Bologna-Reform

Mehr Freiraum erwünscht

Über 100 Studierende folgten am Mittwoch der Einladung des Studierendenrates zum «Bologna-Talk» und sagten, wo ihnen der Schuh drückt. Prorektor Otfried Jarren und Verantwortliche verschiedener Fakultäten betonten ihr Interesse, gemeinsam mit den Studierenden nach Möglichkeiten zur Verbesserung der Studienbedingungen zu suchen.

David Werner1 Kommentar

Die Studierenden, die sich zum «Bologna-Talk» einfanden, hatten sich offenkundig gut vorbereitet. In knappen und präzisen Statements listeten sie die Probleme auf, die ihrer Meinung die Bologna-Reform mit sich bringt.

Moderierte den Bologna-Talk souverän: StuRa-Präsidentin Gwendolyn Marx. (Bild: David Werner)

Gwendolyn Marx, seit Januar Präsidentin des Studierendenrates (StuRa), führte souverän durch die Veranstaltung. Unterstützt wurde sie dabei von David Studerus vom Fachverein Jus. «Wir wollen heute im Austausch mit den Lehrverantwortlichen einen Schritt zur Verbesserung des Bologna-Systems machen», sagte Marx zur Einführung.

Es kristallisierte sich rasch heraus, wo für die Studierenden die Hauptprobleme liegen. Dazu gehört an erster Stelle die allzu starre Struktur vieler Studiengänge. Mehrfach wurde das Bedürfnis nach mehr Freiraum bei der Wahl von Veranstaltungen laut. «Das System ist auf Studierende ausgerichtet, die einen äusseren Antrieb brauchen, um etwa zu leisten», sagte eine Romanistik-Studentin.

Überfrachtetes Grundstudium

Eine Germanistik-Studentin bedauerte, dass in ihrem Fach die offizielle Lektüreliste gekürzt worden sei, um den dichteren Stundenplan im Grundstudium zu kompensieren. Bernd Roeck, Dekan der Philosophischen Fakultät, griff das Votum auf und ermunterte die Studentin, sich in ihrem Lesehunger nicht bremsen zu lassen.

«Auch in Bologna-Zeiten sollten sie das tun, was Germanistinnen und Germanisten immer tun sollten: lesen, lesen, lesen; auch das, was auf keiner Liste steht», sagte Roeck. Wer meine, sich allein an die Pflichtlektüre halten zu können, um in seinem Fach Bescheid zu wissen, sei in den Geisteswissenschaften «auf dem falschen Dampfer».

Ein Medizinstudent entgegnete, er habe ein besonderes Interesse für Kardiologie und würde gern zusätzliche Literatur dazu zu lesen. «Meine Zeit reicht aber nicht, weil die Vorbereitung prüfungsrelevanter Stoffe meine gesamte Kapazität beansprucht.»

Klaus Grätz, Dekan der Medizinischen Fakultät, schloss sich dieser Kritik an: «Die ersten Studienjahre sind in der Tat vollgestopft mit Pflichtstoffen», sagte er. Hier seien Verbesserungen nötig. Auch Prorektor Otfried Jarren mahnte in diesem Punkt Korrekturen an: «Das Grundstudium ist in vielen Fächern und Fakultäten überfrachtet».

Klare Voten: Studierende bemängelten unter anderem die starre Struktur vieler Studiengänge. (Bild: David Werner)

Job neben dem Studium

Teilzeitlich zu studieren sei schwieriger geworden, fanden viele Studierende. Diejenigen, welche ohne finanzielle Sorgen ihre volle Energie ins Studium investieren könnten, würden bevorzugt. Thomas Hildbrand, Leiter des Bereichs Lehre, betonte demgegenüber, dass auch im Bologna-System die Möglichkeit bestehe, die Norm-Studienzeit zu strecken und Studienleistungen über längere Zeiträume hinweg zu erbringen. Offenkundig sei dies vielen Studierenden nicht bewusst.

Michael Hengartner, Dekan der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät, schlug vor, Wegleitungen für Teilzeit-Studiengänge bereitzustellen, wie es sie im Fach Biologie bereits gebe.

Komplizierter Universitätswechsel

Ein weiteres grosses Thema war die Mobilität. Viele Studierende beanstandeten, dass Bologna den Wechsel an andere Universitäten nicht erleichtert, sondern eher erschwert habe. Bei der Anrechnung auswärts erbrachter Leistungen bestünden zu viele Unsicherheiten. «Wo es zu Komplikationen kommt, wird oft so getan, als liege der Fehler bei uns», beklagte sich eine Studentin, die kürzlich von Bern nach Zürich wechselte, um hier Kulturanalyse zu studieren.

Prorektor Otfried Jarren sagte dazu: «Der Wechsel zwischen den Universitäten ist gewünscht und gefragt, und wir müssen zukünftig bei der Anerkennung auswärts erbrachter Leistungen grosszügiger sein, ohne dass wir europaweit die Studiengänge normieren.»

Thomas Hidber, Leiter der Fachstelle Studienreformen, räumte ein, dass sich manche Partneruniversitäten untereinander noch zu wenig vertrauten. Er sei aber zuversichtlich, was die zukünftige Entwicklung anbelange: «Die Universitäten werden sich kulanter verhalten, sobald sie mehr Erfahrungen im Studierenden-Austausch gesammelt haben.»

