Gewaltprävention

Junge Männer in der Krise

Wer schon jung Gewalt anwendet, tut es oft auch später. Das ist ein Ergebnis der grossen Studie zur Gewaltprävention «z-proso». Der Kriminologe Denis Ribeaud von der Universität Zürich ist einer der Studienleiter. Er äussert sich im Interview mit UZH News über Risikofaktoren aggressiven Verhaltens in der Kindheit. 

Marita Fuchs1 Kommentar

Herr Ribeaud, «z-proso» ist europaweit eine der grössten Studien zur Gewaltprävention, die Kinder über längere Zeit beobachtet und auch die Eltern und Lehrpersonen mit einbezieht. Was genau untersucht die Studie?

Es geht ganz praktisch darum, die langfristige Wirksamkeit zweier sorgfältig ausgesuchter Frühpräventionsprogramme auf das Sozialverhalten der Teilnehmenden einzuschätzen.

Dazu wurden 56 Schulhäuser in der Stadt Zürich nach dem Zufallsprinzip in vier Gruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe wurde den Eltern der Erstklässler angeboten, unentgeltlich am Elterntraining «Triple P» teilzunehmen. In der zweiten wurde im Rahmen des regulären Schulunterrichts das Sozialkompetenztraining «PFADe» unterrichtet. In der dritten Gruppe wurden beide Programme umgesetzt, und die vierte Gruppe diente als Kontrollgruppe.

Gewalt auf dem Pausenhof: Kinder, die bereits im Vorschulalter andere schlagen, sind auch in der Primarschule und später in der Pubertät häufiger aggressiv als Gleichaltrige. (Szene gestellt) (Bild: Marita Fuchs)

Unterdessen wissen wir, dass zumindest «PFADe» auch drei Jahre nach der Umsetzung einen nachhaltig günstigen Einfluss zeitigt. Künftige Erhebungen werden zeigen, ob dieser über die gesamte Schulzeit aufrechterhalten werden kann.

Betreiben Sie mit der Studie auch Grundlagenforschung?

Ja, wir möchten herausfinden, welche Faktoren langfristig Gewalthandeln im Lebenslauf begünstigen und welche es hemmen. Ebenso geht es in diesem Zusammenhang um die Bestimmung typischer Verlaufsmuster, also gewissermassen von «Gewaltkarrieren». Zu diesem Zweck wird das Sozial- und insbesondere das Gewaltverhalten der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen über Jahre hinweg möglichst genau durch Befragungen der Kinder und Jugendlichen, ihrer Eltern und ihrer Lehrpersonen erfasst.

Im Rahmen dieser Befragungen wird auch eine breite Palette von Risikofaktoren aus dem ganzen Spektrum möglicher Einflussbereiche erfasst. Dazu gehören insbesondere Faktoren zum Erziehungsstil, zum Familienleben, zur Persönlichkeit und zur sozialen Herkunft der Eltern, zur Schule, zur Nachbarschaft, zu Freizeitaktivitäten und zu den Beziehungen zu Gleichaltrigen. Neben diesen «äusseren» Einflüssen wird auch eine Vielzahl «interner» Faktoren untersucht wie Persönlichkeitsmerkmale und Sozialkompetenzen des Kindes.

Wie haben Sie in der Studie das Sozialverhalten der 9- bis 11-Jährigen gemessen?

Das Sozialverhalten wird mittels regelmässiger Befragungen erfasst. Dazu dient ein Fragebogen mit rund fünfzig Fragen zu verschiedenen Formen von Aggression, zu oppositionellem Verhalten (Trötzeln, Ungehorsam etc.), aber auch zu Hyperaktivität, Depressivität und, sehr wichtig für uns, prosozialem Verhalten (Empathie, Altruismus).

Dieser Fragebogen wurde in angepassten Versionen den Lehrpersonen, den Eltern und den Kindern unterbreitet. Die Lehrpersonen erhielten einen kompakten Fragebogen, der in wenigen Minuten schriftlich ausgefüllt werden kann. Die Eltern wurden von speziell ausgebildeten Interviewerinnen mit einer etwas ausführlicheren Version computergestützt zu Hause befragt.

Denis Ribeaud: Jungen reagieren in Bezug auf aggressives Verhalten verletzlicher auf Risikofaktoren als Mädchen. (Bild: PD)

Wie haben Sie die Kinder und Eltern mit Migrationshintergrund in die Studie einbezogen?

Da in der Stadt Zürich rund die Hälfte der Eltern ausser Landes geboren wurden, bestand für uns die besondere Herausforderung darin, möglichst viele Eltern in ihrer Muttersprache zu befragen. Die Interviews wurden dazu in einem sehr aufwändigen Verfahren in neun Sprachen übersetzt (Deutsch, Albanisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Englisch, Italienisch, Portugiesisch/Brasilianisch, Spanisch, Tamilisch, Türkisch).

Wie haben Sie die Kinder befragt?

Für die Kinder haben wir eine spezielle multimediale Version entwickelt, bei welcher ein bestimmtes Verhalten zeichnerisch am Bildschirm dargestellt wird, wobei gleichzeitig eine Stimme im Computer die entsprechende Frage vorliest. Das Kind kann dann ganz anonym die Frage mit einem Klick auf Ja oder Nein beantworten. Jetzt, da die Kinder älter sind, verwenden wir auch bei ihnen schriftliche Fragebögen wie bei den «Grossen».

