Religiöse Toleranz

Liebe deine Nächsten

Toleranz ist mehr, als den Anderen einfach nur zu dulden. Eher hat sie mit Anerkennung zu tun und einem Bewusstsein von der eigenen Fremdheit und Begrenztheit. So das Fazit einer Tagung über «Religiöse Toleranz heute – und gestern», organisiert vom Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie und der Sigi Feigel-Gastprofessur für Jüdische Studien.

Andreas Hunziker

Im 18. Jahrhundert als aufklärerischer Kampfbegriff gegen Religionsverfolgungen entwickelt, wird die Idee der Toleranz heute bis in die Feuilletons internationaler Medien hinein wieder auffällig oft und kontrovers diskutiert. Und auch in der Schweiz ist «religiöse Toleranz» zum Thema geworden, spätestens seit der Abstimmung über die Minarett-Initiative, und zwar bis hin zur Frage, ob ein sogenannter «Toleranzartikel» in die Bundesverfassung aufzunehmen sei.

Seite an Seite: Moschee und Kirche im palästinensischen Ort Zababdeh. (Bild: istockphoto)

Dieser Bogen war der Hintergrund der Tagung «Religiöse Toleranz heute – und gestern», organisiert vom Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie sowie der Sigi Feigel-Gastprofessur für Jüdische Studien der Theologischen Fakultät der Universität Zürich. Bewusst wurde die Frage der Toleranz also im Spannungsfeld zwischen den aktuellen Diskussionen und ihren geschichtlichen Wurzeln angesiedelt.

Toleranz mehr als blosse Duldung

Eine der Leitfragen der Tagung stellte im Eröffnungsreferat Myriam Bienenstock, Philosophin und erste Sigi Feigel-Gastprofessorin: In ihrer Auseinandersetzung mit dem «Fall Spinoza» kristallisierte sich das Problem heraus, worin Toleranz bestehen würde, wenn sie mehr sein soll als nur die Duldung der «Irrlehre» des Anderen. Wie ist das Positive der Toleranz zu erfassen?

Eine erste Antwort fand sich im Referat von Norbert Waszek, Professor für Philosophie- und Ideengeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts in Paris, der sich mit den «Deutungslinien der Toleranz bei Lessing» auseinandersetzte. Auch wenn in Lessings Aufklärungsstück «Nathan der Weise» der Toleranzbegriff nur einmal vorkommt, so ist für Lessing die Toleranz immerhin ein notwendiger Zwischenschritt, nicht aber Endziel: Die Protagonisten dulden sich nicht nur, am Schluss des Dramas scheint sogar etwas wie Freundschaft zu entstehen.

Als direkte Auseinandersetzung mit der Frage, worin eine Toleranz besteht, die mehr als blosse Duldung ist, erwiesen sich auch Ludwig Sieps Ausführungen über «Toleranz im deutschen Idealismus». Siep, Professor für Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, unterschied dabei nicht nur zwischen passiver und aktiver Toleranz, sondern er unterschied diese noch einmal vom Phänomen der Anerkennung des Anderen als notwendiger Bedingung der eigenen Selbstwerdung.

Das Modell der doppelten Mitgliedschaft

Der zweite Teil der Tagung beschäftigte sich primär mit rechtlichen, gesellschaftlichen und politischen Fragen der Gegenwart. Das galt bereits für den öffentlichen Abendvortrag des deutschen Ägyptologen Jan Assmann mit dem Titel «Leitkultur und doppelte Mitgliedschaft. Überlegungen zur Toleranzdebatte». In Anschluss an Lessing und Mendelssohn plädierte er für ein Modell doppelter Mitgliedschaft, um den gegenwärtigen Formen von (religiöser) Intoleranz wirksam begegnen zu können. Es brauche eine globalisierte Zivilisiertheit, deren Werten und Normen sich auch die partikularen Religionen unterzuordnen hätten.

Katajun Amirpur, Assistenzprofessorin für Moderne islamische Welt, Universität Zürich: für eine Toleranz, die durch den Begriff der Demut geprägt ist. (Bild: Roland Gysin)

Über «Gegenwärtige islamische Konzeptionen von religiöser Toleranz» am Beispiel Iran sprach Katajun Amirpur, seit kurzem Assistenzprofessorin für Moderne islamische Welt an der Universität Zürich. Sie führte aus, wie sich im Gespräch mit mystischen und schiitischen Theologen ein Modell von Toleranz entwickeln lässt, das massgeblich durch den Begriff der Demut und damit einer Figur der Selbstbegrenzung bestimmt ist.

Einem besonders herausfordernden, rechtlichen Problem stellte sich die Zürcher Historikerin Sonja Weinberg in ihrem Vortrag «Religiöse und politische Toleranz gegenüber Minderheiten». Sie plädierte für einen rechtlichen Minderheitenschutz, damit sich der universalistische Individualismus des Völkerrechts nicht unter der Hand in eine Chancenungleichheit für diese Minderheiten verwandelt. Zugleich machte sie aber deutlich, dass es dabei auf eine Ausbalancierung zwischen den Gruppeninteressen und denjenigen des jeweiligen Staates ankommt.

Zu einer sehr kontroversen Diskussion führte Micha Brumliks Frage «Zur Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Antiislamismus». Brumlik ist Erziehungswissenschaftler und Direktor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main. Auch wenn Brumlik die Vergleichbarkeit der beiden Phänomenkomplexe deutlich einschränkte, wehrte er sich dagegen, dass bereits kritisiert wird, wer auch nur schon die Frage nach einer (partiellen) Vergleichbarkeit dieser Phänomene stellt.

Micha Brumlik, Professor für allgemeine Erziehungswissenschaft, Frankfurt: Die Frage nach der Vergleichbarkeit von Antisemitismus und Antiislamismus muss erlaubt sein. (Bild: Roland Gysin)

Rechtsgehorsam einfordern

In einer abschliessenden Podiumsdiskussion unter der Leitung von Brigitta Rotach vom Theologischen Seminar stach vor allem die Frage um Assimilation und/oder Integration hervor. Während Myriam Bienenstock für das französische Modell des assimilierten Judentums argumentierte, hoben Katajun Amirpur und andere das Missverständliche an diesem Begriff hervor. Es sei besser, von Integration zu sprechen und damit zu markieren, dass es dabei weniger um die Übernahme bestimmter Bräuche als vielmehr um Rechtsgehorsam gehe.

Insgesamt hat sich die gewählte Problemkonstellation, die Frage der Toleranz im Spannungsfeld zwischen Gegenwart und ihren geschichtlichen Wurzeln in der Aufklärung anzusiedeln, als produktiv erwiesen. Es ist erhellend, nach dem Potenzial der Aufklärungs-Reflexionen für die gegenwärtigen Diskurse um «religiöse Toleranz» zu fragen. Allerdings darf nicht vergessen gehen, was unsere Situation von derjenigen des 18. Jahrhunderts unterscheidet.

Es braucht eine selbstkritische und auf ihre eigene Dialektik aufmerksam gewordene Aufklärung, um sich in einer unüberschaubar komplexen und zugleich globalen Welt so zu orientieren, dass dabei nicht wiederum neue Herrschaften aufgerichtet werden. Den Anderen in seiner Andersartigkeit wirklich verstehen zu wollen, heisst auch, der eigenen Fremdheit, Undurchsichtigkeit und Begrenztheit zu begegnen – ein, wie sich an der gut besuchten Veranstaltung gezeigt hat, für die Toleranzdiskussion entscheidender Gesichtspunkt.

Andreas Hunziker ist Oberassistent am Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie, Universität Zürich.

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