickelt sich in der Folge vermehrt in eine Richtung: mehr Programm, mehr Kommerz, mehr Strategie.

Eigenproduktionen, die auf pädagogischen Konzepten basierten und die die Entwicklungspsychologie und -förderung des Kindes im Fokus hatten, wurden seltener. Eingekaufte amerikanische Sendungen dominieren seit dem Jahr 2000 das Kinderprogramm des SF.

Angebot auf Radio, Fernsehen und im Internet

Das heutige Kinder- und Jugendprogrammangebot des SF «Zambo» entsteht in der ersten trimedial geführten Redaktion, die im Rahmen des Konvergenzprojektes der SRG Deutschschweiz umgesetzt wurde. Seit August 2010 schaltet «Zambo» auf Radio, Fernsehen und Internet täglich sein Angebot.

Dazu gibt es online eine betreute Community, über die aktiv das On-air-Programm von Fernsehen und Radio mitgestaltet werden kann. Neu in der Geschichte des Kinderfernsehens ist die eigenproduzierte fiktionale Serie «Best Friends» mit Jugendlichen im Oberstufenalter, welche teenagertypische Themen aufgreift.

Von der Aktivierung zur Interaktivität

Betrachtet man die Entwicklung des Kinderprogramms im SF hinsichtlich Aktivierung und Interaktivität, ist eine Verschiebung der Aktivierung hin zur Interaktivität zu beobachten. Aktivierungen, wie sie den pädagogischen Konzepten des Kinderfernsehens SF zugrunde lagen, zielten in erster Linie darauf ab, das Kind in seiner kognitiven und emotionalen Entwicklung zu fördern, also einen Lern- und Entwicklungsprozess zu unterstützen. Auch gab es Feedbackformen, wie zum Beispiel  das Präsentieren von eingesandten Bildern, diese fanden aber zeitverzögert statt.

Die Interaktivität, welche besonders in der trimedialen Kinderwelt betont wird, zeichnet sich gerade durch die (meist) zeitgleiche Beteiligung der Kinder und Jugendlichen am Programm aus. Die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer haben so die Möglichkeit, ihre Inhalte ins Programm einzubringen. Auch bei interaktiven Beteiligungsformen sind Lernerfolge selbstverständlich nicht ausgeschlossen, dennoch ist die Zielsetzung eine grundlegend andere: Es geht um das direkte Erlebnis, den Spass am Dabeisein, der nach wenigen unterhaltsamen Sekunden aber auch schon wieder vorbei ist.

Die technischen Möglichkeiten sind heute um ein Vielfaches grösser als noch 1970. Ein starkes Aktivierungs- und Förderkonzept hinter dem Schweizer Kinderprogramm «Zambo», kombiniert mit den neusten technisch interaktiven Möglichkeiten, würde Spass, Unterhaltung und Förderung in einem bieten!

Literatur

Sara Signer, Qualität im Kinderfernsehen aus Rezipienten- und Angebotsperspektive. Operationalisierungund mehrperspektivische Beurteilung von Programmqualität des Schweizer Kinderfernsehens von 1965 bis 2009 zur künftigen Qualitätssicherung, Unveröffentlichte Dissertation, Universität Zürich, 2010.

Sara Signer ist wissenschaftliche Assistentin in der Abteilung «Medienrealität und Medienwirkung» am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung, Universität Zürich.

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