Religionspolitik

«Mehr Mut zur Verschiedenheit»

Islamischen Religionsgemeinschaften blieb die öffentlich-rechtliche Anerkennung im Kanton Zürich bisher versagt. Das wird sich kaum bald ändern, so der Tenor an einem Podium zum Thema «Ist Religion Privatsache?». Umso wichtiger sei der interreligiöse Dialog, auch wenn dieser «kein Sonntagsspaziergang ist».

Adrian Ritter

Das Kruzifix im Schulzimmer, das Kopftuch beim Basketball und das Schächtverbot im Tierschutzgesetz: Religion spielt sich nicht nur im privaten oder kirchlichen Rahmen ab, sondern ist immer auch sichtbar und rührt an gesellschaftliche und politische Fragen.

Regierungsrat Markus Notter: «Die Religion ist zu wichtig, um sie nur den Vertretern der Religionsgemeinschaften zu überlassen.» (Bild: Adrian Ritter)

Darin waren sich am Samstag auch die drei Vertreter von Christentum, Judentum und Islam auf dem Podium einig – Thomas Wipf (Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes), Herbert Winter (Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes) und Hisham Maizar (Präsident der Förderation Islamischer Dachverbände).

Das persönliche Glaubensbekenntnis sei zwar privater Natur, aber das Evangelium ziele auch darauf ab, das Zusammenleben zu harmonisieren, so Wipf. Diese gesellschaftliche Einflussnahme müsse allerdings im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung geschehen, stimmten ihm Winter und Maizar zu.

Voraussetzungen für den Dialog schaffen

«Die Religion ist zu wichtig, um sie nur den Vertretern der Religionsgemeinschaften zu überlassen», vertrat der Zürcher Regierungsrat Markus Notter die staatliche Sicht. Der Kanton Zürich geht denn auch über die in der Bundesverfassung garantierte Religionsfreiheit hinaus und hat in der Kantonsverfassung festgeschrieben: «Kanton und Gemeinden schaffen günstige Voraussetzungen für den Dialog zwischen den Kulturen, Weltanschauungen und Religionen.»

Vor allem aber liegt es in der Kompetenz der Kantone, religiöse Gemeinschaften öffentlich-rechtlich zu anerkennen. Es sei dies ein sinnvoller Schritt, um das «Abdriften in radikale Kleinstgemeinschaften zu verhindern», so Notter.

Im Kanton Zürich sind drei christliche und seit 2005 auch zwei jüdische Gemeinschaften anerkannt. «Wir sind jetzt endlich in diesem Staat angekommen», umschrieb Herbert Winter seitens des Judentums die positive Auswirkung der Anerkennung.

Vertreter dreier Weltreligionen (von links): Herbert Winter, Thomas Wipf und Hisham Maizar. (Bild: Adrian Ritter)

Wunsch nach öffentlich-rechtlicher Anerkennung

Hisham Maizar würde sich aus demselben Grund auch für den Islam die öffentlich-rechtliche Anerkennung wünschen: «Auch wir bauen Brücken, tragen zur gesellschaftlichen Integration bei und leisten einen Beitrag zum Religionsfrieden.»

2003 hatte der Souverän im Kanton Zürich einem Gesetz eine Abfuhr erteilt, welches die Anerkennung weiterer Religionsgemeinschaften ermöglicht hätte. Entsprechend seien derzeit keine politischen Bestrebungen im Gange, islamische Religionsgemeinschaften zu anerkennen, sagte Notter. Die Zeit dazu sei nicht reif, meinte auch Thomas Wipf. Ein solcher Prozess brauche Zeit und den Aufbau von Strukturen («Verkirchlichung»).

Toleranzartikel in der Bundesverfassung?

Braucht es auf eidgenössischer Ebene mehr als nur ein Bekenntnis zur Religionsfreiheit in der Verfassung, wollte Podiumsmoderator und Theologieprofessor Konrad Schmid wissen.

Wipf würde sich wünschen, dass auf Bundesebene die Religionen nicht nur als Mühsal wahrgenommen, sondern auch deren Leistungen anerkannt würden: «Die Bundesverfassung erfüllt die Voraussetzungen für eine moderne Religionspolitik nicht.» Ob es einen Toleranz- oder Dialogartikel in der Bundesverfassung brauche, darüber könne man durchaus diskutieren, gab sich Notter offen.

Abgrenzung gefordert

Was die Ängste in der Bevölkerung anbelangt, so müssten sich die Schweizer Muslime klarer von fundamentalistischen Positionen abgrenzen, forderten Wipf und Winter.

Dies erzeugte im Publikum ein Seufzen. «Was sollen wir denn noch tun, um das Bekenntnis zum Rechtsstaat zu kommunizieren?», fragte eine Muslimin und verwies auf die einseitige Berichterstattung der Medien. Ein fundamentalistischer Prediger sei für die Medien eben interessanter als eine Medienmitteilung mit einem Bekenntnis zur Bundesverfassung.

Ähnliche Erfahrungen hatte ein Vertreter der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) gemacht. Die VIOZ habe sich 2005 in einer öffentlichen Erklärung zu Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechten und Religionsfreiheit bekannt: «Das Medienecho war gering.»

Der interreligiöse Dialog

Nicht nur das Verhältnis von Religion zu Staat wurde auf dem Podium diskutiert, auch das Verhältnis der Religionen untereinander. «Der interreligiöse Dialog ist kein Sonntagsspaziergang, das hat das Minarettverbot gezeigt», so Michel Bollag, Co-Leiter «Zürcher Lehrhaus», ein Forum für den Dialog zwischen Christentum, Judentum und Islam.

Man habe bisher vor allem die Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen betont, meinte Thomas Wipf und forderte «mehr Mut zur Verschiedenheit». Regierungsrat Notter äusserte die Hoffnung, dass sich die Bürgerinnen und Bürger des spannenden kulturellen Erbes der verschiedenen Religionen bewusster würden.

Es sei beeindruckend, etwa den Gottesdienst einer anderen Religion zu besuchen. Kantons- und Regierungsrat des Kantons Zürich hatten nach der Anerkennung von zwei jüdischen Religionsgemeinschaften ihre Eröffnungsfeier für das Amtsjahr 2006/2007 in einer Zürcher Synagoge gefeiert.

Die Tagung «Ist Religion Privatsache? Das Verhältnis zwischen Staat und Religion in der Schweiz» wurde von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich, dem Zentrum für Religion, Wirtschaft, Politik (ZRWP), dem Dialog-Institut und dem Zürcher Lehrhaus organisiert.

Adrian Ritter ist Redaktor von UZH News.

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