Probleme aufgelistet: Die Anliegen der Studierenden werden in die Arbeit der Lehrkommission der UZH einfliessen. (Bild: David Werner)

Prüfungen wecken Emotionen

Beim Thema Prüfungen kam die bregrenzte Aussagekraft von Multiple-Choice-Tests zur Sprache, ausserdem wurde der Wunsch nach fundierteren Feedbacks laut. Anlass zu Kritik gaben knapp anberaumte Termine und Fristen. Wer Seminararbeiten schon während des Semesters abgeben müsse, könne sich nicht vertieft mit dem Stoff befassen, meinte eine Geschichtsstudentin. Beanstandet wurden sich überschneidende oder zu dicht aufeinander folgende Prüfungstermine.

Generell sollten Prüfungen in der vorlesungsfreien Zeit stattfinden, meinte ein Jus-Student: «Es ist unmöglich, den Stoff aktueller Vorlesungen und Seminare zu verarbeiten, während man sich zugleich auf Prüfungen vorbereiten muss.»

Verzögerter Übertritt zum Master

Einige Studierende äusserten den Wunsch, nicht bestandene Prüfungen rascher wiederholen zu dürfen. Eine Psychologie-Studentin beklagte sich darüber, dass bestimmte Prüfungen nur einmal pro Jahr stattfinden würden, das führe zu unnötigen Verzögerungen des Studiums.

Eine Französisch-Studentin fiel in der letzten Prüfung im Bachelor-Studium knapp durch und musste dann wegen zwei fehlender ETCS-Punkte ein ganzes Semester anhängen, bevor sie auf der Masterstufe weiterstudieren konnte. «Ich finde es realitätsfremd, wenn man in solchen Grenzfällen nur auf die Reglemente schaut», sagte sie.

Zu reden gab auch die Abschaffung von Wiederholungsprüfungen im Ökonomie-Studium. Prodekanin Uschi Backes-Gellner begründete den Entscheid so: Erstens hätten Wiederholungsprüfungen zu viele personelle Ressourcen gebunden, die dann in der Studierendenbetreuung gefehlt hätten. Zweitens zeige die Erfahrung, dass Wiederholungsprüfungen Studierende dazu verleiten könnten, einen Fehlversuch einzukalkulieren und erst die zweite Prüfung mit vollem Ernst anzugehen.

Resümee folgt am «Tag der Lehre»

Neben den bereits genannten Fakultätsvertreterinnen und -vertretern nahmen auch Konrad Schmid, Dekan der Theologischen Fakultät, Barbara Relly vom Studiendekanat der Vetsuisse-Fakultät, Thomas Lutz, Präsident der Lehrkommission der Vetsuisse-Fakultät, sowie Christian Schirlo, Leiter des Studiendekanats der Medizinischen Fakultät am «Bologna-Talk» teil.

Sie alle bekundeten ihr Interesse an einem konstruktiven Dialog. Michael Hengartner versprach, sich für flexiblere Strukturen einzusetzen. Uschi Backes-Gellner mahnte an, bei aller Kritik an Bologna die Vorteile der Reform nicht zu übersehen.

Interessierte Zuhörer: Thomas Hidber (2.v.l.) , Otfried Jarren (3.v.l.), Dekane verschiedener Fakultäten und StuRa-Vertreter auf dem Podium. (Bild: David Werner)

Prorektor Otfried Jarren bedankte sich am Schluss der Veranstaltung für die engagierten Voten der Studierenden. Er forderte sie auf, sich weiterhin aktiv an der Ausgestaltung der Studienreform zu beteiligen. Primäre Anlaufstelle für Anregungen und Kritik seien die Programmverantwortlichen der Institute und Fakultäten.

Die Statements der Studierenden würden ausgewertet und in die Arbeit der Lehrkommission der UZH einfliessen. Diese wird Anfang März unter Berücksichtigung aller verfügbaren Informationen – dazu gehört auch der Forderungskatalog der Gruppe «unsereuni» – die Situation sichten und das weitere Vorgehen koordinieren.

StuRa-Präsidentin Gwendolyn Marx sagte, der StuRa werde aufgrund der Veranstaltung ein Positionspapier erarbeiten und dieses dann an die Lehrkommission der UZH weiterreichen. Am 27. Oktober 2010, am «Tag der Lehre», wird der StuRa ein Resümee über die bis dahin erzielten Fortschritte ziehen.

David Werner ist Redaktor des unijournals.

1 Leserkommentar

Oliver Weingartner schrieb am im Grossen und Ganzen positiv Nach 7 Semestern im Bolongasystem sehe ich viele Vorteile im Vergleich zu früher. Und im Grunde leuchtet es mir auch ein, dass bei so einem Systemwechsel nicht auf Anhieb alles klappt. Andererseits gibt es mir doch etwas zu denken, dass alle Universitäten gerade bei der Bolognareform nur für sich schauen. Wieso hat die Uni Zürich so wenig aus den Fehlern der Unis gelernt, die die Reform schon früher angestrebt haben? Dieses "Eigenbröteln" scheint sogar innerhalb der einzelnen Fakultäten unserer Uni um sich zu greifen. Oder weshalb haben wir in der rechtswissenschaftlichen Fakultät beim Übertritt vom Bachelor in den Master eine Übergangsregelung (18 ETCS-Punkte) während eine Französischstudentin wegen nur zwei Punkten ein Semester anhängen musste?

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