Ausgrabung «Parkhaus Opéra»

Grobschlächtige Töpfe

«Ohne Funde und Befunde keine Archäologie», sagt Franziska Pfenninger, Studentin der Ur- und Frühgeschichte an der Universität Zürich. Kein Wunder ist sie von ihrer aktuellen Arbeit im Fundlabor bei den Ausgrabungen vor dem Zürcher Opernhaus hell begeistert. Ein Erlebnisbericht.

Franziska Pfenninger

Es ist Donnerstagmorgen, acht Uhr. Das Fundlabor der Ausgrabung «Parkhaus Opéra» beim Zürcher Opernhaus öffnet seine Türen. Das Fundlabor, das sind zwei Container, eingerichtet mit Computer, Waschtrog, Fundablage und Trockenschrank.

Meine Kollegin bringt die Fundliste auf den neuesten Stand. Helga, ursprünglich Hotelfachfrau, stiess vor neunzehn Jahren per Zufall zur Archäologie. Vielen hier geht es genauso. Auch Saskia, Teamleiterin des Fundlabors, ist eigentlich Biologin und kam über das Tauchen zur Archäologie.

Franziska Pfenninger, Studentin der Ur- und Frühgeschichte, im Fundlabor: «Mich fasziniert die Nähe zu den damaligen Menschen.» (Bild: Stephanie Tremp)

Mein Weg verlief direkter. Seit der Primarschule wollte ich Archäologin werden. Nachdem ich voriges Jahr mein letztes Seminar im Fach Ur- und Frühgeschichte abgeschlossen hatte, meldete ich mich spontan auf die Ausschreibung der Unterwasserarchäologie der Stadt Zürich. Von September 2009 bis Januar 2010 begleitete ich auf der Baustelle vor dem Opernhaus die Aushubarbeiten. Seither arbeite ich im Fundlabor.

Mich fasziniert an der Archäologie vor allem die Nähe zu den damaligen Menschen und das an den gefundenen Objekten erkennbare handwerkliche Geschick. Die Ausgrabung beim Opernhaus ermöglicht mir einen tiefen Einblick in das Leben am Zürichsee vor tausenden von Jahren.

Arbeiten unter Tag

Von den Grabungsarbeiten ist nicht viel zu sehen. Die drei Teams sind bereits um halb acht Uhr unter der ebenerdigen Decke des künftigen Parkhauses verschwunden. Erst zur Pausenzeit wird es auf dem Platz lebendiger. Der eine oder die andere wirft einen Blick ins Fundlabor, um zu sehen, was alles zum Vorschein gekommen ist. Zeit, sich die Funde genauer anzusehen, bleibt während dem Graben kaum.

Viele offene Fragen

Während ich versuche, Ordnung in die Kisten mit den aufgenommenen Funden zu bringen, kommt Urs mit einem Holzobjekt. Er weiss nicht, ob es sich um ein Artefakt, also ein von Menschen bearbeitetes Objekt, handelt. Die Jahrringe an der Bruchstelle seien nicht konzentrisch, was auf Bearbeitung durch Menschenhand hinweise. Wir sollten uns das Stück genauer ansehen. Helga und ich sind ratlos. So etwas haben wir noch nie gesehen. Der Holzspezialist muss entscheiden, was weiter geschieht.

Dass man Funde nicht einordnen kann, oder sie nicht als solche erkennt, ist zwar frustrierend, kommt aber immer wieder vor. In Grundkursen an der Universität lernt man die verschiedenen Material- und Fundgattungen kennen, mehr als ein Überblick wird aber nicht geboten. Auch lassen erst die richtigen Fragen die stummen Zeugen vergangener Zeiten sprechen. Dazu braucht es Theoriekenntnisse, die man sich in Seminarien aneignet.

Fingerspitzengefühl: Das weiche und feuchte Holz, hier ein Teil eines Paddel, wird sorgfältig mit einer Wasserbrause gesäubert. (Bild: Stephanie Tremp)

Und doch. Letzten Endes beginnt alles auf der Ausgrabung. Ohne Funde und Befunde (Strukturen im Boden) keine Archäologie. Deshalb ist es wichtig, bereits während des Studiums auch bei Ausgrabungen mitzumachen. So arbeiten neben mir noch weitere Studierende hier.

Speisereste und Leim aus Birkenrinde

Von ihrer Bedeutung her lassen sich die Siedlungen beim Opernhaus mit den Pyramiden in der ägyptischen Archäologie vergleichen. Die unglaublichsten Objekte haben sich unter Luftabschluss im feuchten Boden erhalten: Steinwerkzeuge mit Spuren von Birkenpech, Geflechte oder Speisereste. Die organischen Funde vom umgebenden organischen Schichtmaterial zu unterscheiden, ist anfänglich gar nicht so einfach. Das Auge muss sich erst an dieses Bild gewöhnen.

Staubig und manchmal mühselig

Die grobschlächtigen, schlecht gebrannten Töpfe der Horgener Kultur (3350–2750 v. Chr.), beziehungsweise ihre Überreste, verlangen beim Bergen und bei der Reinigung besonders viel Fingerspitzengefühl. Meist klebt eine dicke Schicht Sediment daran, die sich kaum lösen lässt.

Oft ist die Keramik auf den ersten Blick nicht einmal erkennbar. Bevor die Scherben gereinigt werden, müssen sie erst trocknen. Nach ein oder zwei Wochen kann mit einem Pinsel das anhaftende Sediment entfernt werden. Eine mühselige und sehr staubige Angelegenheit. Spätestens dann, wenn die Scherben trotz grosser Sorgfalt in den Händen zerfallen, wünscht man sich, sie wären gar nicht erst gefunden worden.

Grabung «Parkhaus Opéra», Zürich: Siedlungen von ihrer Bedeutung her mit den Pyramiden in der ägyptischen Archäologie vergleichbar. (Bild: Stephanie Tremp)

Freilegen und sortieren

Der Nachmittag neigt sich dem Ende. Es bleibt Zeit für eine kurze Glacépause, bevor die Ausgräber ihr Fundmaterial hochbringen. Bricht für die drei Teams der Feierabend an, geht es im Fundlabor erst richtig los: Kiste um Kiste kommt an, gefüllt mit verschiedenen Materialien. Die Fundzettel müssen kontrolliert werden. Später kann sich kaum jemand daran erinnern, wer was wo gefunden hat. Die Fundzettel, die den einzelnen Kisten beiliegen und Auskunft über den Fundort geben, sind deshalb von zentraler Bedeutung. Sie stellen sicher, dass man bei der späteren Auswertung die Objekte wieder, oder auch neu zueinander in Beziehung setzen kann.

Heute ist alles in Ordnung. Die Objekte wandern weiter zum Waschen. Heikle Funde, wie Holz- oder Knochenartefakte werden nass verpackt. Nach tausenden Jahren im feuchten Boden würden sie das Austrocknen nicht schadlos überstehen.

Nach zwei Stunden ist alles unter Dach und Fach. Die Funde sind gewaschen, aufgenommen und nach Material sortiert in Kisten verpackt. Das Bereinigen der Fehlerliste wird auf den nächsten Tag verschoben. Noch schnell aufräumen und dann ist Feierabend.

Franziska Pfenninger studiert Ur - und Frühgeschichte an der Universität Zürich.

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