Was sind die Risikofaktoren für aggressives Verhalten?

Der stärkste Risikofaktor für aggressives Verhalten ist früheres Gewaltverhalten. Was darauf hinweist, dass interindividuelle Unterschiede im Gewaltverhalten in der Biografie relativ stabil sind. Mit anderen Worten werden Kinder, die bereits im Vorschulalter Mitmenschen schlagen, auch in der Primarschule und später in der Pubertät häufiger aggressiv auffallen als Gleichaltrige.

Psychologische Faktoren, darunter insbesondere eine mangelhafte Selbstkontrolle beziehungsweise Impulsivität, gehören ebenfalls zu den «starken» Risikofaktoren. Im Vergleich dazu spielen Sozialisationsfaktoren eine geringere Rolle, üben aber einen indirekten Einfluss aus, indem sie langfristig die psychische Verfassung beeinflussen.

Zu den wichtigsten Sozialisationsfaktoren gehört ein ungeeigneter Erziehungsstil, worunter insbesondere mangelhafte Aufsicht sowie Inkonsequenz in der Erziehung eine wichtige Rolle spielen.

Konflikte in der Familie wirken ebenfalls als Risikofaktoren. Das können Konflikte zwischen den Eltern, aber auch zwischen Geschwistern sein, oder ganz allgemein ein feindseliges Familienklima. Dagegen haben wir bis zum Alter von elf Jahren kaum Einflüsse soziokultureller Faktoren wie den Beruf der Eltern oder den Migrationshintergrund feststellen können.

Im ausserhäuslichen Bereich sind gewalttätige Freunde sowie ein geringes Vertrauen vonseiten der Gleichaltrigen bedeutende Risikofaktoren für Gewaltverhalten. Unter Knaben hängt auch eine schlechte Beziehung zur Lehrperson auffällig mit Gewaltverhalten zusammen.

Sie konnten feststellen, dass Jungen in Bezug auf aggressives Verhalten verletzlicher auf Risikofaktoren reagieren als Mädchen, die sich als widerstandsfähiger erweisen. Wie erklären Sie sich das?

Hier stehen wir ganz am Anfang, insbesondere auch deshalb, weil unsere Ergebnisse nicht im Einklang mit einer wichtigen vergleichbaren Studien stehen.

Wir müssen deshalb zuerst herausfinden, welches die Ursachen für unsere abweichenden Ergebnisse sind. Falls sich die Annahme einer erhöhten Verletzlichkeit unter Knaben erhärten sollte, werden insbesondere zwei Erklärungsstränge näher zu verfolgen sein: Entweder vermögen Mädchen tatsächlich besser mit negativen Einflüssen umzugehen oder aber wirken sich negative Einflüsse bei ihnen anders aus.

So ist es etwa denkbar, dass negative Einflüsse bei Mädchen statt zu einer erhöhten Aggressivität eher zu depressiven Verstimmungen führen.

Gibt es je nach Migrationshintergrund unterschiedliche Risikofaktoren für Jungen und Mädchen?

Grundsätzlich wissen wir aus der Risikofaktorenforschung, dass Gewalt unabhängig von Geschlecht und Herkunft von denselben Risikofaktoren beeinflusst wird. Allerdings wissen wir aus verschiedenen Untersuchungen, dass je nach ethnisch-kulturellem Hintergrund gewisse Risikofaktoren stärker ausgeprägt sind.

Insbesondere sind unter bildungsfernen Familien mit einem Migrationshintergrund Erziehungsformen, bei denen der Vater die zentrale Autoritätsfigur darstellt und welche oft auch mit Körperstrafen verbunden sind, weiter verbreitet als in anderen Bevölkerungsgruppen.

Solche Erziehungsmuster führen insbesondere unter männlichen Jugendlichen verstärkt zur Verinnerlichung sogenannter gewaltbefürwortender Männlichkeitsnormen, welche wiederum ein starker Risikofaktor für Gewaltverhalten in der Adoleszenz sind.

Im selben Milieu werden in der Pubertät auch überdurchschnittlich viel gewaltverherrlichende und pornographische Medieninhalte konsumiert, was allenfalls bestehende Gewaltneigungen mit grosser Wahrscheinlichkeit verstärkt beziehungsweise Gewaltanwendung als normal und legitim erscheinen lässt.

Schliesslich wissen wir auch, dass männliche Jugendliche aus bildungsfernen Migrationsfamilien in ihrer Freizeit häufiger in den Ausgang gehen oder auf der Strasse «herumhängen», sich also in Situationen befinden, in welchen Gewalt besonders häufig vorkommt.

Marita Fuchs ist Redaktorin von UZH News.

1 Leserkommentar

Sonja Losurdo schrieb am Unterschied Mädchen und Jungen Wurde in der Studie neben der Gewalt nach aussen auch diejenige "nach innen" (Autoaggression)berücksichtigt? Vielleicht wäre dann der Unterschied zw. Jungen und Mädchen nicht mehr so gross. Ich habe einmal gehört, dass Mädchen eher zu autoaggressivem Verhalten tendieren. Wäre doch auch eine interessante Frage für die Studie, nicht wahr?

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