Publizieren in den Sozialwissenschaften

Es gibt keine zweite Chance

Wer forscht, will wahrgenommen werden. Er oder sie publiziert. Am Anfang der Publikationsliste stehen meist die Dissertation oder erste Aufsätze in Fachzeitschriften. Doch wie finden Autorinnen und Autoren den richtigen Verlag? Die Verlegerin Barbara Budrich gibt Tipps und Tricks für Einsteiger.

Roland Gysin4 Kommentare

Barbara Budrich ist Geschäftsführerin des gleichnamigen deutschen Verlages. Ihr Ziel: ein sozialwissenschaftliches Veröffentlichungsforum anzubieten, das jungen wie gestandenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Publikationsmöglichkeiten eröffnet.

Barbara Budrich, Verlegerin: Wissenschaftlichkeit und Wirtschaftlichkeit kommen sich manchmal in die Quere. (Bild: Roland Gysin)

Auf Einladung der Peer-Gruppe «Qualizüri» und unterstützt von der Abteilung Gleichstellung sprach Budrich an der Universität Zürich über «Tipps, Tricks und Stolpersteine» beim Publizieren in der Geschlechterforschung. Dabei wurde schnell einmal klar: Was für Wissenschaftstexte zur Geschlechterthematik gilt, gilt für alle sozial- und geisteswissenschaftlichen Texte.

Als erstes muss eine Autorin oder ein Autor entscheiden, in welchem Umfeld ein Aufsatz oder ein Buch, etwa die Dissertation, erscheinen soll. Wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, sollte darauf bedacht sein, bei einem renommierten Verlag unterzukommen. Und bei Online-Publikationen schauen, dass eine Qualitätskontrolle über «peer reviews» stattfindet.

Verlage kalkulieren spitz

Verlage sind keine Wohlfahrtsunternehmen, sondern müssen Geld verdienen. Wissenschaftlichkeit und Wirtschaftlichkeit kommen sich manchmal in die Quere, weiss Barbara Budrich. Etwa wenn der optimale Umfang von gut 240 Druckseiten es unmöglich macht, alle wichtigen Aspekte auszuleuchten, oder wenn der gewünschte günstige Ladenpreis die Kosten einfach nicht zu decken vermag. Budrich kalkuliert spitz.

Tabellen, Grafiken und Farbfotos sind zwar schön, machen ein Buch aber teurer. Bleibt ein Gewinn von fünf Prozent übrig, ist sie zufrieden.

Die Auflagen sozialwissenschaftlicher Bücher sind nicht gewaltig. Je nach Buchgattung lässt sich der Absatz relativ genau abschätzen. Tagungsbände und Festschriften zum Beispiel sind Liebhaberobjekte für diejenigen, die dabei waren. Einführungen, Handbücher oder Nachschlagewerke hingegen interessieren ein grösseres Publikum.

Die übliche Auflage bei Dissertationen beträgt zwischen 300 und 500 Exemplaren. Bei Lehrbüchern sind es jährlich gut 3000. Kein Wunder zitiert Barbara Budrich eine alte Verlagsweisheit: «Man kann mit einem Verlag zwar ein kleines Vermögen machen, aber nur wenn man zuvor ein grosses Vermögen hineingesteckt hat.»

Erster Eindruck ist entscheidend

Den Entscheid, ein Manuskript genauer anzuschauen, fällt Barbara Budrich in wenigen Minuten. «Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem Äussern. Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance», sagt sie. Neben formalen Kriterien und der Einhaltung wissenschaftlicher Standards ebenfalls wichtig ist die Einbettung des Themas ins Verlagsprogramm. Ideal: Manuskripte zu aktuellen Fragen, die für konkrete Zielgruppen interessant sind.

Ist diese Hürde genommen, beginnt die gemeinsame Arbeit am Text. Und nicht selten besteht die Hauptaufgabe für den Autor darin, sich in der Kunst des Weglassens zu üben.

Barbara Budrichs Tipp an potenzielle Schreiberinnen und Schreiber: sich mit dem Verlag nicht zu lange über Details wie Ausstattung oder Fotos streiten, sondern sich auf das gemeinsame Interesse konzentrieren: die möglichst weite Verbreitung des Buches. Dabei kann eine Präsenz auf Facebook, bei Blogs oder bestellte Rezensionen auf amazon.com nicht schaden. Es muss ja nicht gleich ein Film auf youtube sein.

Nicht zu unterschätzen ist die Wahl des Titels. Kurz und treffend soll er sein und – besonders wichtig – suchmaschinentauglich.

Vom ersten Kontakt zum Vertrag

  • Vorabklärung folgender Fragen: Wer passt zu meinem Buch? Zu wem passt mein Buch? Welcher Verlag hat welches Programmprofil/welche Reputation?
  • Mehrere Verlage anfragen. Vergleich der Konditionen. Entscheiden
  • Gleichzeitig: Suche nach Gönnern/Sponsoren starten, zum Beispiel via eidgenössisches Stiftungsverzeichnis. Faustregel gemäss Barbara Budrich: für eine Dissertation pro Druckseite mit 5 bis 12 Euro Druckkostenzuschüssen rechnen. In der Schweiz mit mindestens 15 Franken pro Druckseite.
  • Logisch gegliedertes Manuskript mit sinnvollem Dateinamen oder aussagefähige Unterlagen bei gewähltem Verlag einreichen. Achtung: Der erste Eindruck entscheidet!
  • Im Verlag prüfen die Lektoren, teils auch peers. Falls vorhanden, Gutachten miteinreichen
  • Rückmeldung des Verlages mit Angebot
  • Nach Vertragsunterzeichnung: Kurzprotokoll mit Überarbeitungsauflagen
  • Roland Gysin ist Leiter Publishing UZH.

    4 Leserkommentare

    Dähler Richard schrieb am Anmelden bei Pro Litteris nicht vergessen In der Gebrauchsanweisung, sehr nützlich, fehlt etwas, das m.E. im Sog des ungebremsten Diebstahls geistigen Eigentums, mit Google als Vorreiter, wichtig ist: Die Dissertation bei Pro Litteris anmelden, www.prolitteris.ch in Deutschland "VG Wort" http://www.vgwort.de/athena.php Es ist mit keinerlei Kosten verbunden, der Aufwand gering.
    Christian Fuhrer schrieb am Publizieren mit Open Access Beim Stichwort „möglichst weite Verbreitung des Buches“ sollte Open Access – Publizieren mit freiem Zugriff im Internet – angewandt werden. Die Universität Zürich hat dazu Leitlinien erlassen, welche unter http://www.oai.uzh.ch ersichtlich sind. Es gibt in den Sozialwissenschaften verschiedene Möglichkeiten, mit Open Access zu publizieren, siehe etwa http://open-access.net/de/oa_in_verschiedenen_faechern/sozialwissenschaften/ oder http://www.oapen.org/news.asp#feb_news. Open Access ist die beste Garantie für möglichst weite Verbreitung.
    Christian Gutknecht schrieb am Open Access? Als Ergänzung noch ein Kriterium, dass im Text leider nicht erwähnt wird: - Erlaubt der Verlag eine elektronische Hinterlegung auf einem Repository wie ZORA? Dies bedingt, dass der Autor dem Verlag nicht exklusiv alle Verbreitungsrechte abtritt. Eine einfache Lizenz sollte genügen.
    Richard Dähler schrieb am Dissertation veröffentlichen Hätte hier nicht auch auf das Urheberrecht hingewiesen werden sollen, Verweis auf Pro Litteris?

    Kommentar schreiben

    Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Unberücksichtigt bleiben insbesondere anonyme, ehrverletzende, rassistische, sexistische, unsachliche oder themenfremde Kommentare sowie Beiträge mit Werbeinhalten.

    Anzahl verbleibender Zeichen: 1000